Lance Armstrong: "Arschloch und Menschenfreund"

In den USA stand er im Rang eines Nationalhelden. Armstrongs TV-Beichte läutete die erste Etappe für ein Comeback des gefallenen Heroen ein. Die Story vom Aufstieg und Sündenfall lockt auch Hollywood.

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Lance Armstrong – (c) AP (PETER DEJONG)

Als Lance Armstrong im Juli 2005 zum siebenten Mal in Serie auf das Podest des Tour-de-France-Siegers auf den Champs-Élysées kletterte, sollten seine Kinder den historischen Moment in Paris miterleben. Also ließ er den fünfjährigen Luke, die dreijährigen Zwillinge Isabelle und Grace nach Frankreich einfliegen, um sie an seiner Seite zu haben – neben seiner damaligen Freundin, dem Popstar Sheryl Crow. Die Töchter winkten mit dem Maskottchen der Tour, einem Löwenbaby, in die Menge und Luke stemmte die Trophäe im womöglich glücklichsten Augenblick der Karriere seines Vaters in den Pariser Himmel.

Siebeneinhalb Jahre später ist der 41-jährige Texaner am Tiefpunkt angelangt. Als ihn Oprah Winfrey im zweiten Teil ihres Interviews, das mitunter mehr einer Therapiesitzung glich, auf seine Kinder ansprach, da übermannten ihn die Emotionen. „Es stimmt, was sie sagen“, eröffnete Dopingsünder Armstrong seinem inzwischen 13-jährigen Sohn während der Weihnachtsferien auf Hawaii. „Verteidige mich nicht mehr.“ Als er dies erzählte, stockte seine Stimme. In einer Verlegenheitsgeste wischte er sich mit der Hand über den Mund, die Augen wurden feucht und er blickte verschämt zu Boden.

Nach Michael Jackson, Whitney Houston & Co. hatte die „Beichtmutter der Nation“ auch den super-toughen Marathonmann des Radsports mit ihrem Psycho-Talk und den insistierenden Fragen nach seinem Privatleben zu Tränen gerührt. Sie brauchte dafür gut eineinhalb Stunden reine Gesprächszeit, um die harte Schale, die coole Fassade des Vollprofis zu knacken. Allerdings wollten ihr dabei – inklusive Internetpublikum – nur 3,8 Millionen Amerikaner zusehen, immerhin die zweitgrößte Einschaltquote in der Geschichte ihres Senders OWN.

Der große Lance, der sich nach seiner wundersamen Hodenkrebs-Heilung lange so mächtig und unbezwingbar wähnte, dessen Ego und Leben „bigger than life“ waren, zeigte sich auf einmal klein – eine Genugtuung für die Legion an Feinden, die er sich im Laufe seiner Karriere gemacht hatte. Die Konkurrenz, voran den Deutschen Jan Ullrich – den vielleicht talentierteren, aber weniger disziplinierten Rivalen –, fuhr er in Grund und Boden: ob beim Zeitfahren in der flachen Normandie oder bei der Bergetappe zum Alpe d'Huez. Den unbotmäßigen Italiener Filippo Simeoni, der den Dopingarzt Michele Ferrari schwer belastet hatte, herrschte er während einer Tour-de-France-Etappe an: „Ich werde dich zerstören.“ Die Witwe eines Radfahrkollegen und deren Kind unterstützte er wiederum finanziell. Wie ein Mafiapate gerierte sich Armstrong als „Patron des Peloton“: Er verfolgte seine Gegner mit kalter Rache und erwies seinen Helfershelfern und Domestiken Gunst und Gefälligkeiten.

„Arschloch und Menschenfreund“: So charakterisierte er seinen inneren Spagat in der TV-Beichte gegenüber Oprah Winfrey. Als Gründer der Anti-Krebsstiftung Livestrong sammelte er rund 500 Millionen Dollar, die gelben Armbänder avancierten zum Symbol seines humanitären Engagements. Der erzwungene Rücktritt von der Livestrong-Stiftung vor wenigen Monaten, gestand er jetzt ein, „tat weh wie die Hölle. Das war demütigend, ein Tiefpunkt. Die Stiftung ist wie mein sechstes Kind.“

Beim Antikrebs-Gipfel in seiner Heimatstadt Austin im Juli 2008 setzte es sich Armstrong in den Kopf, den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama als Stargast zu rekrutieren. Weil der aber wegen einer Wahlkampftour im Ausland verhindert war, drohte er in einem Telefonat gegenüber dem Ex-Präsidentschaftskandidaten John Kerry mit einer Negativkampagne. Als Duzfreund und gelegentlicher Radkumpan George W. Bushs auf dessen Texas-Ranch in Crawford spielte er schließlich selbst einmal mit der Idee, für den Gouverneursposten in Texas zu kandidieren. Alles schien möglich für den „Übermenschen“, der dem Tod trotzte.


Hollywood-Drehbuch. Allenthalben wurde Armstrong hofiert. Nicolas Sarkozy empfing ihn im Élysée-Palast, Bill Clinton im Weißen Haus. In den USA, wo er den Randsport mit seinen sieben Tour-Triumphen populär gemacht hat, stand er im Rang eines Nationalhelden – wie Namensvetter Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond. Hollywood stand Schlange vor ihm, als Kurzzeit-Lover Kate Hudsons wirkte er in einem hölzernen Cameo-Auftritt in der Komödie „You, Me and Dupree“ mit. Nur folgerichtig, dass sich Hollywood schon vorab die Filmrechte an der Biografie der „New York Times“-Reporterin Juliet Macur („Cycle of Lies“ – Kreislauf der Lüge) gesichert hat, die indes erst im Sommer erscheinen wird.

Es ist ein Skript nach Geschmack der Filmmetropole: Weltmeistertitel mit 21 Jahren, vier Jahre später Krebserkrankung mit einer Überlebensprognose von 40 Prozent, Comeback, Aufstieg und Sündenfall. Das letzte Wort ist indes längst nicht geschrieben. 75 Millionen Dollar musste er nach seiner Sperre und dem Rückzug von Großsponsoren wie Nike in den Wind schreiben, gab er an. „Ich zahle einen hohen Preis, und ich habe ihn verdient.“ Armstrong steht vor dem Nichts, hofft jedoch auf Läuterung, Katharsis – und ein Comeback nach Aufhebung der „Todesstrafe“, wie er formuliert, der lebenslangen Sperre. „Ich bin ein Optimist, ein Wettkampftyp.“ Mit 50 Jahren, so fantasierte er, will er beim Chicago-Marathon starten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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