Padua/New York/Wien. Lance Armstrong liefert derzeit fast schon mehr Schlagzeilen als zu seinen besten Zeiten als Radfahrer. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Details aus dem Bericht der US-Antidopingagentur über seine skrupellosen Dopingpraktiken publik werden. Nun wenden sich zusehends auch langjährige Sponsoren und Wegbegleiter vom Texaner ab. Armstrong, der am Mittwoch als Präsident seiner Krebs-Stiftung „Livestrong“ zurückgetreten ist, steht den Anschuldigungen allein gegenüber. Diesmal ist weit und breit kein „Helfer“ in Sicht.
Nachdem Sportartikelhersteller Nike und die Anheuser-Busch-Brauerei die Zusammenarbeit mit Armstrong beendeten, zogen nun der Fahrradkonzern Trek und eine Fitnessstudiokette nach. Weitere Geldgeber stünden ebenfalls kurz vor dem Absprung, berichten US-Medien. Es ist kaum verwunderlich, sagt ein Manager zu „USA Today“. Der siebenmalige Toursieger, 41, sei für viele nur noch der „Dopingpate“.
Erdrückend wirken Zeugenaussagen ehemaliger Teamkollegen, und schockierend sind die von den Behörden in dem 1000 Seiten umfassenden Bericht penibel aufgelisteten Erpressungen, Drohungen und systematischen „Geschäftspraktiken“.
Goldene Uhr für Dopingboten
Armstrong bestreitet zwar weiterhin die Vorwürfe, doch sind die allesamt beeideten Aussagen Märchen? So schilderte etwa Tyler Hamilton, einst auch bei Team US Postal aktiv, Haarsträubendes dem britischen TV-Sender BBC. Armstrong soll 1999 zu Dopingzwecken eigens einen Motorradboten engagiert haben, der die Mannschaft mit „Nachschub“ versorgte. Für das Blutdopingmittel EPO hatten die Radfahrer sogar ein Codewort: Edgar Allan Poe.
Damit ist der Krimi aber noch nicht zu Ende. Die Pünktlichkeit der Lieferungen sollen Armstrong 20.000 Dollar wert gewesen sein. Also musste der Bote zwischen Peloton und Betreuerautos seine eigene Tour bestreiten. Es verlangte auf steilen Anstiegen, zwischen Menschenmassen und Nachzüglern enormes Geschick. Das Team schenkte ihm aus Dankbarkeit für diese Tortur eine goldene Uhr.
Spritzen wurden nach Gebrauch sofort in Dosen entsorgt, Beutel mit Salzlösungen unter Mänteln versteckt und verbotene Substanzen unbemerkt im Campingwagen nebenan verabreicht. Kontrolleure wurden vom Masseur, Arzt oder Fahrer getäuscht. Somit blieb der Superstar stets unbehelligt. Wer seine Rolle aber nicht spielen wollte, wurde bedroht, dokumentiert die Usada.
Wer jetzt auspackt, kann sich seines Arbeitsplatzes aber auch nicht sicher sein. Der Amerikaner Levi Leipheimer sagte als Kronzeuge aus – und wurde entlassen. Das Statement des Rennstalls: „Wir loben ihn für seine offene Kooperation. Aber angesichts des öffentlichen Statements von Herrn Leipheimer hat sich der Rennstall entschieden, den Kontrakt zu beenden.“
30 Millionen Euro für Dr. Ferrari
Nicht nur Armstrong, auch sein Sportmediziner und früherer Arzt, Michele Ferrari, sieht sich mit zahlreichen Vorwürfen konfrontiert. Die Staatsanwälte der Stadt Padua werfen dem 59-Jährigen vor, von seiner Wohnung in St. Moritz aus ein Millionengeschäft mit seinem „Dienstleistungspaket“ aufgebaut zu haben. Laut der „Gazzetta“ beträgt das Geschäftsvolumen über 30 Millionen Euro.
Ferrari soll Beratung, Training, Verabreichung und sogar rechtliche Unterstützung bei positiven Kontrollen angeboten haben. Im Usada-Bericht wird er 400-mal erwähnt, nun wird gegen 20 Teams – nahezu den gesamten Tour-Tross – ermittelt. Auf die Erben von Auguste Dupin, Edgar Allan Poes Meisterdetektiv, wartet also viel Arbeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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