Whistler. Wo vor zweieinhalb Jahren Lindsey Vonn und Bode Miller ihre Medaillen in Empfang genommen haben, da tummeln sich in der Mittagssonne kanadische und amerikanische Teens. Die Kids turnen an den silbernen olympischen Ringen herum, das Symbol ist ein begehrtes Fotomotiv am „Olympic Plaza“ in Whistler. Es scheint so, als würden sie den „Großen“ nacheifern – zierlichen Wesen wie den US-Turnküken Gabby Douglas und Aly Raisman, nur ein paar Jahre älter, die plötzlich in aller Munde sind. Ihre Ups und Downs, ihre Triumphe und Dramen sind in den vergangenen Tagen zum Gesprächsthema geworden, die Randsportart rückte mit einem Mal ins Zentrum der US-Öffentlichkeit.
Auch im kanadischen Retortendorf mit seinen obligaten Sportboutiquen, Restaurants und Starbucks-Cafés, dem Schauplatz der Winterspiele 2010 inmitten der pittoresken Bergkulisse der Provinz British Columbia mit kristallklaren Wildbächen und grünen Seen, sind die Antennen auf die Sommerspiele in London ausgerichtet – der Hauptstadt des Commonwealth und in den vergangenen zwei Wochen auch der Sportwelt. Wasserball, Volleyball, Springreiten und Kanu-Paddeln flimmern über die Monitore, verwaist sind die Pisten, Loipen und Sprungschanzen. Gondeln schaufeln vereinzelte Wanderer auf den von Nebel umhüllten Whistler Mountain, ein Guide instruiert eine Gruppe Abenteuerlustiger in Rafting-Techniken.
Sprintstars lösen Skiläufer ab
Weitaus mehr Interesse ziehen indes die Live-Übertragungen aus London auf sich. Sportfans scharen sich vor den beiden Großleinwänden in jenem Oval, in dem sich die Olympiasieger der Winterspiele feiern ließen. Die Helden heißen heute jedoch Usain Bolt und Allyson Felix, die Sprintstars haben die Skiläufer als Ad-hoc-Sportidole abgelöst.
Während ihre Frauen dem Shopping frönen, verfolgen John Henderson und Tom Reynolds, zwei Harley-Davidson-Fahrer aus dem Raum Seattle, auf der steinernen Tribüne den sportlichen Lauf der Dinge. Vom Abschneiden ihres Teams sind die Box-Fans bitter enttäuscht. Keine einzige Medaille für die US-Boys, lautet das Fazit. Dabei hat die Nation einst Olympiasieger vom Schlage eines Cassius Clay (alias Muhammad Ali) oder „Sugar Ray“ Leonard hervorgebracht. Nun schlägt das Herz der schwergewichtigen Biker für Hope Solo und Abby Wambach, den Galionsfiguren des US-Fußballteams.
Das Semifinale USA–Kanada hatte allerdings kanadische Ressentiments gegen den großen Cousin im Süden provoziert. Das Match sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, mutmaßte nicht nur die kanadische Kapitänin und Hattrick-Schützin Christine Sinclair. „Die Schiedsrichterin hätte gleich das US-Jersey tragen sollen“, schimpfte sie. Ein Penalty nach einem mehr als umstrittenen Handspiel brachte die US-Girls ins Spiel zurück.
Die Stimmung im kanadischen Lager war also gedrückt, umso euphorischer ging das „Team USA“ ins Endspiel. In der Nacht zum Freitag revanchierten sich Solo, Wambach & Co. mit einem 2:1-Sieg über Japan im Olympia-Finale für das verlorene WM-Endspiel im Vorjahr – und das im ehrwürdigen Wembley-Stadion. NBC setzte das Match zeitverzögert zur „Prime Time“ an, zur besten Sendezeit. Das US-Network mit den Olympia-Exklusivrechten musste zwar herbe Kritik einstecken, weil es die Entscheidungen nicht live übertrug, verzeichnete aber mit seinen Olympia-Sendungen Rekordeinschaltquoten.
Anruf von Präsident Obama
Die Fußballerinnen beeindruckten nicht zuletzt den sportbegeisterten Präsidenten in der Heimat. „Wir haben 4:3 gewonnen“, hatte Barack Obama bei einer Wahlkundgebung nach dem Halbfinal-Sieg gegen Kanada verkündet. Überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus, die US-Sportler zu preisen. Michael Phelps, dem erfolgreichsten Olympioniken der Neuzeit, gratulierte der Präsident sogar höchstpersönlich via Handy. Patriotismus ist schließlich Trumpf im Wahlkampf. Dagegen verblasst Mitt Romney. Als Krisenmanager der Winterspiele von Salt Lake City 2002 hatte er sich zum „Mister Olympia“ stilisiert, doch nicht nur Rafalca, das Pferd seiner Frau Ann, ging beim Dressurbewerb in London sang- und klanglos unter.
Hat das „Team USA“ im Boxen seine Dominanz eingebüßt, so ist es drauf und dran, seine Vormachtstellung bei Olympia zurückzuerobern, die es vor vier Jahren in Peking gegen die Gastgeber verloren hat. Im symbolträchtigen Duell der Supermächte liegen die USA kurz vor Ende der Spiele in der Medaillenwertung hauchdünn voran, sowohl was Goldmedaillen, als auch was die Gesamtzahl betrifft. Und zum Finale hoffen sie noch auf einen veritablen Goldboom – durch die Basketballer und Leichtathleten. Die Beachvolleyballerinnen machten mit Gold und Silber den Auftakt zur Schlussoffensive.
In der Königsdisziplin Zehnkampf trat der frischgebackene Olympiasieger Ashton Eaton am Donnerstag in die Arena. In Bend, in seinem Heimatbundesstaat Oregon, haben Anhänger eigens für den Wettbewerb das Tower-Theater reserviert, um seinen Erfolg gebührend zu feiern.
Währenddessen trainierten in Whistler Dutzende Mountainbiker im Knirps-Alter für ein Rennen am Wochenende. Im Stil von modernen Gladiatoren, mit Vollvisierhelm, Arm- und Knieschutz, stürzten sie sich waghalsig über die Schanzen am Schlusshang des Whistler Mountain. Gut möglich, dass sich ein künftiger Olympiasieger unter ihnen befindet. Immerhin ist Mountainbiking schon 2008 zur olympischen Disziplin aufgerückt.
China erreichte in Peking bei den Olympischen Spielen 2008 sein großes Ziel und wurde erstmals beste Nation des Medaillenspiegels. 51 ✕ Gold, 21 ✕ Silber und 28 ✕ Bronze reichten, um die USA (36/38/36) auf Platz zwei zu verweisen. Die Amerikaner, die die Gesamtzahl der Medaillen zählen, fühlten sich mit 110:100 Medaillen aber ebenfalls als Sieger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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