Auch wenn die politische Diskussion bisweilen kindisch und geradezu dumm abläuft und leider einige sogenannte „Eh-schon-immer Besserwissende“ sich wieder in Szene setzen, obwohl sie sich lieber verstecken sollten – so ist es, wenn auch etwas spät, eine Chance, nun wirkliche Reformen umzusetzen.
Die ewige Diskussion um den Turnunterricht an den Schulen ist der plumpe Versuch, irgendjemanden – also am besten der Schule – nun die Schuld zu geben.
Tatsache ist, dass es erstens im internationalen Vergleich im Regelunterricht kaum mehr Turnstunden gibt als bei uns in Österreich – wir liegen im guten Durchschnitt (zwischen 60 und 120 Stunden in den Schulen der Sechs- bis 15-Jährigen – je nach Schulart). Viele Staaten, die gleich groß wie Österreich oder etwas kleiner sind und Medaillen kassiert haben, haben weniger Turnstunden in den Schulen.
Wichtiger wäre es darauf hinzuweisen, dass der Turnunterricht nur ein Hinführen zur Freude an der Bewegung sein kann und soll. Für alles Weitere sind dann die Profis, also die Breitensportverbände zuständig. Es geht um vernünftige und gesetzlich abgesicherte Kooperationen der Schulen mit dem organisierten Sport. Das gewinnt an Bedeutung, weil es zunehmend mehr ganztägige Schulen gibt und damit der Sport integriert sein muss. In der Gesetzesnovelle 2011, mit der dazu eine Chance bestanden hätte, hat die Politik in Österreich versagt.
Aber eine rasche Novelle der Novelle wäre noch immer eine Chance.
Freude an der Bewegung
Aus unserer Sicht sollten dabei folgende Ansätze überlegt werden:
Frühe Kooperation zwischen Sportvereinen und pädagogischen Einrichtungen, beginnend bei den Kindergärten – um die Freude an der Bewegung zu entwickeln und zu fördern und Bewegungstalente schon frühzeitig zu erkennen. Die Union Wien kooperiert bereits mit allen 54 Kiwi-Kindergärten.
Schlüssel bei all diesen Angeboten sind die Eltern. Sie müssen gewonnen werden, weil sie bei intensiverer sportlicher Betätigung ihrer Kinder sowohl zeitlich als auch finanziell gefordert sind.
Gesetzlich abgesicherte Kooperationen zwischen Sportvereinen des organisierten Sports und den Schulen der Sechs- bis 15-Jährigen, um im ganztägigen Schulbereich als „Bildungspartner“ im Freizeitbereich der Schule mitwirken zu können.
Sportstättenentwicklungspläne vor allem für spezielle Trainingsmöglichkeiten in Kooperation mit den Fachverbänden, um dem Leistungs- und Spitzensport Möglichkeiten in Leistungszentren zu geben.
Stärkere Kooperation zwischen den Dachverbänden und den Fachverbänden. Die Talentesuche und Förderung beginnt üblicherweise im Verein und nicht im Leistungszentrum.
Während der Breitensport breit gefächerte Angebote für alle Sportarten und alle Alterskategorien bis zum Seniorensport im Sinn einer breiten Gesundheitsförderung der Gesellschaft anbieten soll, sollen die Fachverbände mit den einzelnen Fachvereinen (ob Basketball, Judo oder Turnverein – im Gegensatz zu den polysportiven Angeboten) in regelmäßigen Abständen Talentesuche betreiben, um jenen talentierten jungen Sportlern nach objektiven Kriterien (und nicht nur nach den Äußerungen und Wünschen der Eltern) spezielle Angebote zusammenzustellen.
Öffentliche Fördermittel müssen noch deutlicher als bisher getrennt nach Breitensportaufgaben und jenen Projekten, die der Förderung des Spitzensports dienen, unterscheiden.
Wir müssen weg von zentralen politischen Vorgaben hin zu noch mehr Autonomie für den Sport, der sich sehr wohl gegenüber der Öffentlichkeit verantworten muss.
Die Fachverbände (so weit sie olympische Disziplinen betreffen) sollten daher im ÖOC zusammengefasst sein und dort die Geldmittel autonom und nach aktuellen Sportschwerpunkten verteilen. So sollte deutlich wie z. B. beim Fußball, der die höchste öffentliche Förderung erhält, unterschieden werden, ob es sich um Breitensportaufgaben handelt, oder ob es in den Profisport (mit einer oft unverständlichen „Sportlerentlohnung“, für die sicher keine Förderungen gedacht sind) übergeht – der sich dann auch anders finanzieren wird müssen – bzw. ob es weiter um den „Amateursport“ im Leistungsbereich geht, der zum Spitzensport führen soll.
Leistungsprofil darstellen
Die von der Öffentlichkeit kontrollierte Leistung im Fachverband muss sich in einem entsprechenden Leistungsprofil darstellen lassen. Dafür zuständig sollte in Zukunft dann das ÖOC sein.
Reformen sind notwendig – ein politischer Watschentanz mit Beschimpfung von Sportlern oder Tendenzen zu noch mehr politischem Zentralismus à la DDR oder Nordkorea sind entbehrlich.
Keine Medaille bei den Sommerspielen in London: „Die Presse“ hat vor einigen Tagen die Reaktion des Askö Wien (Geschäftsführer Werner Raabe) veröffentlicht. Diesmal nimmt Walter Strobl, der Präsident der Sportunion Wien, zur Misere Stellung.
Der Grazer Soziologe Max Haller sagt: „Nicht die Mentalität der Österreicher ist Grund für den eklatanten Mangel an Spitzenathleten, sondern die Bedingungen, welche dem Spitzensport zur Verfügung stehen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

Grid GirlsSchönheiten der Boxenstraße
SchnappschussDie besten Sportbilder