London. In der Spital Street im Osten Londons wartet eine Menschenschlange vor einem Fabriksgelände. Überall stehen Gitter, Securitys mit dunklen Sonnenbrillen laufen umher und nur nach Vorweis der zuvor per E-Mail verschickten Einladungen werden die Besucher mittels „Blockabfertigung“ in die Lagerhalle der „Old Truman Brewery“ eingelassen. Wer keine hat, bleibt draußen.
Es erweckt den Eindruck, als ob es sich um ein Konzert wie in der Wiener Arena handeln würde. Doch hier geht es um zwei Sportstars, Jamaikas Verband bittet eine auserwählte Klientel zum Meeting mit den Sprintern Usain Bolt und Asafa Powell. Drinnen ist es extrem heiß, auf jedem Sessel steht eine Wasserflasche und TV-Teams, Fotografen und Journalisten drängen sich um die besten Plätze. Und als Bolt, der Titelverteidiger über 100, 200 und mit der 4 x 100-Meter-Staffel die Bühne betritt, geschieht etwas in dieser Form noch nie Erlebtes. Die Fotografen schießen so viele Bilder, dass man glauben möchte, ein Regenschauer gehe auf das Dach nieder. Es blitzt in einer Tour – für den Donner sorgt schließlich der „schnellste Mann der Welt“ selbst: „Danke, genug – lasst uns quatschen.“
Kapperl, Sonnenbrille – Gold
Bolt, 25, hat sich in Birmingham auf Olympia eingestimmt. Er wirkt guter Dinge, lacht, scherzt, „ich habe keine Rückenschmerzen mehr, ich bin fit.“ Das müsse er auch sein, sagt er, denn die Welt erwarte von ihm in London „Wunderdinge“. 9,4 Sekunden im 100-Meter-Finale seien undenkbar, auch sei ihm ein weiterer Weltrekord gleich. Gold, ja, das wolle er unbedingt gewinnen. „Damit ich eine Legende werde“, sagt Bolt, rückt Kapperl und Sonnenbrille zurecht und grinst. „Ich weiß, dass ich nicht unschlagbar bin, aber ich bin ein Champion. Ich will Gold, alles andere wäre eine Niederlage.“
Den Status einer Leichtathletik-Legende hat der Sprinter aus Kingston Town, dem eine Vorliebe für Autos, Partys, Frauen und Reggaemusik nachgesagt wird, in Wahrheit aber längst erworben. Er lief die 100 Meter in unglaublichen 9,58 Sekunden, in London will er am 5. August dennoch Geschichte schreiben, als dritter Läufer nach den Amerikanern Archie Hahn und Carl Lewis, der bei Olympia den 100-Meter-Titel verteidigt. Davon lasse er sich nicht abhalten, weder von seinem Kontrahenten Yohan Blake noch dem „dummen Startblock“.
100 Meter: 41 Schritte, 44 km/h
Angst, erneut zu versagen wie nach dem Fehlstart bei der WM 2011 in Daegu, Südkorea, habe der Jamaikaner keine. Das habe er abgehakt, „ein guter Starter werde ich wohl nie werden. Was soll's...“ Wer 41 Schritte für 100 Meter benötigt und eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 44 km/h auf die Tartanbahn trommelt, hat ohnehin anderes im Kopf. „Ich sehe nur mich, meine Laufbahn, die Uhr – sie ist mein einziger Gegner – und die Ziellinie. Alles andere nehme ich im Rennen nicht wahr.“
Der 1,95 Meter große, schlaksige Athlet steht im Mittelpunkt. Selbst bei der einstündigen Frage-Show gerät Powell – er ist ehemaliger Weltrekordler und Weltmeister – ins Hintertreffen. An Bolt führt kein Weg vorbei, diese Überlegenheit hat aber auch ihren Preis. „Egal wo ich auftauche, jeder erkennt mich“, sagt Bolt, der sich an den Verlust der Anonymität im öffentlichen Leben erst gewöhnen musste. Darum ist er der Heimat so verbunden. „In Kingston behandeln sie mich wie einen ganz normalen Typen. Aber vielleicht haben alle schon die Nase voll – sie sehen mich ja jeden Tag...“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

Grid GirlsSchönheiten der Boxenstraße
SchnappschussDie besten Sportbilder