Die ehemalige paralympische Schwimmerin Rachael Latham berichtet für den britischen Channel4 von den Paralympischen Spielen. Latham, deren linker Arm durch eine obere Plexuslähmung nur bedingt beweglich ist, sprach mit der „Presse am Sonntag“ über das neue Konzept der Berichterstattung.
Frau Latham, Sie sind Teil der ersten Generation von Reportern mit Behinderung, die für Channel4 von den Paralympischen Spielen berichten. Wie ist es dazu gekommen?
Rachael Latham: Ende 2010 hat Channel4 eine Bewerbungsrunde für potenzielle Reporter ausgeschrieben. Da sollte ich ein Video einreichen, um mich den Juroren anzupreisen, und meines kam gut an. Es waren wohl hunderte Interessenten. Seitdem haben wir uns über eineinhalb Jahre professionell vorbereitet, sowohl in Sachen Arbeitstechniken als auch inhaltlich. Das war eine aufregende Zeit. Aber jetzt, während der Spiele, ist das natürlich nochmal was ganz anderes.
Sie kennen die Paralympischen Spiele aus erster Hand. 2008 in Peking waren Sie als Schwimmerin qualifiziert.
Ja, leider konnte ich keine Medaille gewinnen, weil ich mich im Vorfeld verletzt hatte. Die Paralympischen Spiele haben eine magische Atmosphäre. Wir hoffen, das auch in London rüberbringen zu können. Wir bringen ja seit Monaten Dokumentationen über verschiedene Athleten. So viel Öffentlichkeit hatten die Paralympics noch nie.
Vor vier Jahren berichtete noch die BBC für das britische Fernsehen. Wie war die Berichterstattung damals?
Persönlich kann ich das kaum beurteilen. Als Athlet beschäftigt man sich vor allem mit seinen Wettkämpfen, und wenn man doch mal die Wettbewerbe der Kollegen anschaut, macht man das normalerweise im Stadion. Ich glaube, die BBC hat einen guten Job gemacht. Aber ein Grund, dass Channel4 jetzt die Rechte hat, war, dass wir den ganzen Tag lang berichten. Insgesamt bringen wir 500 Stunden über die Paralympics.
War die Tatsache, dass das Reporterteam von Channel4 zur Hälfte aus solchen mit Behinderung besteht, auch ein Pluspunkt?
Auf eine Weise bestimmt. Es gibt ein gutes Bild ab, wenn ein paralympischer Athlet auch von einem Journalisten interviewt wird, der eine Behinderung hat. Ich glaube aber nicht, dass dieser Punkt für sich genommen schon überzeugend ist. An erster Stelle steht die professionelle Arbeit, und wenn das kein Mensch mit Behinderung leisten kann, müssen es andere richten.
Warum glauben Sie, dass der Ansatz ein gutes Bild abgibt? Beim Frauensport stehen auch häufig Männer vor der Kamera, und gealterte Journalisten interviewen im Fernsehen kaum erwachsene Athleten.
Erstens gibt es ein optisch natürliches Bild. Wenn zum Beispiel ein Athlet im Rollstuhl mit einem Journalisten im Rollstuhl spricht, sind beide auf Augenhöhe, das macht einen angenehmeren Eindruck auf den Zuschauer. Außerdem sendet es eine positive Botschaft: Es ist ja nicht nur so, dass Athleten mit Behinderung bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. In allen Bereichen haben es Menschen, die irgendeine Behinderung haben, schwerer, Fuß zu fassen. Außerdem haben ehemalige Behindertensportler häufig gründlicheres Wissen über das Thema.
Manchmal wird auch argumentiert, dass sich paralympische Athleten wohler fühlen könnten, wenn ihr Gesprächspartner auch eine Behinderung hat.
Das ist sicher von Person zu Person unterschiedlich, aber solche Fälle gibt es. Als Person mit Behinderung ist deine Einstellung häufig anders, wenn dein Gegenüber auch eine Behinderung hat. Man muss sich weniger erklären.
Macht das für die Berichterstattung wirklich einen Unterschied? Die Paralympischen Spiele zeigen doch, dass es eine Vielzahl von Behinderungen gibt und die meisten Athleten ihr ganz eigenes Handicap haben.
Ich glaube nicht, dass es darum geht, Menschen mit exakt gleichen Bedingungen zusammenzubringen, damit sie berichten. Ich sage auch nicht, dass Menschen ohne Behinderung nicht gut berichten können. Aber wer selbst eine Behinderung hat, kann viele Situationen besser verstehen. Es geht mehr um die grundsätzliche Erfahrung, den Umgang mit der eigenen Behinderung, aber auch die Erfahrungen in der paralympischen Bewegung. So entwickelt sich ein Gespür, gute Fragen zu stellen.
Was wäre eine typisch blöde Frage, die Journalisten ohne Behinderung paralympischen Athleten zu häufig stellen?
Viele Menschen sehen bei Paralympioniken vor allem die Behinderung und kommen immer auf das Thema „Hindernisse“ zurück. Die Athleten sehen sich oft gar nicht als behindert, sondern nehmen ihren Körper als gegeben hin und versuchen, wie jeder Athlet, das Maximum zu erreichen. Als Sportler will man, dass dies auch erkannt wird.
An welchem Zuschauertypen richtet sich Ihre Berichterstattung aus? Vor allem an Menschen mit Behinderung, an jene ohne Handicap, eine Mischung?
Wir richten uns an alle, was aber nicht unbedingt einfach ist, weil der Wissensstand sehr unterschiedlich ist. In den Disziplinen gibt es zum Beispiel jeweils Wettkampfkategorien, damit Athleten mit verschiedenen Behinderungen auch faire Gegner erhalten. Vor vier Jahren in Peking waren viele nicht behinderte Zuschauer verwirrt, wie diese Einteilungen zustande kamen, und dachten, da finde kein fairer Wettbewerb statt. Diese Kategorien erklären wir vor jedem Wettkampf ganz kurz: Mit einem Ampelsystem erläutern wir die jeweiligen Behinderungen der teilnehmenden Athleten und zeigen, warum die Einteilung fair ist. So sollten alle Zuschauer verstehen, was da eigentlich vor sich geht.
In einer Woche sind die Paralympischen Spiele schon wieder vorbei. Werden Sie weiterhin für Channel4 arbeiten?
Mein Vertrag läuft dann aus. Aber für den Fall, dass ich in der Branche bleiben will, wurde mir schon Unterstützung zugesagt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

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