Austin/Wien. Lance Armstrong hat sich entschieden: Der 40-jährige Texaner, der mit sieben Siegen bei der Tour de France Sportgeschichte geschrieben hat, will sich nicht länger mit Dopingjägern, Anschuldigungen oder einem Gerichtsverfahren auseinandersetzen. Er erteilte der „Hexenjagd“, wie er die Ermittlungen der amerikanischen Anti-Doping-Behörde bezeichnet hat, ein Ende anstatt am Ende als verurteilter Dopingsünder dazustehen. Er verzichte auf das Gerichtsverfahren, damit sei der Spuk vorbei. Es gibt keinen Schauprozess mit unangenehmen Fragen und entlarvenden Zeugenaussagen. „Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss ,genug ist genug‘. Für mich ist dieser Punkt gekommen.“
Der Texaner blieb bei seiner Verteidigungsstrategie. Er leugnete alle Vorwürfe, bestritt vehement, jemals mit Doping in Berührung gekommen zu sein, und verließ die Sportbühne, ohne jemals eine positive A- oder B-Probe abgeliefert zu haben. Somit habe auch niemand das Recht, ihn offiziell als „Doper“ bloßzustellen. Dafür ist er auch willens, einen hohen Preis zu bezahlen. Die lebenslange Sperre tangiert ihn nicht, nur der drohende Verlust aller Erfolge seit dem 1. August 1998, vor allem das Auslöschen seiner sieben Tour-Siege, ist für den eitlen Sportler – mehr oder minder – schmerzhaft.
Doch in diesem Punkt ist das letzte Wort noch nicht gesprochen – die Praxis bei Dopingsündern sieht eine Löschung aller Erfolge im Zeitrahmen von acht Jahren vor. Gemäß dieser „Zeitrechnung“ wäre nur sein letzter Tour-Sieg, der von 2005, in Gefahr.
Sackgasse mit drei Optionen
Am Montag, als ein Gericht in Armstrongs Heimatstadt Austin eine Klage gegen die Ermittlungen der US-Anti-Doping-Agentur abgewiesen hatte, war der ehemalige Radstar in einer Sackgasse gefangen. Die Aussagen ehemaliger Teamkollegen waren erdrückend, die Indizienkette zu stichhaltig.
Somit blieben Armstrong nur noch drei Optionen: Er hätte vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne ziehen können, nur das wäre mit hohen Kosten und weiteren Jahren voller Anfeindungen und Rechtfertigungen verbunden gewesen. Er hätte vor Gericht kämpfen können – ohne tatsächliche Garantie auf eine Siegchance. Aber auch die dritte Option, mit seinen Erzfeinden den in den USA nicht unüblichen „Deal“ anzustreben, war ihm zutiefst zuwider.
Also zog er die Reißleine, was für ihn keineswegs einem Schuldeingeständnis gleichkommt. Es mag naiv anmuten, doch Armstrong, der 1999 nach überstandener Krebsoperation mit seinem ersten Sieg die Radsportwelt als schillerndes, bewundernswertes und makellos erscheinendes Aushängeschild erobert hatte, ist davon felsenfest überzeugt. Er sagt: „Ich weiß, wer sieben Mal die Tour gewonnen hat und auch meine Teamkollegen und alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour sieben Mal gewonnen hat. Es gab keine Abkürzungen, keine speziellen Behandlungen.“
Gewinnen, um jeden Preis
Seine Reaktion führte aufseiten der Dopingjäger zu nahezu hämischen Aussagen. Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur, nannte es einen „bedauerlichen Schritt. Vor Gericht hätte Armstrong doch der ganzen Welt die Wahrheit sagen können... Das ist ein trauriger Tag für alle, die den Sport und heldenhafte Athleten lieben. Es ist ein herzzerreißendes Beispiel dafür, wie die Kultur des Gewinnens um jeden Preis den fairen, ehrlichen Wettbewerb untergräbt. Es ist aber auch eine Erinnerung, dass für künftige Generationen weiterhin die Hoffnung besteht, ohne leistungsfördernde Mittel anzutreten.“
John Fahey, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, maß Armstrongs Abgang weitaus weniger Emotionen bei. Für ihn sei es zweifellos ein Schuldeingeständnis. „Er hatte das Recht, die Vorwürfe zu entkräften. Daher ist es unter diesen Umständen die einzige Deutung, dass die Vorwürfe Substanz hatten“, wird Fahey von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. „Damit sind auch all seine Tour-Siege nichts mehr wert.“
Die Dopingjäger hatten Armstrong jahrelang vorgeworfen, mithilfe von Steroiden und Blutdopingmitteln von 1999 bis 2005 gewonnen zu haben. Auch soll er mit illegalen Substanzen gehandelt haben. Die US-Staatsanwaltschaft hatte diesbezügliche Ermittlungen eingestellt, doch ihre Sportkollegen ließen nicht locker, bis der ehemalige Spitzenreiter des Pelotons nun den Schlussstrich zog.
Armstrong wolle sich nun verstärkt seiner „Livestrong“-Stiftung zum Kampf gegen Krebs widmen. In diesem Rennen muss er keinerlei Gegenwind mehr fürchten.
„Ich weigere mich, in einem einseitigen, unfairen Prozess mitzumachen. Meine Position: Der Unsinn ist jetzt vorbei.“
Lance Armstrong
„Der Gedanke, dass Athleten ohne positive A- & B-Probe verurteilt werden können, pervertiert dieses System.“
Derselbe
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)
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