IOC-Wahl: "Frau Präsident, warum eigentlich nicht?"

01.01.2013 | 18:25 |   (Die Presse)

Nawal El Moutawakel – eine Frau, Afrikanerin und Muslimin, erwägt die Kandidatur als Präsidentin des mächtigsten Sportverbandes. Sie symbolisiert Gleichberechtigung, Kontrahenten setzen auf Geld und Lobbying.

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London/Wien/Fin. Die Sommerspiele 2012 haben in London mit einem Damen-Fußballspiel begonnen, und auch hinter den Kulissen des mächtigen Internationalen Komitees hat sich eine „Lady“ die Vormachtstellung längst gesichert. Mit dem Startschuss bei der Suche nach einem Nachfolger für den seit 2001 amtierenden Präsidenten Jacques Rogge fällt immer öfter ein Name: jener der Marokkanerin Nawal El Moutawakel.

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Wenn sich das IOC im September 2013 in einem Luxushotel in Buenos Aires trifft, soll ein neues Aushängeschild des Milliardenimperiums präsentiert werden. Der Wahlkampf ist längst angelaufen, der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach, 58, gilt als Topkandidat. Auch Amerika hätte mit Richard Carrión, einem Bankier aus Puerto Rico, einen aussichtsreichen Anwärter. Immerhin hat er als Finanzchef maßgeblich dazu beigetragen, den Reichtum zu vervielfachen. Rücklagen belaufen sich auf eine halbe Milliarde Euro, für die Periode mit Sotschi 2014 und Rio de Janeiro 2016 sind neue Rekordeinnahmen gewiss. Allein der frisch ausverhandelte TV-Vertrag mit NBC spült 4,4 Milliarden Dollar (3,3 Milliarden Euro) in die IOC-Kasse.

Doch irgendwie bleibt der Anschein aufrecht, dass die Mitglieder einer Sensation nicht abgeneigt sind. In 118 Jahren seit der IOC-Gründung 1894 gab es nur einen von acht Präsidenten, der nicht aus Europa kam – den Karl Schranz in Sapporo 1972 jagenden Amerikaner Avery Brundage. Aber: Noch nie stand eine Frau den „Fünf Ringen“ vor.

 

Rogges „Vermächtnis“

Angst vor großen Herausforderungen ist Nawal El Moutawakel jedenfalls fremd. Die marokkanische IOC-Vizepräsidentin spielt auch mit dem Gedanken, für das wichtigste Amt im Weltsport zu kandidieren. „Warum nicht? Unsere Verfassung ist offen. Ich habe es noch nicht entschieden. Es gibt eine lange Liste von Anwärtern, aber es könnte sein!“, sagte die 400-Meter-Hürden-Olympiasiegerin von 1984 der deutschen Nachrichtenagentur DPA. Eine eindeutige Absichtserklärung hat bislang noch keiner der gehandelten Kandidaten abgegeben. Bis Juni 2013 ist dafür Zeit. Im September dieses Jahres fällt die Entscheidung.

El Moutawakel hat es in der Heimat mittlerweile sogar bis zur Sportministerin gebracht. Rogge schätzt sie so sehr, dass er die 50-Jährige mit dem Vorsitz der Koordinierungskommission für die Spiele 2016 beauftragt hat. Gian-Franco Kasper, Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS, sagt: „Ich habe das Gefühl, dass Rogge ein weiteres Vermächtnis hinterlassen will. Ich kann mir vorstellen, dass sie als Afrikanerin, als erste Goldmedaillengewinnerin ihres Kontinents und als Muslimin einen solchen Symbolwert hätte.“

 

„Zukunft des Sports ist weiblich“

Die marokkanische Vorzeigefrau ließ auch bereits leise anklingen, was ihr Wahlkampfthema sein könnte: die Gleichberechtigung in der Sport-und Verbandswelt. „Jemand hat schon gesagt, die Zukunft des Sports sei weiblich, und ich glaube das.“ In London waren erstmals auch aus allen Teilnehmerstaaten Frauen in 26 Sportarten am Start, sogar aus Brunei oder Saudiarabien. El Moutawakel nahm das wohlwollend zur Kenntnis. „Wir wollen eine komplette Integration in der Verwaltung. Frauen sind in allen Tätigkeitsfeldern präsent. Warum können sie im Sport keine Anführer sein?“

Auch in internationalen und nationalen Verbänden und im IOC seien heute mehr Frauen in Führungspositionen. Im IOC-Exekutivkomitee sind inzwischen drei Frauen vertreten, so viele wie nie zuvor. In der Weltpolitik sind Frauen längst an der Spitze vieler Länder verankert, von Wirtschaftsunternehmen und Industrie ganz zu schweigen. El Moutawakels Wahl wäre ein deutliches Signal in Richtung Gleichberechtigung und Weiterentwicklung. Ob das im Internationalen Olympischen Komitee genügt, um über kräftige Argumente wie Dollarmilliarden, Macht, Lobbying und die allseits gelebte „Freunderlwirtschaft“ hinwegzusehen, verleiht diesem Wahlkampf besondere Brisanz.

Zur Person

Nawal El Moutawakel wurde am 15.April1962 in Casablanca, Marokko, geboren. Sie gewann bei den Sommerspielen 1984 in Los Angeles Gold über 400-Meter-Hürden – als erste Muslimin und Afrikanerin. Seit 1995 sitzt sie im Vorstand des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, seit 1998 ist sie Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee und seit 2007 ist sie Sportministerin in ihrer Heimat. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. [–]

„Wir wollen eine komplette Integration in der Verwaltung. Frauen sind in allen Tätigkeitsfeldern präsent. Warum können sie im Sport keine Anführer sein? Wir müssen die Jugend dieses Planeten erreichen. 2015 werden zwei Drittel der Länder der Welt das Problem der Fettleibigkeit haben. Nicht Hunger wird sie quälen, sondern falsche Ernährung.“

Nawal El Moutawakel,

IOC-Mitglied und Sportministerin bei den Sommerspielen in London

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2013)

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2 Kommentare

korrupt

..... ist noch eine der angenehmeren Eigenschaften des Vereins.

gibt es einen Diktator, vor dem das IOC nicht buckelt?

na endlich

Bravo mehr ist nicht zu sagen. Wir wählen sie.

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