Radsport: Lance Armstrongs Dopingbeichte

15.01.2013 | 17:06 |  Von unserem Korrespondenten Thomas Vieregge (Die Presse)

Der gefallene Tour-de-France-Dominator Lance Armstrong gestand in einem TV-Interview mit Talkshow-Queen Oprah Winfrey jahrelanges Doping ein. Er hofft auf Begnadigung von seiner lebenslangen Sperre.

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Washington. Der Entschluss zur Dopingbeichte reifte seit Monaten, letztlich fiel er aber im Weihnachtsurlaub in Kailua-Kona auf Hawaii, dem Start- und Zielpunkt des legendären Ironman-Triathlons. Lance Armstrongs Lebensziel ist es, daran teilzunehmen – und den Marathon unter den Triathlons zu gewinnen. Ein lebenslanger Bann von allen Wettkämpfen steht der Ambition des 41-jährigen, gefallenen Tour-de-France-Gladiators aber entgegen.

Gut, dass Oprah Winfrey gleich zur Hand war. Die Talkshow-Queen und „Beichtmutter der Nation“, deren Einschaltquoten in ihrem neuen TV-Sender OWN im Bodenlosen dümpeln, plantschte über die Feiertage auch auf Hawaii und erklärte sich prompt bereit zum Interview. Die Schlagzeilen, die das Gespräch schon vor der Ausstrahlung in der Nacht zum Freitag produzierte, nützten schließlich beiden: Armstrong präsentiert sich mehr oder weniger als reuiger Sünder mit dem Versprechen auf Läuterung und der Hoffnung auf Vergebung. Winfrey ist mit ihrem Coup endlich wieder einmal in aller Munde.

Dienstagfrüh war sie denn auch zu Gast bei ihrer Busenfreundin Gayle King in der CBS-Morning-Show, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Armstrongs Bekenntnis habe sie und ihre Crew gefesselt, sagte sie. Über dessen Aufrichtigkeit wollte sie indessen kein Urteil abgeben. Zur Aufzeichnung des Gesprächs am Montag sei sie mit 112 Fragen angerückt, Armstrong mit einer kleinen Heerschar von zehn Beratern. Nachdem eine Reportermeute das Anwesen des in Ungnade gefallenen Texaners außerhalb von Austin belagert hatte, verlegte Winfrey das Interview kurzerhand in das Four Seasons Hotel im Zentrum der texanischen Hauptstadt.

Auf Entschuldigungstour

Stunden zuvor hatte Armstrong bereits vor den Mitarbeitern seiner Anti-Krebs-Stiftung Lifestrong in einer Entschuldigungstour ein Geständnis über seine Lügen und den Missbrauch abgelegt. Hartnäckig hatte er jahrelang geleugnet, hatte von einer Verschwörung, von „Hexenjagd“ und „Vendetta“ geraunt. Dabei war es genau umgekehrt: Der siebenfache Triumphator der Tour de France hatte innerhalb seiner Rad-Equipen Discovery und US Postal ein einzigartiges Dopingsystem samt Motorradkurieren aufgebaut, wie ihm die US-Anti-Doping-Agentur Usada im Vorjahr detailliert in einem mehr als 1000-seitigen Report nachwies.

Wer das Schweigen brach, den verfolgte Armstrong mit Drohungen und Einschüchterung. „Ich mache dir das Leben zur Hölle“, zischte er etwa Tyler Hamilton bei einer zufälligen Begegnung in einem Restaurant im Nobelwinterskiort Aspen an. Am Ende stellten sich aber alle gegen ihn: Floyd Landis und zuletzt sogar sein Edeldomestik George Hincapie, sein treuester Vasall. Lange vorher hatten Franky und Betsy Andreu das Dopinggeständnis Armstrongs bezeugt, und daran wäre beinahe ihre Ehe zerbrochen. Bei einer Krebsoperation in Indianapolis hatte er vor 15 Jahren gegenüber den Ärzten seine Doping-Vergangenheit eingeräumt – nur um nach seiner Heilung mit seinem „Partner in crime“, dem italienischen Arzt Michele Ferrari, eine noch raffiniertere Verschleierung von Epo- und Blutdoping auszutüfteln.

Seitens von Sponsoren, Gazetten und Exkollegen rollt auf Armstrong nun eine Lawine an Schadenersatzklagen zu. Das US-Justizministerium erwägt eine Klage, im schlimmsten Fall wandert der gefallene Held ins Gefängnis – wie die Sprinterin und Dopingsünderin Marion Jones. Armstrong ist gewiefter: Er suchte die Aussprache mit der Usada, um einen Deal auf Begnadigung zu erreichen. Im Gegenzug, deutete er an, wolle er gegen Mitwisser und hohe Funktionäre des Weltverbandes auspacken. Der Radsport zittert.

