Wien. Österreichs Schwimmsport ist seit Mittwoch, 15.40 Uhr, um ein Kapitel im Disput der Familie Jukic mit Funktionären und Verbandsvertretern reicher. Das dreiköpfige unabhängige Verbandsgericht verurteilte Dinko Jukic nach seinen verbalen Entgleisungen bei der EM im vergangenen Mai in Debrecen zu einer einjährigen Sperre für alle nationalen und internationalen Bewerbe. Zehn Monate davon wurden, mit der Urteilsverkündung beginnend, unbedingt verhängt.
Damit sind weitere Kontroversen, Klagen, Abrechnungen, Abwanderungsgedanken, Rücktrittsforderungen und Streitereien gewiss. Oder beendet der 23-Jährige nun tatsächlich seine Karriere, wie er es in London im Fall einer Sperre bereits angekündigt hat?
Jukic, der bei Olympia mit Platz vier eines der wenigen Topresultate österreichischer Athleten abgeliefert hatte, war über das Verfahren informiert. Er nahm auch offen Stellung zu den Vorfällen von Debrecen und den auf Tonband festgehaltenen Beschimpfungen. Er maß dem jedoch nicht weiter Bedeutung zu. Das war an seinen Worten und deren Ton, der schon so oft Unverständnis hervorgerufen hat, erkennbar. „Der Verband sollte lieber aufpassen", sagte er Anfang August provokant, „wenn er mit heißem Wasser spielt. Ohne Markus Rogan und mich schaut es düster aus . . ."
Der letzte Grabenkampf
Jukic mag zwar mit seiner Kritik in einigen Punkten, etwa den Trainingsbedingungen, recht haben, er übersah aber einen für ihn immens wichtigen Aspekt. Es war nicht nur ein weiterer Grabenkampf, wie ihn sein Vater oder die Familie schon mehrfach geführt hat, sondern die Speerspitze aller Konflikte. Nun bleibt Jukic nur noch der Anruf der nächsten, zugleich höchsten Instanz - des Verbandstags. Er wird am 15. September zusammentreten, ob aber dieses Gremium, in dem alle OSV-Vereine ein Stimmrecht haben und am gleichen Tag auch den neuen Verbandsvorstand wählen, die Sperre aufhebt, ist ob der langen Vorgeschichte fraglich.
Der Verband steht nicht mehr geschlossen hinter Dinko Jukic, selbst Präsident Paul Schauer, 65, hält nicht mehr seine schützende Hand über ihn. Er sagt: „Das alles ist für mich eine menschliche Enttäuschung. Alles, was Dinko jetzt in Interviews erzählt, ist mir unerklärlich. Der Verband ist weder fremdenfeindlich noch ungerecht. Dabei habe ich mich doch immer für ihn eingesetzt . . ."
Obgleich Schauer vieles in der Werbebranche und als Präsident des Verbandes erlebt habe, nichts sei ihm so unter die Haut gegangen wie der Disput mit Jukic. Auftreten, Benehmen, Streitbarkeit, das mysteriöse Dopingverfahren, der unverständliche Staffelverzicht in London und nun die Abrechnung in einem Boulevardmagazin, Schauer hat von dem „permanenten Clinch" genug. Dass Jukic die Freigabe bekommt und somit nach Ablauf der Sperre für Kroatien starten könnte, ist ausgeschlossen. Das lehnt Paul Schauer entschieden ab.
Neubeginn - mit oder ohne Jukic
Es mutet auf den ersten Blick kindisch an, einen erfolgreichen und für kommende Ereignisse aussichtsreichen Sportler wegen Beschimpfungen (u. a.: „Ich reiße euch allen den A . . . auf") oder seiner kontroversen Haltung gegenüber Funktionären zu sperren. Für Schauer und seine Mitstreiter aber war das der berühmte Tropfen. Im Verband werde es nun „eine Verjüngung, einen Umbau geben", sagt Schauer, der eine dritte Amtsperiode anstrebt. Auch würden „Talente" nachkommen, wenngleich es dauern werde, bis Österreich wieder große Erfolge feiern wird. Das Rad drehe sich weiter, sagt Schauer, mit oder ohne Dinko Jukic.

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