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"Life Kinetic": Gehirntraining für Spitzensportler

13.10.2012 | 16:56 |  von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Der Deutsche Horst Lutz, Gründer von »Life Kinetic«, lehrt auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Trainingsmethoden. Aber Jürgen Klopp oder Felix Neureuther vertrauen darauf. Mittlerweile auch Sebastian Prödl.

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In Deutschland schwören schon viele Sportler auf diese Trainingsmethode. Spitzensportler, wohlgemerkt. Und neuerdings auch Sebastian Prödl. Der Teamspieler, der am Freitag in Astana gegen Kasachstan seinen Mann stellte, ist erstmals vor zwei Jahren auf die „Geheimnisse“ gestoßen, auch im Rahmen seiner letzten beiden Verletzungen bei Werder Bremen hat er sich dem Gehirn-Bewegungstraining verschrieben. „Life Kinetic“ heißt das Zauberwort, begründet vom Bayer Horst Lutz.

Prödl spielt nun die Galionsfigur für das Programm, er dient als Testimonial für Pilotprojekte in Österreich, beispielsweise an seinem ehemaligen Sportgymnasium in Graz. Weiters ist an eine Zusammenarbeit mit dem Sport-, Bildungs- und Gesundheitsministerium, den Schulreferaten der Landesregierungen angedacht.

Während der Werder-Legionär in Kasachstan WM-Punkte sicherstellen wollte, weilte der Gründer von Life Kinetic in Wien. Horst Lutz war Gast der deutsch-österreichischen Handelskammer beim Oktoberfest-Event in Brandauers Schloßbräu. Was man sich unter Life Kinetic vorstellen darf? „Eine Verknüpfung aus Gehirntraining, Bewegung und visueller Wahrnehmung“, sagt Lutz im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Das Gehirn müsse ständig gefordert, gleichzeitig der Körper bewegt werden. Und dazu kommt, dass neue Lösungen gesucht werden. „Es geht darum, neue Verbindungen im Gehirn zu ordnen.“
Die neuen Vernetzungen bewirken, dass der Athlet leistungsfähiger wird. Aber seine Trainingsmethoden zielen nicht nur auf Spitzensportler ab. Besonders an Schulen, Kindergärten, bei der betrieblichen Vorsorge oder im Bereich der Krankenhausrehabilitation sind die Übungen sehr gefragt.

Die klassische Life-Kinetic-Aufgabe ist eine Parallelübung. Dabei hält man die Arme parallel vor dem Körper. In jeder Hand hat man einen Ball, den man etwa zehn Zentimeter hochwirft und wieder auffängt – und zwar mit gekreuzten Armen. „Wenn das gut klappt, kann man die Übung auch erschweren, in dem man die Bälle mit gekreuzten Armen wieder hoch wirft, das Kreuzen der Arme auflöst und wieder fängt.“ Klingt alles wie ein Kinderspiel, ist es aber nicht. „Die Übung sieht leicht aus, es bekommt aber so gut wie niemand auf Anhieb hin.“

Felix Neureuther, Deutschlands Skistar, war einer der ersten Top-Athleten, der sich ernsthaft mit Life Kinetic beschäftigt hat. Mittlerweile haben diese ungewöhnlich wirkenden Trainingsmethoden längst auch den Fußball erobert. Viele Vereine, über 1899 Hoffenheim bis Borussia Dortmund, beschreiten diese neuen Wege. Kein Zufall, Meistertrainer Jürgen Klopp ist Innovationen immer schon besonders offen begegnet. Der Meister hat einen sogenannten „Footbonaut“ bauen lassen – einen speziellen Käfig, der rund eine Million Euro gekostet hat. Eine Art Ballmaschine, rundherum eine Unmenge an Hightech. In diesem Käfig bekommen Spieler Bälle mit bis zu einhundert Stundenkilometern zugespielt. „Die müssen verarbeitet und zielgenau weitergespielt werden.“ Für Jürgen Klopp eine ideale Ergänzung zum üblichen Bewegungstrott. „Ein perfektes Trainingsgerät für die Ballannahme und Ballmitnahme.“ Der Dortmund-Trainer schult damit Handlungsschnelligkeit, Konzentration und Leistungsstabilität seiner Profis.

