Geld allein gewinnt keine Medaillen

Österreich investiert in seine Olympiasportler, um nicht wie 2012 ohne Medaille zu bleiben. Der Fall Dinko Jukić zeigt jetzt, dass Förderung keine Garantie für Fleiß und Leistung darstellt.

ARCHIVBILD: DINKO JUKIC
Schließen
ARCHIVBILD: DINKO JUKIC
Dinko Jukić – APA/ROLAND SCHLAGER

Dinko Jukić ist der Republik Österreich viel Geld wert. Er wird im Rahmen des Sonderförderprojekts Rio 2016 des Ministeriums für Landesverteidigung und Sport im Jahr 2014 mit 120.000 Euro unterstützt. Doch Jukić hat Probleme, er verfehlte Mitte Juli die Qualifikation für die Schwimm-EM, die ab Mittwoch in Berlin läuft. Die Langbahn-EM aber war in Jukićs Fördervertrag das wichtigste Ziel des Jahres. Sein Scheitern könnte daher die vorübergehende Stilllegung oder Lösung der Vereinbarung nach sich ziehen.

Das Projekt ist mit 20 Millionen Euro dotiert für 40 Rio-Sportler, zwölf Paralympics-Starter und sieben Teams, die in einen Medaillen- und einen Hoffnungskader aufgeteilt sind. Damit die Sportler „sorglos Bestleistungen bringen können“, wie Olympiasieger Christoph Sieber, Sportdirektor des ÖOC, vor wenigen Tagen sagte. Die Maßnahme wurde nach den Sommerspielen 2012 in London beschlossen, von das ÖOC-Team ohne Medaille heimkehrte. Chefkoordinator des Sommerprogramms ist der Präsident des Skiverbandes, Peter Schröcksnadel.

Dinko Jukić wurde in London über 200 Meter Delfin (Butterfly) Vierter. Die Aussicht, in Rio Edelmetall über diese Distanz zu erringen, ist die Grundlage des Fördervertrags – er liegt der „Presse“ vor. Selbstverständlich kann der Gewinn einer Medaille vertraglich nicht vereinbart werden. Doch die vorgesehenen, von Experten geprüften Trainings und Bewerbe sowie begleitende physiotherapeutische, diätetische und psychologische Maßnahmen sollten bei entsprechendem Fleiß die Aussichten realistisch erscheinen lassen.

Doch an Jukićs im ersten Halbjahr 2014 geleisteter Arbeit sind Zweifel angebracht. Sie sind sportlicher und organisatorischer Natur. Erst zum Sport. Laut Rangliste des Internationalen Schwimmverbandes Fina war Jukić am 7. August 2014 über 200 Meter Delfin nicht unter den besten 500 der Welt (1.: Chad Le Clos, RSA, 1:54,56). Kein Wunder, sein letzter 200-m-Wettkampf war der olympische Endlauf 2012 (Jukić 4. in 1:54,35, 1. Chad Le Clos 1:52,96). Jukić scheiterte Mitte Juli am EM-Limit über 100 Meter Delfin, mit der Zeit (54,42) liegt er nicht unter den besten 100 Europas (1.: Prudnikov, RUS, 51,60). Auch über 50 Meter – diese Distanz ist nicht olympisch –, scheiterte er deutlich. Jukić sagte, die EM interessiere ihn nicht.

Kann Jukić, der zwei Jahre lang diese Disziplin ignorierte, in der er 2016 „sorglos“ eine Olympiamedaille heimbringen soll, weiterhin als förderungswürdig gelten?


Auf Rehabilitation aus. Die frühere Turmspringerin Anja Richter ist im Büro von Sportminister Gerald Klug für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Nur sie und Projektkoordinator Peter Schröcksnadel dürfen sich zum Fall Dinko Jukić äußern. Alle anderen Experten – inklusive ÖOC-Sportdirektor Sieber – winken entschieden ab. Mit dem Fall Jukić will sich niemand den Mund verbrennen. Richter bestätigte immerhin, dass ein Fördervertrag vorübergehend stillgelegt oder aufgelöst werden könnte, wenn ein Athlet sich nicht an die vereinbarten Maßnahmen halte und die entsprechenden Etappenziele verfehle. Peter Schröcksnadel, der Mitte Juli in Kanada urlaubte, stellte für Ende August eine Entscheidung in Aussicht.

Die Frage lautet also: Hat Jukić der Vereinbarung mit dem Ministerium gemäß gearbeitet, um 2014 mit 120.000 Euro aus Steuermitteln unterstützt zu werden? Jukić will sich, sagt sein Anwalt Thomas Krankl, im Winter „rehabilitieren“. Auf Anrufe der „Presse“ reagierte Jukić nicht, ebenso sein Vater Zeljko. Er hätte erklären können, warum er den Trainingslehrgang in Seefeld (24. 1. bis 4. 2., 2000 €) gespritzt hat. Anschließend übte er in Rijeka (6. 2. bis 9. 3.), ließ aber den Wettkampf dort und in Stockholm aus. Die USA (21. 4. bis 21. 5.) und die damit verbundenen Lehrgänge samt Rennen (12.000 €) mied er ebenfalls. Anschließend hielt er sich statt beim Event Mare Nostrum (Training + 3 Wettkämpfe in Monaco, Barcelona, Canet) teilweise in Doha (1. bis 14. Mai) auf. Wieder kein Wettkampf. Zur Bezahlung von Doha soll er eine Pauschalrechnung von rund 13.000 australischen Dollar (ca. 9200 Euro) eingereicht haben.

