WIEN (g. h.). Wenn das Lügengebäude zusammenbricht, hilft nur noch die Flucht nach vorn. Lisa Hütthaler trat diese vor einer Woche an. Die wegen Dopings gesperrte Triathletin legte vor der Sonderkommission Doping im Bundeskriminalamt ein umfassendes Geständnis ab. Und sie brach dabei mit einem bisher ungeschriebenen Gesetz. Sie gab die Namen ihrer Lieferanten preis.
Gegenüber dem „Kurier“ beschuldigt die 25-Jährige den mittlerweile suspendierten Kinderarzt Z. und den Sportmanager M., sie mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Der Arzt soll ihr die Präparate sogar injiziert haben. Die beiden stehen schon seit geraumer Zeit unter Verdacht. Spitalsarzt und Hobby-Triathlet Z. wurde deshalb vom Dienst suspendiert. Er bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Hütthaler war fast genau vor einem Jahr die Einnahme des Blutpräparats EPO nachgewiesen worden. Die Athletin wurde deshalb von der Anti-Doping-Agentur für zwei Jahre gesperrt. Doch die Niederösterreicherin muss nicht nur sportliche Konsequenzen tragen. Ihr droht auch eine empfindliche Haftstrafe. Denn die ehrgeizige Sportlerin soll einer Mitarbeiterin des Dopinglabors in Seibersdorf 20.000 Euro geboten haben. Dafür, dass diese Hütthalers Dopingprobe manipuliert.
Die Mitarbeiterin blieb standhaft – und Hütthaler droht ein Prozess wegen Anstiftung zum Amtsmissbrauch. Strafrahmen: sechs Monate bis fünf Jahre Haft. Bei derartigen Aussichten ist eine öffentlichkeitswirksame Flucht nach vorn ratsam. Hütthaler stellt sich als „Kronzeugin“ dar.
Und was passiert mit der Anklage wegen Amtsmissbrauchs? „Noch ist nicht einmal klar, ob es überhaupt zu einer Anklage kommen wird“, sagt ihr Verteidiger Manfred Ainedter der „Presse“.
Mit Mayer in Turin
Ein halbes Dutzend EPO-Ampullen habe sie von dem Sportmanager bezogen, berichtete Hütthaler. Sie habe sich mit ihm auf einem Autobahnrastplatz getroffen. Dort wurde gedealt. 15.000 Euro soll sie in Summe an den 33-jährigen früheren Läufer gezahlt haben. Der Beschuldigte bestritt am Freitag gegenüber ORF-Online sämtliche Zusammenhänge mit Doping. Dabei war er auffällig oft indirekt in spektakuläre Dopingfälle involviert.
So auch in den Fall Bernhard Kohl. Der Dritte der Tour de France 2008 musste vorigen Herbst zugeben, dass er gedopt war. M. war sein Manager. Aber M. war auch Berater des Radstars Michael Rasmussen, der als Führender der Tour de France 2007 des Dopings überführt worden war. Und im Juli 2008 traf es wieder einen Schützling Ms: den 3000-Meter-Hindernislauf-Europarekordler Simon Vroemen. Der Belgier hatte eine positive Dopingprobe abgegeben. Alles Zufall?
Apropos: Als es 2006 bei den Winterspielen in Turin zur Dopingrazzia im Lager der österreichischen Langläufer und Biathleten kam, war nicht nur der nun in U-Haft sitzende Extrainer Walter Mayer „zufällig“ in Turin. Auch sein Freund M. war mit von der Partie. Alles nur Zufall?
M. war am Freitag weder für die „Presse“ noch für die Ermittler im Bundeskriminalamt erreichbar. Er soll, so heißt es aus seinem Umkreis, seit geraumer Zeit in Florida sein. Rein zufällig...
Doping im Breitensport, S. 21
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)

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