Die Presse: Verbinden Sie mit Wien eigentlich etwas Besonderes? Immerhin haben Sie hier als 16-Jähriger Ihren ersten internationalen Erfolg gefeiert.
Steve Guerdat: Weniger mit Wien selbst als mit der Stadthalle. Dieses Turnier wird für mich immer ein besonderes bleiben, auch weil es sehr viel Tradition hat und die Stimmung großartig ist. Das Vienna Masters hier am Rathausplatz hat eine wunderbare Kulisse, aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis es den Stellenwert der Stadthalle erreicht.
Hätten Sie sich damals gedacht, dass Sie eines Tages als Olympia-Sieger zurückkehren werden?
Damals war das natürlich nur ein Traum, aber es war immer mein Ziel. So etwas hat man im Hinterkopf, aber man kann es sich nicht vorstellen, bis es wirklich eintritt. Ich habe hart dafür gearbeitet und werde es weiterhin tun, um noch besser zu werden.
Wie haben Sie Ihren Triumph in London in Erinnerung?
Es war ein wunderschöner Tag, an dem einfach alles perfekt gelaufen ist. Nicht nur der Sieg, auch die Art und Weise war wirklich vom Feinsten. Eigentlich bin ich nicht der Typ für Partys, aber da habe ich mit meinem Team wirklich groß gefeiert. Denn wenn man einen Olympia-Sieg nicht feiert, dann feiert man wohl nie im Leben.
Sie sind ohne Goldpferd Nino angereist. Ist das der Luxus, den man einem solchen Pferd ab und zu gönnt?
Ich möchte meine Pferde nicht überfordern. Mir tut es richtig leid, wenn ich sehe, wie manche Pferde mit 15 oder 16 Jahren jede Woche antreten müssen. Allerdings habe ich auch das Glück, über mehrere Grand-Prix-Pferde zu verfügen. Außerdem fühlt sich Nino auf engen Plätzen wie jenem in Wien sehr unwohl. Und wenn er nicht gut drauf ist, kann er seine Leistung auch nicht abrufen.
Spürt ein Pferd eigentlich, dass es etwas Besonderes geleistet hat?
Nino hat ohnehin schon einen sehr stolzen Charakter. Wenn man sieht, wie er vor Kameras auftritt, dann bin ich mir eigentlich ziemlich sicher, dass er es weiß. Nicht unbedingt, dass er Olympia-Sieger ist, aber dass er ein Star ist.
Was für ein Mensch ist Steve Guerdat?
Ich bin auf jeden Fall ein schwieriger Charakter. Ich bin selten zufrieden und grüble immer, was ich noch besser hätte machen können. Wenn mir Fehler unterlaufen, dann muss mein Umfeld schon mit etwas Ärger zurechtkommen, da bin ich nicht einfach. In den letzten Jahren ist es besser geworden, trotzdem will ich weiter an mir arbeiten. Ein gewisses Maß an Ehrgeiz ist sicher notwendig, aber man muss es nicht übertreiben.
Schon im Leben Ihres Großvaters und Vaters spielten Pferde eine wesentliche Rolle. Wann war für Sie klar, dass Sie diese Tradition fortsetzen werden?
Seit ich ein kleines Kind war, bin ich geritten, später haben mich Freunde zum Fußball gebracht. Mit ungefähr elf oder zwölf Jahren haben mich meine Eltern vor die Wahl gestellt: Fußball oder Reiten. Sie waren der Ansicht, ich sollte lieber einem Sport voll als zwei irgendwie halb nachgehen. Ich bin meinem Gefühl gefolgt und es war die richtige Entscheidung. Momentan gibt es für mich nichts als Reiten. Solange der Spaß und die Motivation da sind, wird sich daran auch nichts ändern.
Sie suchen sich Ihre Pferde selbst aus. Wie wissen Sie, ob die Chemie stimmt?
Wenn ein Pferd eine gewisse Qualität hat, ist immer etwas herauszuholen. Der Reiter muss ein Pferd kennenlernen und sich daran anpassen. So etwas braucht natürlich Zeit, Geduld und das nötige Selbstvertrauen, um nicht aufzugeben, wenn es nicht sofort klappt. Bei unserem ersten Turnier sind Nino und ich nicht über das erste Hindernis hinausgekommen. Ein Pferd weiß nicht, wie viel es gekostet hat und welche Ziele erreicht werden sollen. Es ist die Aufgabe des Reiters, dem Tier die Bedingungen zu bieten, damit es seine beste Leistung abrufen kann.
Auch gute Reiter sind gefragt. 2005 machte Ihnen ein ukrainischer Milliardär ein unwiderstehliches Angebot. Warum haben Sie abgelehnt?
Für mich hat Geld nie eine große Rolle gespielt, im Vordergrund steht für mich die Freude am Sport und die Liebe zum Pferd. Nachdem ich den Reitstall von Jan Tops verlassen hatte, stand ich ohne Pferde da. Herr Onischenko bot mir damals die Möglichkeit, wieder in den Sport zu finden. Nach ein paar Wochen überwies er mir eine Menge Geld, im Gegenzug sollte ich in Zukunft für die Ukraine reiten. Es ist schwer, die Worte dafür zu finden, aber ich konnte den Vertrag einfach nicht unterschreiben. Ich wollte Schweizer bleiben, also lehnte ich ab, gab ihm das Geld zurück und ging.
Von einem Tag auf den anderen mussten Sie wieder bei null beginnen.
Ja, aber ich habe meine Ehre behalten und mein Können mitgenommen. Von daher war ich überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit und Arbeit sein wird, bis sich neue Möglichkeiten ergeben.
Rückblickend, wie bewerten Sie diese Erfahrung?
In solchen Phasen lernt man so viel über sich selbst, deshalb gehören sie zum Leben. Sportler müssen mit harten Zeiten umgehen können, das war bei mir nicht anders. Ich hätte vieles in meinem Leben besser machen können, aber letztlich bereue ich keine einzige Entscheidung, denn aus Tiefs bin ich gestärkt hervorgegangen.
Eine Wiener Spezialität ist Pferdeleberkäse. So etwas würden Sie vermutlich nie essen, oder?
Wahrscheinlich habe ich unbewusst schon einmal Pferdefleisch gegessen, aber das ist mit Sicherheit etwas, das ich nie in meinem Leben bestellen werde.
Steve Guerdat, 30, wurde als Sohn eines Springreiters im Schweizer Kanton Jura geboren. Seit 2007 betreibt Guerdat mit Unterstützung des Finanziers Urs Schwarzenbach seinen eigenen Reitstall.
2009 kürte sich Guerdat auf „Jalisca Solier“ mit der Schweizer Mannschaft zum Europameister.
2012 gewann er mit „Nino des Buissonnets“ Einzelgold bei den Olympischen Spielen in London.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)

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