Auf einen Blick
Lance Armstrongs TV-Interview ist in Österreich bei Pay-TV-Sender Sky zeitgleich mit der Ausstrahlung auf dem Oprah Winfrey Network am Freitag (3 Uhr) auf Discovery Channel und im Livestream auf www.oprah.com zu verfolgen. Am Freitag folgt um 19.15 Uhr die Free-TV-Premiere auf DMAX im deutschsprachigen Raum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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32 Kommentare
 
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Wenn er fällst muss die halbe Radsportwelt mit in den Abgrund

Hätten andere die vor ihm aufgeflogen sind, so gehandelt, wäre er schon viel früher dran gewesen. Das bestätigt, was über seinen Charakter gesagt wird.

erbärmlicher Typ

L.A. hat, wie vermutliche die meisten Spitzenfahrer, gedopt - keine wirkliche Überraschung. L.A. war ohne Zweifel dennoch ein Großer des Radsports - vermutlich wäre er auch ohne Doping bei den Besten dabei gewesen.

In gewisser Weise können einem Sportprofis auch leid tun: Opfern ihre Kindheit/Jugend, haben aus diesem Grund oft keine vernünftige Ausbildung, dann die Entscheidung: Will ich ganz nach oben (wo es auch finanziell interessant wird) oder lediglich unter ferner liefen mitspielen. Da wird sicher extern viel Druck aufgebaut und da ist bei vielen vermutlich keine Zeit, echte Schuldgefühle aufzubauen.

L.A. Umgang mit dem Thema Doping war jedoch mehr als erbärmlich: Reihenweise Drohungen, Klagen, Einschüchterungen gegen Aussagende, und das über viele Jahre. Das ist in meinen Augen kriminell und gehört streng betraft. Sich jetzt mit einem Geständnis aus der Affäre zu ziehen wäre zu billig. Natürlich gibt's Hintermänner, die genauso bestraft gehören. Vermutlich ist ein Großteil des Systems "verseucht", aber L.A. war jedenfalls Teil dieses Systems und nicht gerade eine kleine Nummer. Aufgrund seines Verhaltens sollte dieser Typ nie wieder zu Wettkämpfen zugelassen werden, und hoffentlich wird ihm finanziell das letzte Hemd ausgezogen.

Meine Hoffnung, dass durch L.A. Beichte sich nachhaltig etwas ändern wird ist allerdings gering. Das ist wie Steuerhinterziehung ... die Finanz kann noch so viel prüfen, es gibt immer wieder neue Ideen, Schlupflöcher und Versuche.

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le tour 2013

Auch heuer werden wieder 20 Millionen begeisterte Menschen den 180 gedopten!! Radrennfahrern bei der Tour de France zujubeln.

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werden die vom Herrgott Gedopten auch gesperrt?

Mancher Radrennfahrer ist genetisch vervorzugt, wenn er bei einem Hämatokritwert von 50% mehr Sauerstoff im Blut aufnehmen kann, als einer mit 45%.

Um diese Ungerechtigkeit der Natur auszugleichen, dürfte dann der Benachteiligte soviel "Epogen" zu sich nehmen, dass er auch auf 50% Hämatokrit kommt.

Radrennfahrer die mehr als 50% haben, werden aus dem Rennen genommen. Und Schluß mit den blöden Dopingkontrollen.

Wird aber nicht geschehen, weil unzählige Menschen daran verdienen (Dopingjäger, Anwälte, Bürokraten, Ärzte, Jornaille usw.)


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Re: werden die vom Herrgott Gedopten auch gesperrt?

Jeder Sportler sucht sich die seiner körperlichen Konstitution am besten entsprechende Sportart aus. Was soll daran Doping sein? Doping hat was mit Missbrauch von Medikamenten zu tun, die letztendlich jeder gezwungenermaßen nehmen muss, wenn er noch eine Chance haben will. Das ist das Dilemma. Der Fall LA ist ein Paradebeispiel, wie dieser Virus um sich griff.

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Re: werden die vom Herrgott Gedopten auch gesperrt?

so ein Schwachsinn.

Und einer der um ein paar Zentimeter längere Beine hat, muss diese abschneiden, weil er sonst eine bessere Hebelwirkung hat, oder wie???

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Re: Re: werden die vom Herrgott Gedopten auch gesperrt?

Radfahren ist ein Blut- keine Beinsache, würde ich sagen.
Gute Beine, ob kurz oder lang, haben die Profis sowieso alle.
Sie sprechen vielleicht über 1% Vor-Nachteile, ich über 99%.

Armstrong's Karriere

wie im Film: Vom Winde verweht.
http://www.stewie.at/?pg=22&pid=78&img=571

Überraaaaaaschung


i'm Sorry ... sagt der Multimillionär

und jahrelang alles abstreiten .... drecksack

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warum so viel Wirbel?

Abgeschossen und nie mehr erwähnt gehört der!

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und alle haben es gewußt


Radsport: Armstrong gesteht Doping

Hat in der "Rubrik Sport" in dem Sinn nichts verloren;

Banküberfälle erscheinen ja auch nicht unter "Finanzwirtschaft", obwohl das so verkehrt nicht wäre?

