Ihre Show ist halsbrecherisch: Mit bis zu Tempo 80 jagen sie den Berg hinunter, überwinden Stock und Stein und fliegen bei ihren spektakulären Sprüngen gut und gerne 20 Meter weit. Downhill ist eine der actiongeladensten und gefährlichsten Disziplinen in der Mountainbike-Szene. Am Samstag werden in Schladming die Weltcupsieger gekürt und rund 20.000 Zuschauer werden die Rennstrecke säumen. Der Australier Samuel Hill, seit drei Jahren auf der Planai ungeschlagen, möchte im Endspurt Südafrikas Weltcup-Leader Greg Minnaar abfangen. Auch die Lokalmatadore Mario und Georg Sieder und Markus Pekoll wollen beim „Abfahrtsrennen“ mitmischen. Einen Stockerlplatz hat die steirische Vizeeuropameisterin Petra Bernhard im Visier.
Mit handelsüblichen Mountainbikes haben die Downhill-Rennmaschinen nichts gemein: verstärkter Rahmen, hydraulische Scheibenbremsen und eine Federgabel mit 20 Zentimetern Federweg. Auch die Athleten sehen martialisch aus: Helm und Protektoren an allen Gliedmaßen und am Rumpf lassen sie bedrohlich wirken.
Nach dem Four-Cross am Freitag, bei dem vier Fahrer im Rad-an-Rad-Kampf einen selektiven Kurs zu bewältigen hatten, steht am Sonntag der Cross-Country am Programm. Diese Disziplin spiegelt die Bedeutung wider, die das Mountainbiken international bekommen hat: Seit den Spielen 1996 in Atlanta zählen diese Rundstreckenrennen mit Massenstart zum olympischen Kanon.
Lustiges von der Prager-Hütte
Als Anfang der 1980er-Jahre Mountainbikes erstmals in Serie hergestellt wurden, waren sie in Österreich zunächst kein durchschlagender Erfolg. Das Schild „Fahrräder anlehnen verboten“, das damals an einem Schuppen der Alten Prager-Hütte im Großvenediger-Gebiet auf 2489 Metern spaßhalber angebracht worden war, hatte Schmunzeln hervorgerufen. Dass Radfahrer in diese Höhen vordringen würden, war damals unvorstellbar. Die Bergwanderer standen den Bikern skeptisch gegenüber, die Forstwirtschaft erlebte sie als Bedrohung. Vorerst erkannten nur wenige Tourismusregionen das Potenzial. Saalbach-Hinterglemm etwa begann vor rund zwölf Jahren, Regelungen mit den Grundeigentümern zu erzielen, Strecken zu beschildern und Landkarten aufzulegen. Zudem war es schon ab den 1990er-Jahren möglich, Räder mit den Seilbahnen mitzunehmen.
Früh erkannten die Salzburger, das Bedürfnis der Freizeitradler, sich zu messen, und etablierten eine Hobby-WM, die an diesem Wochenende zum zehnten Mal ausgetragen wird. Marathon, Cross Country, Downhill und Freeride Eliminator stehen auf dem Programm. Über 1000 Starter hoffen darauf, dass dieses Wochenende doch noch schneefrei bleibt. Noch mehr Profi- und Amateur-Athleten zieht Jahr für Jahr die Salzkammergut-Trophy in der Weltnaturerberegion Dachstein-Hallstatt an: Alleine heuer waren es 3400 Bikes.
Die Wettkampfsportler und ihre Begleiter, vor allem aber die Genuss-Mountainbiker machen den Sport zum Wirtschaftsfaktor. Auf Letztere setzt das Salzkammergut und etablierte das „Mountainbike-Kompetenzzentrum“. Helmut Simonlehner, der Leiter des Zusammenschlusses von Hotels, Rad-Geschäften, Verleihern, Shuttle-Diensten, betont die Bedeutung von hochqualitativem Service: „Wir legen die Standards und Richtlinien für unsere Mitgliedsbetriebe fest.“
Großes Thema für ihn ist die Sicherheit: „Zehn staatlich geprüfte Mountainbike-Guides arbeiten mit dem Kompetenzzentrum zusammen, zudem bieten wir Fahrtechnik-Seminare.“ Eine ähnliche Ausrichtung hat das Mountainbike-Land Niederösterreich. Ausgehend vom Mostviertel wurde seit 1998 ein mittlerweile 280 Kilometer langes Wegenetz im Land ausgebaut. Zudem werben Orte, die entsprechend ausgestattete Betriebe beherbergen, mit dem Siegel „Mountainbike-Gemeinde“. Um auch das „Wilde-Kerle-Segment“ im Osten zu bedienen, wurde 2006 der Bike-Park am Semmering eröffnet.
Radverkauf stieg um 16 Prozent
Aber nicht nur der Fremdenverkehr profitiert. Für Saalbach-Hinterglemm rechnet Tourismusdirektor Wolfgang Breitfuß vor, dass von „550.000 Nächtigungen im Sommer rund 20.000 auf das Konto der Mountainbiker gehen – Tendenz stark steigend“. Auch für den Handel sind Mountainbikes ein gutes Geschäft. 440.000 Räder wurden 2007 (+16%) verkauft, errechnete die Arge Fahrrad (160.000 davon wurden in Österreich produziert): Ein Drittel davon sind Mountainbikes, rund zwölf Prozent für den Offroad-Bereich. „Der Trend geht zu höherwertigen Fahrrädern“, sagt Christian Mann von Intersport Austria. Während Käufer im Schnitt 500 Euro für ein Fahrrad ausgeben, würden Mountainbiker sehr genau nachfragen, welche Schaltung oder welche Federung sie wählen sollen, aber auch tiefer in die Tasche greifen: Das Segment der Räder im Wert von 1500 bis 2000 Euro würde stark zulegen. Zudem verzeichne der Absatz von Helmen Zuwachsraten von 20 Prozent: Schon ab 30 Euro bekomme man hervorragende Qualität, sagt Mann.
War vor Jahren noch das begrenzte Wegenetz der limitierende Faktor, hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Zwar sind Forstwege für Radfahrer grundsätzlich noch immer gesperrt, erlaubten zahlreiche Waldeigentümer das Radfahren auf ihren Wegen. Ein besonderer Anteil kam dabei den Bundesforsten zu: Sie öffneten mehr als 2000 Kilometer ihrer Forstwege für Mountainbiker.
■Auf der Planai in Schladming geht am Wochenende der Weltcup der Mountainbiker ins Finale.
www.mountainbike-weltcup.at
■In Saalbach-Hinterglemmermitteln die Hobby-Mountainbiker am Wochenende ihre Weltmeister.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2008)

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