Laufend kopfrechnen
. Das Gehirn wird auch in Freiburg, Nürnberg oder Stuttgart besonders gefordert und trainiert. Gearbeitet wird mit Augenklappen und Denkaufgaben. „Ein Fußballer wird dadurch besser“, sagt Horst Lutz, der Diplomsportlehrer, „weil er in kürzerer Zeit mehr wahrnimmt und es schneller zu einer geeigneten Handlung verarbeitet.“ In Hoffenheim bedient man sich obendrein einer Lichtreaktionswand zur Schulung der schnellen Verarbeitung visueller Reize. Der Übende muss aufleuchtende Punkte an der Wand oder am Boden schnellstmöglich mit der Hand oder mit dem Fuß berühren. Ein ähnliches Gerät kommt bei Werder Bremen zum Einsatz. Dabei geht es um peripheres und 3-D-Sehen. Auch in Wolfsburg – zumindest im Nachwuchs – schätzt man das. „Durch Visualisierung wird die Fehlerquote geringer. Weil der Spieler Positionen und Bewegungen besser einschätzt.“

Life Kinetic, das ist aber auch auf einem Bein stehen, mit der rechten Hand einen großen Ball auf den Boden prellen und mit der linken Hand einen kleinen Ball werfen und fangen. Oder einen Slalomkurs durchlaufen, dazu mit einem Schläger einen Ball spielen – und so nebenbei auch munter kopfrechnen. Ungewohnte Aufgaben lassen neue Verknüpfungen – Synapsen – im Gehirn entstehen. Dabei geht es um die Vernetzung beider Gehirnhälften. Wobei es nicht darum geht, Lösungen zu automatisieren. Die Augenklappe kommt nur dann zum Einsatz, wenn das dominante Auge des Sportlers ganz bewusst ausgeblendet werden soll. Fußballspezifische Übungen sind bei Life Kinetic gar nicht notwendig. „Weil es das klassische Training natürlich nicht ersetzen kann“, sagt Horst Lutz.

Der Diplomsportlehrer aus Schäftlarn, ehemaliger Jugendleiter bei 1860 München, trainiert die Denkzentrale der Athleten. Für den Erfolg bzw. einen guten Lerneffekt „braucht es Spaß und besondere Herausforderungen“, wie Lutz meint. Er erläutert auch den Begriff der „Spielintelligenz“: „Jeder Spitzenfußballer muss im Vergleich zur Normalbevölkerung über eine unheimlich hohe körperliche Intelligenz verfügen, sonst wäre er nicht in der Lage, auf dem Platz in diesem Tempo so viele Aktionen wahrzunehmen und diese in geeignete Handlungen umzusetzen. Ein Spieler wie Lionel Messi ist diesbezüglich eine Intelligenzbestie.“ Das können in diesem Zusammenhang aber auch Paul Gascoigne oder Manchester-United-Stürmer Wayne Rooney, beide sind wahrlich keine Universitätsprofessoren, sein. „Es gibt Wissenschaftler, die fordern, den allgemein gültigen Intelligenzbegriff, der rein die kognitiven Fähigkeiten betrachtet, um die Bewegungsintelligenz zu erweitern.“ Die Frage, die es zu beantworten gilt: „Wie gut kann jemand beobachten? Und wie kann er das Gesehene verarbeiten und in körperliche Handlung umsetzen?“
Horst Lutz versteht seine Trainingsmethoden definitiv als kleines Rädchen zum Erfolg. „Life Kinetic fördert Teambuilding, es hat auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit und auf die Psyche. Das ist ein positiver Nebeneffekt.“ 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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