Wien. Nach den Spielen ist vor den Spielen. London, die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole an der Themse, wird von 29. August bis 9. September nach einer kurzen Erholungsphase als Austragungsstätte der Paralympics erneut zum Nabel der Sportwelt. Die 14. Sommerspiele der Behindertensportler vereinen 4200 Athleten aus 160 Nationen, in Peking 2008 waren es erst 144. 2500 Medienvertreter werden über Schicksalsschläge und Höchstleistungen berichten, Österreich schickt 32 Athleten (27 Männer, fünf Frauen) in das Rennen um Gold, Silber und Bronze. 2008 kehrte die heimische Delegation mit sechs Medaillen nach Hause, vier davon glänzten in Gold. Genauso viele dürfen es auch diesmal werden, „dann sind wir hochzufrieden“, sagt Teammanager Walter Pfaller bei der Abschiedspressekonferenz im Wiener Hotel Marriott, wenige Stunden vor der abendlichen Verabschiedung der Mannschaft durch Bundespräsident Heinz Fischer.
Das paralympische Versprechen
In den vergangenen beiden Jahrzehnten erlebte der paralympische Sport eine rasante Entwicklung. Auch hier gilt das Motto „schneller, höher, weiter“. Die internationale Spitze ist größer geworden, Erfolge sind zwangsläufig schwieriger zu realisieren. Nach den ausbleibenden Glücksmomenten bei den Olympischen Spielen gibt der Teammanager ein Versprechen ab. „Keine Medaille für Österreich? Das wird uns nicht passieren.“
Eine der größten Medaillenhoffnungen des Landes ist Andreas Vevera. Der Tischtennisspieler sitzt in London als Titelverteidiger an der Platte und hat bereits vor seinem Auftritt im „ExCel-Center“ olympisches Flair inhaliert. Während der Olympia-Übertragungen lief der Fernseher bis zu zehn Stunden am Tag. Besonderes Augenmerk galt natürlich den Tischtenniskollegen – und dem Beachvolleyball.
Mit den Geschwistern Doris und Stefanie Schwaiger verbindet Vevera eine Freundschaft, Daumendrücken inklusive. „Deshalb ist es auch durchaus vorgekommen, dass ich wegen eines ihrer spät angesetzten Spiele bis Mitternacht wach geblieben bin.“
Vevera hat sein großes Ziel, die Titelverteidigung, fest im Visier. In der finalen Vorbereitungsphase plagen ihn jedoch Zweifel, er ist nervös. Das Training in der Werner Schlager Academy in Schwechat verläuft nicht nach Wunsch, die Olympiaform von 2008 ist noch nicht gefunden. Hoffnung auf den großen Coup hat jener Mann, der nach einem Freizeitunfall seit seinem 18. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, dennoch. „Immer, wenn ich schlecht trainiert habe, habe ich gute Matches abgeliefert“, meint der Wettkampftyp.
„Es gibt uns nicht nur jetzt“
In den entscheidenden Momenten wusste sich der 40-Jährige in der Vergangenheit meist zu steigern. An dieses Prinzip klammert sich Vevera auch diesmal. Insgesamt zwölf Spieler kämpfen in der Klasse des Niederösterreichers um Edelmetall. Wer bei Tischtennis zwangsläufig an übermächtige Konkurrenz aus China denkt, der irrt. „Je schwerer die Behinderung ist, desto weniger Chinesen spielen. Es ist fast so, als hätte man sie weggesperrt“, machte sich Vevera schon während der Pekinger Spiele vor vier Jahren Gedanken.
Die Vorfreude auf London ist im Gespräch mit Vevera unverkennbar, und doch schwingt in seinen Worten Wehmut, ja sogar Enttäuschung mit. Der Behindertensport drängt in Österreich nur alle vier Jahre ins Rampenlicht, „aber es gibt uns auch die drei Jahre dazwischen“, sagt er mit leicht erhobener Stimme. Seit über 20 Jahren kämpft er um Anerkennung. „Aber nach zehn Jahren habe ich den Glauben aufgegeben, dass der Behindertensport populärer wird.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

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