Armstrong: „Eine einzige große Lüge“

In einem zweiteiligen Interview mit Oprah Winfrey gestand der einstige Tour-de-France-Triumphator Lance Armstrong umfassendes Doping ein. „Die Schuld liegt bei mir.“

Handout photo of Lance Armstrong speaking with Oprah Winfrey in Austin
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Handout photo of Lance Armstrong speaking with Oprah Winfrey in Austin – Reuters

Washington. Am Anfang setzte er ein breites, lausbübisches Grinsen auf, das seine Verlegenheit verbergen sollte. Denn Lance Armstrong wusste, was nach dem kurzen Small Talk zum Auftakt des Interviews mit Oprah Winfrey kommen würde. Die Inszenierung seiner Dopingbeichte in einer Suite des Four-Seasons-Hotels in seiner Heimatstadt Austin entsprang eiskaltem Kalkül, wie sich in der Folge zeigen sollte. Nach 15-jährigem, hartnäckigem Leugnen, nach Gegenangriffen und Gegenklagen, nach einer Einschüchterungskampagne gegen seine Ex-Teamgefährten blieb kein Ausweg: Die Vorwürfe, die die US-Antidopingagentur in einem Report gesammelt bündelte, waren erdrückend.

Winfrey legte mit einem Stakkato von knappen Fragen los, die er allesamt mit einem ebenso lakonischen Ja beantwortete. Cortison, Testosteron, Blutdoping, EPO: Im Laufe seiner Karriere habe er die gesamte Palette an Dopingpräparaten und verbotenen Substanzen eingenommen, bekannte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Epo habe er indes nur wenig Gebrauch gemacht, wie er relativierend einschränkte.

„Es war eine einzige große Lüge. Es war wie Reifen aufpumpen oder Wasserflaschen auffüllen – es gehörte zum Business.“ Innerhalb weniger Minuten brach das Lügenkonstrukt, das ihm zu sieben Tour-de-France-Triumphen verhalf, zu weltweitem Ruhm und einem Vermögen von 125 Millionen Dollar samt Villen in Austin, Aspen und auf Hawaii, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Erfolgsstory vom Krebs-Überlebenden zum Radsportdominator und Idol, konzedierte er, sei zu perfekt gewesen, um wahr zu sein. Der aufwendige Lebensstil ist jetzt von seinem Geständnis bedroht.

 

Verseuchter Radsport

Das Bekenntnis, das die Radsportszene aus den Fugen geraten lässt, folgte einem Muster von Selbstbezichtigung und Selbstverteidigung. „Die Schuld liegt bei mir“, sagte der 41-jährige gefallene Held des Radsports. „Ich habe das System nicht erfunden, aber ich habe es auch nicht gestoppt.“ In keiner Weise sei das Dopingsystem, das er mit dem italienischen Arzt Michele Ferrari aufgezogen habe, vergleichbar mit den Dopingmethoden im Ostblock der 1970er- und 1980er-Jahre. Der gesamte Radsport, suggerierte er, sei abgesehen von wenigen Ausnahmen, von Doping verseucht.

Zu Anklagen und Beschuldigungen ließ sich Armstrong allerdings nicht hinreißen. Dieses Insiderwissen hebt er sich womöglich für eine Aussage vor der Usada auf, der US-Antidopingagentur. Im Fall einer vollen Kooperation kann sie seine lebenslange Wettkampfsperre auf acht Jahre reduzieren. Im günstigsten Fall würde ihm dies im Alter von 50 Jahren die Teilnahme am Ironman-Triathlon auf Hawaii ermöglichen. Usada-Chef Travis Tygart bezeichnete die Aussagen denn auch als „kleinen Schritt in die richtige Richtung“. Er forderte ihn auf, ein umfassendes Geständnis unter Eid abzulegen. Auch John Fahey, der Präsident der Welt-Antidopingagentur Wada, übte postwendend Kritik. Das Interview sei „ein bequemer Weg zu rechtfertigen, was er getan hat – nämlich betrügen“. Er mache sich dadurch „völlig unglaubwürdig“. „Falls er auf Erlösung aus war, war er nicht erfolgreich.“

 

Kalt-warme Bekenntnisshow

Keine Tränen – wie so oft bei TV-Beichten bei Winfrey –, nur ansatzweise Anzeichen von Reue: Der bestens für den Auftritt präparierte Armstrong lieferte eine kalt-warme Bekenntnisshow ab. Er entschuldigte sich bei vielen Weggefährten, stellte ein Doping nach seinem Comeback 2009 jedoch kategorisch in Abrede. Sonst hätte er ja womöglich wieder gewonnen. Er sei ein Tyrann, ein Kontrollfreak, ein rücksichtsloser Kämpfer, der um jeden Preis gewinnen will, charakterisierte er sich selbst. Am Ende sagte Armstrong dreimal Nein: Er habe damals nicht das Gefühl gehabt, betrogen zu haben; er habe sich nicht schuldig gefühlt. „Ist das nicht erschreckend?“

Auf einen Blick

Lance Armstrong, der frühere Radprofi, hat mit EPO, Cortison, Eigenblut-Transfusionen, Testosteron und Wachstumshormonen betrogen, gab er in einem TV-Interview zu. Der Amerikaner, 41, sagte, bei all seinen sieben Tour-Erfolgen von 1999 bis 2005 gedopt zu haben.

Kritik hagelte es trotzdem. Seine Beichte komme zu spät, sagen Wegbegleiter und Gegner. Zudem habe er keine Mitwisser genannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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