Hier beginnen die Zweifel an der Organisation von Jukićs Arbeit. Die Förderrichtlinien des Ministeriums erlauben keine pauschalen Abrechnungen. Er hat eine diesbezügliche Vereinbarung unterschrieben – auch dieses Dokument liegt der „Presse“ vor. Angeblich soll Jukić bisher 18.000 Euro aus seinem Fördervertrag erhalten haben. Da die Vereinbarung stets zwischen dem Ministerium und dem jeweiligen Fachverband (Schwimmen) getroffen wird, ist der Verband dazu verpflichtet, die Abrechnung zu kontrollieren. Widrigenfalls zahlt er die Differenz von geleistetem Vorschuss (an den Athleten) und nicht nachgewiesenen Beträgen. OSV-Präsident Stefan Miklauz gibt sich diplomatisch: „Wir unterstützen Jukić mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.“


Die Individual-Betreuung.
Apropos Australier. Sie schicken ihm Trainingspläne. Jukić ist stolz auf diese Kooperation. Das werden die Australier nicht gratis machen. Zeljko Jukić, Dinkos Vater, arbeitet als Trainer seines Sohnes, er erhält ebenfalls Vergütungen. In der Fördervereinbarung sind 47.000 Euro für „Beschickung zu Wettkampf und Training“ und 30.000 Euro für „Spezial und Individualbetreuung“ vorgesehen.

Und dann arbeitet da noch die Firma Performenhance des Short-Trackers Matthias Stelzmüller für Jukić. Stelzmüller: „Ich assistiere ihm beim Training, hauptsächlich in der Kraftkammer.“ Auf der Rechnung steht „Erstellung des Trainingskonzepts inkl. Durchführung“. Dafür zahlte Jukić von Februar bis Juli (Rechnungsnummer: 95 bis 100) an Performenhance monatlich eine Pauschale von 1320 Euro. Bar. Zusatz: „Umsatzsteuerfrei aufgrund der Kleinunternehmerregelung.“ Was qualifiziert ihn zur Trainingsunterstützung eines Weltklasseathleten? Er war einer der besten Short-Tracker Österreichs, sagt er, und habe im Fach Sport maturiert. Sind die Rechnungen und das Trainingsumfeld von Jukić mit den Förderrichtlinien vereinbar?

Jukić urlaubt derzeit offenbar in Kroatien. Sein Verein SC Austria ist vom OSV wegen Säumigkeit bei den Verbandsgebühren ausgeschlossen worden, ein Verfahren vor dem Oberlandesgericht ist anhängig. Jukić trat Mitte Juli in Slowenien für den SC Austria an, als er das EM-Limit verfehlte. Illegalerweise, sagt der OSV. Am 2. August entzog der Verband Jukić das Sonderstartrecht. Er darf nun ohne Genehmigung des Verbandes kein Rennen mehr bestreiten.

Der OSV hat ihm übrigens eine Galgenfrist eingeräumt: Bis Ende Oktober muss Jukić das EM-Limit über 200 Meter Schmetterling nachbringen: Es sind 2:00,69 Minuten. Sollte er selbst daran scheitern, sind der Verlust der Förderung und das Ende einer Medaillenhoffnung wohl unausweichlich.

OLYMPIA 2016

Ausblick auf Sportler im Projekt Rio 2016 – und deren Status.

Beachvolleyball
Doppler/Horst wurden Neunte in Klagenfurt. Schwaiger/Chukwuma sind erst neu formiert.

Judo
Filzmoser, Graf, Unterwurzacher, Zeltner und Drexler – WM in Tscheljabinsk wird der Gradmesser.

Leichtathletik
Schrott, Vojta und Mayer sind bei der EM, Dadic und Weißhaidinger nicht.

Kanu
Schuring wurde EM-Vierte, ist WM-Tipp. Schwarz und Lehaci haben neuen Coach.

Wildwasser
Kuhnle, Oblinger-Peters und Wolffhardt – bei der Heim-EM sehr schwach.

Moderner Fünfkampf
Thomas Daniel, 6. in London, EM-Sechster – Tendenz steigend.

Mountainbike
Elisabeth Osl (Schienbeinkopfbruch) und Alexander Gehbauer (Blinddarm-OP) haben Aufholbedarf.

Ringen
Amer Hrustanovic gewann EM-Bronze.

Rudern
Magdalena Lobnig und Sieber/Sieber sind U23-Weltmeister, Lobnig schafft Podestplätze im Weltcup.

Schießen
Ungerank, Obermoser, Schmirl, Mathis – jung, vom Podest weit weg.

Schwimmen
Jukić (Artikel links) und Wasserspringer Constantin Blaha als Hoffnung.

Segeln
die größte Hoffnung für 2016; Delle Karth/Resch (7. beim Rio-Test), Schmid/Reichstädter, Zajac/Frank, Bargeh/Mähr, ein Regattasieg bei den aktuellen Tests.

Taekwondo
Edines Salkic nach einem Kreuzbandriss noch im Neubeginn.

Triathlon
Lisa Perterer, Sara Vilic, Luis Knabl, Thomas Springer – großes Engagement, sehr kleine Chancen.

Teams
Handball (WM-Ticket 2015), Tischtennis, Hockey; Säbelteam Herren (gestrichen).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Geld allein gewinnt keine Medaillen

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen