Los angeles/Wien. Für dieses Jubiläum hätte Lance Armstrong wohl mit einem anderen Rahmen gerechnet. Heuer feiert seine Stiftung zur Krebsforschung ihren 15. Geburtstag, das gelbe „Livestrong“-Armband wurde in diesen Jahren zu einer weltweit bekannten Marke. „So stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben“, twitterte Armstrong. Stattdessen aber ist der tausend Seiten schwere Bericht der US-Antidopingbehörde in aller Munde, nur der Ex-Radprofi selbst schweigt dazu weiter beharrlich.
Dabei hängt er wie ein Damoklesschwert über Armstrongs Zukunft und es geht längst nicht mehr nur um Titel und Erfolge. So kündigte Jeff Tillotson, Anwalt der US-Versicherungsfirma SCA, an, im Fall einer Aberkennung der Tour-Siege die „sofortige Rückzahlung“ aller Prämien sowie der Verfahrenskosten einzuklagen. Es sind mehr als fünf Millionen Dollar.
Zudem erwägt die Usada eine zweite Front gegen Armstrong zu eröffnen. Bei der Anklage gegen Armstrongs langjährigen Teamchef Johan Bruyneel soll der Texaner als Zeuge vereidigt werden. Der Belgier wurde wegen der Verstrickungen in den Dopingskandal inzwischen vom Team RadioShack-Nissan als Teamchef entlassen. „Lügt Armstrong da, wird es ernst“, sagt Chef-Ermittler Travis Tygart. Obendrein prüft die Usada eine Anklage wegen Meineids. Armstrong soll 2006 unter Eid ausgesagt haben, keine Kontakte mehr zum damals bereits gesperrten Dopingarzt Michele Ferrari zu unterhalten. Die Ermittlungsakten beinhalten jedoch Zahlungsbelege und E-Mail-Korrespondenzen mit Ferraris Sohn, der das Geschäft übernommen hat.
Im Hinblick auf das Verfahren gegen Bruyneel hat sich die Usada vorbehalten, weitere Unterlagen zurückzuhalten. Sollte sich damit das Gegenteil beweisen lassen, könnte Armstrong wie der ehemaligen Leichtathletin Marion Jones eine unbedingte Haftstrafe drohen.
Ruf des UCI steht auf dem Spiel
Auch der Weltverband (UCI) steht durch die Affäre Armstrong am Scheideweg. Bis Ende Oktober muss eine Entscheidung über die Aberkennung von Armstrongs Titel fallen, doch in Wahrheit geht es um deutlich mehr. Der Usada-Bericht untermauert den Verdacht, dass der Weltverband nicht nur nachsichtig, sondern als Mitwisser agiert hat. Nicht sanktionierte Positivtests bei der Tour 1999 (in Nachtests 2006 nachgewiesen) sowie eine großzügige „Spende“ von Armstrong an den Verband bei einer weiteren Auffälligkeit 2001 sind harte Indizien.
„Es ist nicht glaubwürdig, dass sie von all dem nichts wussten“, betonte Richard Pound, der ehemalige Präsident der Welt-Antidopingagentur (Wada). Der Kanadier kritisierte vor allem das Kontrollsystem scharf: Ausgerechnet in den Stunden vor den Rennen wurden keine Proben genommen. „Man fragt sich, ob das System nicht bewusst so angelegt wurde, dass es nicht erfolgreich sein konnte.“ Durch die Veröffentlichung des Berichts verhinderte die Usada jedenfalls bereits, dass der UCI die brisanten Akten nach dem Beschluss einfach im Keller verschwinden lassen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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