Re: Radsport: Armstrong gesteht Doping

Nachdems die Sportler sind, die zur Ausübung ihres Sportes dopen. Gehört das sehr wohl in die Rubrik Sport. Nicht scheinheilig sein!

Re: Re: Radsport: Doping ist ein Verbrechen am Sport ...

... und Berichte über solche Unredlichkeit muss eigentlich in die Sparte "Recht und Gericht"!

Die Kirche berichtet ja über die gefallenen Patres auch nicht im Sonntagsblatt!

Passend zum Thema

Anbei ein Spiegel Artikel aus 2008 zum Thema Spitzensport und Doping
http://www.spiegel.de/spiegel/a-571031.html

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Re: Passend zum Thema

Danke, sehr interessant und spannend!

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Ich verstehs irgendwo nicht.

Also, Sportarten wie der Radsport haben verdammt viele gedopte Teilnehmer auf internationalem Niveau. Gefühlt würde ich meinen zumindest 100%.

Der Aufreger weil "Pfui, der nahm verbotene Substanzen zu sich, seine Leistung zählt nix" ist irgendwie naiv. Richtigstellen müsste man nur dass er eben gedopt hat, wie absolut jeder andere Radsportler in der Liga auch, von daher wars wohl wieder annähernd fair und die Leistung zählt sehr wohl was.

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Re: Ich verstehs irgendwo nicht.

Also lustig wars ja nicht, als Armstrong fuhr. Plötzlich hatten Nationen wie Frankreich, Österreich und andere keine Chance mehr. Nur Armstrong, italienische und spanische Teams waren gut im Rennen. Das war schon auffällig. Seit der ganze Zirkus aufgeflogen ist, sind die Chancen erfreulicherweise wieder gut verteilt, was die Spannung erheblich steigert. Doping macht jeden Sport kaputt und gehört streng geahndet. Ich hoffe LA bleibt lebenslang gesperrt.

Re: Ich verstehs irgendwo nicht.

Der Unterschied ist eben das nicht 100% gedopt sind. Es ist schon klar das Doping eben nur bei Spitzenleuten etwas bringt, aber wer gesehen hat wie Armstrong in den Bergen saubere Leute zerlegt hat, wird doch den Unterschied sehen. Der Radsport muß einfach sauber werden.

Re: Ich verstehs irgendwo nicht.

Grundsätzlich würde ich ebenfalls meinen, dass seine Leistungen (trotz Dopingkonsums) nicht zu unterschätzen sind. Ich würde allerdings nicht sämtlichen Rivalen unterstellen wollen, dass sie ebenfalls zu solchen Mitteln gegriffen haben...

Man muss sich jedoch wohl schon vor Augen führen, dass es unsere Gesellschaft nicht tolerieren kann, wenn sich hochbezahlte, bei Jugendlichen angesehene Profis (mit einer gewissen Vorbildfunktion) jahrelang ohne Konsequenzen dopen. Die Auswirkungen einer "Amnestie" könnten doch verheerend sein. Viele Nachwuchsfahrer würden sich Armstrong wohl zum Vorbild nehmen.

Zudem denke ich schon, dass der durchschnittliche Radsportfan "saubere" Leistungen fordert. Er präferiert wohl den "natürlichen" Kampf Mann gegen Mann und keine Konkurrenz zwischen zwei chemischen Labors oder mehreren Biotech- und Pharmaunternehmen.

Beste Grüsse.

Andreas Klöden

gestand im Interview (nachdem er gesperrt worden war)..ab 100.000 € war jeder Profi dabei....und es wußte ein jeder, was da lief.....Lance wurde längere Zeit vom Weltverband beschützt, aus welchen Gründen auch immer.....anzuklagen ist das System..konnte selbst einen Angriff damals von Pantani am col de telegraph erleben......da flippten alle aus....

Man hatte ja schon lange gemunkelt..


..dass auch in der Raumfahrt gedopt wird -- es war nur eine Frage der Zeit bis dass es ans Licht kommt.

Auch die rückwirkende Annullierung der Mondlandung auf Empfehlung der Anti-Doping-Kommission kann die epochale Leistung Armstrongs nicht schmälern.

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Re: Man hatte ja schon lange gemunkelt..

Ui da verstehen manche keinen Spaß.. ;)

Die Radsportathleten

trifft nur ein Teil der Schuld. Schliesslich fordert der massenmediale Wahnsinn seinen Tribut. Die Leute fördern quasi auch immer unmenschlichere Leistungssteigerungen, Bestmarken, Rekorde usw. Ansonsten würde es langweilig werden.... Diesem Höher-Schneller-Weiter-Trend sollte man zuallererst Einhalt gebieten, dann wird auch weniger auf DopingMittel zurückgegriffen.

"Schliesslich fordert der massenmediale Wahnsinn seinen Tribut. Die Leute fördern quasi auch immer unmenschlichere Leistungssteigerungen, Bestmarken, Rekorde usw. Ansonsten würde es langweilig werden...."

Ich nicht. Ich wechsle den Sender, wenn Sport kommt, weil die sinnlosen Dressurnummern nerven.

 
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