London. Kayla Harrison strahlte, der Judoka liefen dennoch dicke Tränen über die Wangen, als sie im ExCel-Center von London als erste Amerikanerin bei Olympia Gold für den Gewinn des Judo-Bewerbes, in der Klasse bis 78 kg, entgegennahm. Die 22-Jährige hatte sich in diesem Augenblick wieder einmal ihrem Schicksal gestellt. Sie hat es ihren Gegnern gezeigt. Englands Premierminister David Cameron applaudierte, auch Russlands Präsident Vladimir Putin, ein begeisterter Judo-Fan und selbst ehemaliger Sportler, gratulierte und umarmte sie. Denn ihre Lebensgeschichte ist extrem hart. Kayla Harrison dachte lange an Selbstmord. Sie wurde von ihrem ehemaligen Trainer jahrelang sexuell missbraucht.
Die 421 Gramm schwere Goldmedaille ist freilich kein Ersatz oder irgendeine Form von Wiedergutmachung für die Amerikanerin. Die Last, Erinnerungen, Qualen und Selbstzweifel wird sie nie vergessen, sagte sie im Anschluss bei einer in den USA landesweit live übertragenen Pressekonferenz. „Es ist kein Geheimnis, dass mich mein ehemaliger Trainer missbraucht hat. Mittlerweile kann ich offen darüber sprechen“, fügte sie mit stockender Stimme hinzu. „Ich habe diese Situation gemeistert. Ich lebe weiter.“
Zorn, dann die Befreiung
Im Finale gegen die Britin Gemma Gibbons legte Kayla Harrison eine selten so intensiv, bewegend miterlebte Performance an den Tag. Sie schien in diesem Duell sämtlichem Zorn freien Lauf zu lassen, es glich natürlich auch einem Befreiungsschlag, dessen seelisches Ausmaß man sich aber nicht vorstellen kann, nein, sogar gar nicht will. „Um ehrlich zu sein“, erklärte die 22-Jährige, „war es furchtbar. Ich war sehr nervös. Meine Gedankenwelt brach zusammen. Ich wusste aber, dass es mein Tag sein würde. Niemand, wirklich niemand, sollte mir dieses Gefühl nehmen.“
Die Goldmedaille steht für jahrelange Arbeit, konsequentes, unnachgiebiges Verlangen, letztlich vor allem aber für Überlebenswillen. Für den Wunsch nach Freiheit, Kraft, ein Leben ohne Pein und Scham. Dieses Trauma sei ein Teil ihres Lebens, dafür habe sie „vieles opfern“ müssen. Vor allem ihre Kindheit.
Der „Bekannte“ der Eltern
Noch heute sieht sie das kleine Mädchen, das glaubte, in den Trainer, einen Freund der Familie, verliebt gewesen zu sein. Kayla Harrison sprach von einem Kind, das heult, keine Auswege mehr sieht, ganz allein dasteht. Sie wusste nicht, was in diesen Augenblicken mit ihr geschieht, es war doch der Trainer. Den damals 24-Jährigen kannte sie doch schon als Babysitter oder Gast bei Barbecue-Abenden im Haus ihrer Eltern, erzählte sie. Sie dachte drei Jahre lang, „es sei richtig“. Auch beschwichtigte sie der Betreuer immer und immer wieder, wenn sie Zweifel äußerte, dass „es zwischen uns bleiben muss, das darf keiner wissen“. Sie glaubte ihrem Mentor, solange bis sie als 15-Jährige nicht mehr weiterwusste. Sie wollte sich umbringen, mit diesem Gedanken spielte sie oft. Dann fasste sie aber doch allen Mut zusammen, brach ihr Schweigen und vertraute sich einem guten Freund, Aaron Handy, an. Er wusste, was zu tun ist, und ging sofort zur Polizei.
Der Übeltäter wurde angeklagt und gestand vor Gericht seine Tat. Er entschuldigte sich öffentlich und wurde zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.
Heute weiß Kayla Harrison, dass sie ein Leben führen will, ohne sich mit Selbstmordgedanken zu plagen. Sie ist mit ihrem Freund, dem sie vor sieben Jahren schon das Vertrauen schenkte, mittlerweile verlobt. Sie lebt in einem Haus und arbeitet bei der Feuerwehr. Sie erfüllte sich in London auch nicht nur ihren Olympiatraum, hier ging für die Weltmeisterin von 2010 ein weiterer Lebensabschnitt zu Ende. Sie sagt: „Ich war ein emotionales Wrack. Ich hasste mich, mein Leben. Das ist vorbei. Heute habe ich keine Angst mehr.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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