LeBron James und Kobe Bryant waren nicht mehr zu beruhigen. Die beiden Basketball-Superstars hielt es kaum noch auf ihren Klappstühlen. Man klopfte einander kräftig auf die Schulter, klatschte im Minutentakt lässig ab und setzte zu inflationären Jubelsprüngen an. Immer, wenn sie auf dem Großbildschirm der Basketball Arena eingeblendet wurden, grinsten sie um die Wette. Verlierer war keiner auszumachen.
James und Bryant sind Teil jenes Teams, das Donnerstagabend Geschichte schrieb. Als Teamkollege Andre Iguodala fünf Minuten vor Ertönen der Schlusssirene einen Drei-Punkte-Wurf versenkte, fühlte sich der Hallensprecher berufen, zum Mikrofon zu greifen. „Meine Damen und Herren, sie werden gerade Zeugen eines geschichtsträchtigen Spiels.“
Das US-Team besiegte Nigeria mit 156:73. Nie zuvor brachte es eine Basketballauswahl bei einem olympischen Turnier auf eine höhere Punktzahl. Die bisherige Bestmarke datiert aus dem Jahr 1988. Brasilien besiegte in Seoul Ägypten mit 138:85.
Schon die ersten Würfe der amerikanischen NBA-Stars waren als Warnung zu verstehen. Die überforderten Nigerianer hatten sich noch nicht einmal ein konkretes Bild von ihren Gegenspielern gemacht, als das „Team USA“ schon 13:0 führte. Bryant und seine Kollegen waren in bester Wurflaune, trafen speziell im ersten Viertel nach Belieben. 49:25 stand es nach 15 Minuten, 78:45 nach 30. Schon dieser Zwischenstand bedeutete olympischen Rekord.
Beinahe jeder zweite Wurf von außerhalb des Halbkreises, also aus mehr als 6,75 Meter Entfernung zum Mittelpunkt des Korbes, landete im Netz. Eine Quote, die zum Kopfschütteln animierte. Bei den Zwei-Punkte-Würfen traf man im Schnitt zu 81 Prozent. „Wenn wir so wie heute spielen, hätte sich dieser Rekord gegen jedes Team ereignen können“, sprach Carmelo Anthony Nigeria sein Beileid aus.
Tiefe Wunden
„Das war heftig. Wir wurden zerstört“, bemerkte Koko Archibong nach dem Spiel gegenüber der „Presse“. Aus der winzigen Hoffnung auf die Sensation wurde eine sportliche Demütigung. Die Afrikaner hofften auf Gnade. Vergeblich. Die Vorführung dauerte 39 Minuten. Erst kurz vor Ende stellten die US-Amerikaner den Hochbetrieb ein und begnügten sich damit, soeben Geschichte geschrieben zu haben. Das Publikum war von dem bis dahin Dargebotenen verwöhnt. Unter den Jubel mischten sich gellende Pfiffe, die man als Zeichen der Wertschätzung deuten durfte.
Während die meisten seiner Spieler mit gesenktem Haupt in die Kabine schlichen, bewies Nigerias Trainer Ayodele Bakare auch in der Stunde der Niederlage gekonnt Sinn für Humor. „Ich denke, wir hätten das Spiel gewinnen können“, sagte er, lachte und ließ seinen Blick durch die staunende Reportermenge schweifen.
„Es zählt nur Gold“
Der 156:73-Erfolg war eine einzige Machtdemonstration der viel dekorierten US-Ballkünstler. Am Ende der olympischen Reise zählen allerdings keine Rekorde oder utopisch gute Wurfquoten. Gold ist die einzige Auszeichnung von echtem Wert – auch der Vergangenheit wegen. Vor 20 Jahren hatte das „Dream Team“ rund um Michael Jordan Kultstatus erlangt. Auf dem Weg zum Olympiasieg in Barcelona wurden alle Spiele mit großem Vorsprung gewonnen. Die „Generation 2012“ will die Geschichten aus der Vergangenheit nicht mehr hören.
„Wir würden die 92er-Auswahl schlagen“, ging Bryant noch vor dem ersten Spiel ganz bewusst auf Konfrontationskurs mit den Allzeitgrößen. Der fünffache NBA-Champion kennt die Mission. „Es zählt nur Gold. Alles andere würden die Leute in den USA nicht akzeptieren. Ich glaube, sie würden uns nicht mehr ins Land lassen“, sagte Bryant, 33, mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Experten tun sich schwer, einen ernsthaften Gegner zu finden. Die US-Boys sowieso.
Das US-Team stellte beim 156:73 gegen Nigeria einen neuen Rekord auf. Noch nie hat eine Auswahl bei einem olympischen Basketball-Turnier derart viele Punkte erreicht.
In London zählt für die Stars aus der NBA nur Gold. „Die Leute würden uns sonst nicht mehr ins Land lassen“, glaubt Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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