Nach der Verhängung der lebenslangen Sperre hat die US-Anti-Doping-Behörde Lance Armstrong rückwirkend auch offiziell alle Titel, Medaillen, Preise und Punkte aus Wettbewerben seit August 1998 aberkannt. Damit verliert der frühere Radprofi seine sieben Tour-de-France-Siege von 1999 bis 2005. Allerdings könnte es nicht das letzte Kapitel dieser Affäre sein. Der Weltverband (UCI), dem die Gerichtsbarkeit entzogen wurde, könnte zur Prüfung des Urteils das Oberste Sportgericht (CAS) in Lausanne anrufen. Armstrong nahm die Entscheidung ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis. Via Twitter teilte der 40-Jährige seine Pläne fürs Wochenende mit – ein Mountainbike-Rennen am Samstag, ein Marathon am Sonntag.
Aus PR-Sicht dürfte Armstrong mit seinem Rückzug die beste Entscheidung getroffen haben. Zumindest stiegen die Spenden für seine Krebs-Stiftung „Livestrong“ sprunghaft an, nachdem der Amerikaner angekündigt hatte, sich nicht mehr gegen Dopingvorwürfe zu wehren und auf den Auftritt vor dem Schiedsgericht der US-Anti-Doping-Agentur zu verzichten. Allein bis Freitagnachmittag waren 78.000 Dollar (62.400 Euro) an Spenden eingegangen. „Es war überwältigend. Die vielen E-Mails, Anrufe und Mitteilungen haben uns einfach sprachlos gemacht“, sagte Geschäftsführer Doug Ulman.
Auch Sponsor und Sportartikelhersteller Nike hält seinem Star vorerst die Treue. Armstrong habe seine Unschuld beteuert, Nike werde ihn und seine Krebshilfe-Stiftung weiter fördern. Der Fahrradhersteller Trek hingegen will zunächst die neue Lage analysieren. Allerdings könnten diverse Promoter oder Rennveranstalter von Armstrong noch Schadenersatz oder die Rückzahlung von Preisgeld einfordern.
Tour gehen die Sieger aus. Offen bleibt die Frage, wer nun Armstrongs sieben Tour-Siege erbt. Nach Floyd Landis (2006) und Alberto Contador (2010) ist Armstrong der dritte Profi, der in den letzten zehn Jahren wegen Dopings aus den Siegerlisten des berühmtesten Radrennens gestrichen wird. Der Tour-Organisator ASO verwies in einer Stellungnahme darauf, die Entscheidung der UCI abwarten zu wollen.
Größter Nutznießer wäre Jan Ullrich, der insgesamt dreimal hinter Armstrong Platz zwei belegte (2000, 2001, 2003), die Veranstalter aber vor ein Problem stellt. Denn der Deutsche wurde nach einem jahrelangen Rechtsstreit im Februar vom Internationalen Gerichtshof wegen Dopings verurteilt, alle errungenen Titel seit Mai 2005 annulliert. Die nachträgliche Ehrung eines verurteilten Dopingsünders wäre wohl nicht das erwünschte Zeichen, zumal Ullrich nie Reue zeigte. Der 40-Jährige hat aber ohnehin kein Interesse: „Ich möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken. Ich habe mit meiner Karriere abgeschlossen und bin stolz auf meine zweiten Plätze.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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