Die Presse: Lord Coe, Sie arbeiten seit 2005 und der Vergabe der Sommerspiele an London an diesem Projekt. Jetzt ist Olympia eröffnet, was geht Ihnen da so durch den Kopf?
Sebastian Coe: Für mich war es eine lange, äußerst außergewöhnliche Reise, mit vielen erstaunlichen Entwicklungen. Als wir 2005 mit dem Projekt London 2012 angefangen haben, standen wir vor einem leeren Blatt Papier, kleineren leeren Grundstücken, ohne jegliche Infrastruktur. Dann haben wir zigtausende Jobs geschaffen, Häuser und Sportstätten gebaut, alle Vorkehrungen für den Verkehr, die Sicherheit und den Ablauf der Spiele getroffen. Und jetzt stehen wir auf dem Olympiapark, einem großen Komplex für großartige Spiele. Und eines darf und wird man in London nie vergessen: Das ist alles nur durch den Sport möglich geworden.
Was bedeuteten die Sommerspiele 2012 für Großbritannien?
Wir Engländer lieben doch Fußball, Rugby, wir haben tolle Leichtathleten. In Peking 2008 waren wir Vierter in der Medaillenwertung, bei den Paralympics sogar Zweiter. Ich denke, dass dieses Ereignis für uns von großem Stellenwert ist. Wir präsentieren uns der Welt, die bei uns das größte Sportereignis der Welt erleben wird. Über den Wert des Events für Tourismus, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft muss man, denke ich, nicht viel sagen. Der sollte klar sein.
Zuletzt gab es Meldungen, London habe das Budget weit überschritten und nun 13 Milliarden Euro...
...sorry, das stimmt nicht. Da schwirren zu viele Zahlen durch die Medien. Wenn es um Geld geht, muss man darauf achten, dass man die Zahlen richtig liest. Unser Budget wurde 2006 festgesetzt und das hält auch. Es sind 9,3 Milliarden Pfund, knapp über elf Milliarden Euro. Und das Investment wurde richtig gesetzt.
Was bereitete die größten Schwierigkeiten: Verkehr, Transport, die Sicherheitsvorkehrungen oder die Stadien?
Jeder in der Projektmannschaft hat sofort und schnell verstanden, worum es geht. Es ist ein höchst kompliziertes Unterfangen, Sie können es sich ungefähr so vorstellen, wenn ein Land oder noch besser, nur eine Stadt 26 Weltmeisterschaften gleichzeitig austragen will. Das verlangt Umsicht, Planung und auch Nachhaltigkeit. Wir müssen Besuchern, vor allem aber den Athleten, das höchste Servicelevel anbieten. Die U-Bahn fährt, für die Sicherheit ist gesorgt, wir haben auch nach den Personalproblemen des Sicherheitsdienstes dank der Mithilfe der Armee reagiert. London ist jetzt die Stadt des Sports.
Stimmt es, dass alle U-Bahn-Stationen umgetauft werden und während der Spiele die Namen großer Sportler bekommen?
Die Idee gab es. Ich finde sie gut, es hätte jedoch alles noch komplizierter gemacht. Dann kennt sich ja überhaupt keiner mehr aus. Nur die U-Bahn-Linien werden nach Stars benannt, etwa Michael Johnson. Das merkt man sich.
Wenn wir schon von großen Namen sprechen, wer wird Ihrer Meinung nach der Superstar dieser Spiele?
Ach, da gibt es aber viele, die ich jetzt aufzählen könnte. Natürlich erwartet jeder von Michael Phelps oder Usain Bolt Wunderdinge. Oder wir Briten achten auf Wasserspringer Thomas Daley. Aber vorhersagen kann man im Sport in Wahrheit kaum etwas. Für mich ist jeder Olympiastarter großartig, ich kann es beurteilen, ich war ja selbst einst auch einer. Es verändert dein Leben, es bedeutet Aufregung, Spaß, Energie. Sport ist nicht wie ein Film oder ein Buch, bei dem man schon weit vor dem Ende weiß, wie es ausgeht und darum eventuell vorzeitig aussteigt. Darum sind die Spiele ja auch so spannend.
Sie dominierten einst über 800 und 1500 Meter. Würden Sie selbst gern bei diesem „Heimspiel“ mitlaufen?
Uff, mit 55 dürfte das wohl nicht mehr ein ganz so erfolgreicher Auftritt werden... Aber mein 800-Meter-Weltrekord von 1:41,73 Minuten aus dem Jahr 1981 hätte in Peking 2008 noch immer Gold bedeutet. Aber bei solchen Rennen muss einfach alles passen, es kommt auf Einflüsse, Form und Wetter an. Meine Karriere ist vorbei, jetzt schaue ich nur zu.
Im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre haben sich die Spiele verändert. Man gewinnt den Eindruck, der Kommerz diktiert, nicht mehr der Sport.
Enorme Veränderungen gab es doch schon in den 1980er-Jahren. Erinnern Sie sich an die „Communist-Command-Control“-Spiele in Moskau 1980? Der Westen boykottierte sie, und 1984, in Los Angeles war es umgekehrt. Aber der Unterschied zwischen beiden Spielen war unfassbar. 1980 lief alles strikt nach System ab, 1984 auch noch, aber bei der Eröffnungsfeier kam der „Rocket Man“ durch die Luft geflogen. In diesem Augenblick hatte die Show die Spiele erreicht, die Weiterentwicklung war nicht mehr aufzuhalten.
Wie werden Sie Olympia miterleben, haben Sie einen Tipp parat?
Ob Sie es jetzt glauben oder nicht – nicht wirklich. Ich muss im operativen Bereich Aufgaben wahrnehmen, natürlich auch diplomatisch bei allen Teams und Funktionären oder dem IOC vorgehen. Das verlangt Zeit. Ich versuche natürlich, so viel wie möglich live mitzubekommen, aber es wird sich oft einfach nicht ausgehen. Ich befürchte sogar, dass ich so wenig wie noch nie zuvor von der Leichtathletik mitbekommen werde. Das tut meiner Seele weh, sie ist schließlich meine Leidenschaft.
Sie haben jetzt mehrfach betont, dass London die großartigsten Spiele aller Zeiten erleben wird. Warum?
Es ist wichtig, das Versprochene auch einzuhalten, wie in der Politik. Meine Zielgruppe in diesem Fall sind die Athleten, und für sie wurde alles getan. Von der Unterkunft bis zur Sportstätte. Alles passt, es ist das bestmögliche Umfeld. Glauben Sie mir, genau das wird keiner vergessen.
Und was geschieht am 13. August, wenn die Spiele vorbei sind und der Tross abzieht? Dann ist alles Geschichte, und Sie machen Urlaub?
Das funktioniert nicht. Ab dem 13. August werde ich alles daransetzten, dass London die großartigsten Paralympics aller Zeiten erleben wird. Sie sehen, ich bin eigentlich noch immer ein guter Dauerläufer.
Lord Sebastian Coe gewann in seiner Karriere als Mittelstreckenläufer vier olympische Medaillen, darunter zwei Goldene im 1500-m-Lauf 1980 und 1984. 1990 beendete er seine Sportlaufbahn und wechselte in die Politik. Als offizieller Botschafter begleitete Coe die Bewerbung Londons für die Sommerspiele 2012. Nach dem Zuschlag wurde er Vorstandspräsident des Organisationskomitees. Mit Ex-Vielseitigkeitsreiterin Nicky McIrvine, die er 1990 heiratete, hat Coe vier Kinder. [Reuters]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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