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Dressur und Springreiten: Pferde sind arme Hunde

04.07.2009 | 17:57 |  von Martina Leingruber (Die Presse)

Hinter Eleganz und Grandezza verbirgt sich ein beinhartes Millionengeschäft, indem auch vor Doping und Tierquälerei nicht zurückgeschreckt wird.

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Ich mag mir da gar keine Gedanken mehr drüber machen“, sagt Hugo Simon. Das Aushängeschild des heimischen Reitsports ist genervt. Die aktuelle Dopingdiskussion, die durch Ludger Beerbaums Aussage „erlaubt ist, was nicht gefunden wird“ und den Fall Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth an die Spitze getrieben wurde, ist Simon zu wider. Das sieht man ihm an. Mit hochrotem Kopf und wild gestikulierend schildert der 67-jährige im Gespräch mit „Der Presse am Sonntag“ seine Sicht der Doping-Dinge. Am meisten stört ihn die sogenannte Nulllösung. „Du kannst dem Pferd nichts geben, du kannst ihm nicht helfen und das ist nicht in Ordnung. Da du die Nulllösung hast, kannst du Null machen.“

Ins Kreuzfeuer der Kritik ist Dressur-Ikone Isabell Werth geraten. Die fünffache Olympia-Siegerin wurde vor wenigen Tagen suspendiert, nachdem bei ihrem Pferd Whisper der verbotene Wirkstoff Fluphenazin nachgewiesen wurde. Enthalten war diese Substanz in dem Psychopharmaka Modecate, dass der Tierarzt Whisper gegen die Zitterkrankheit verschrieben hat. Nun muss sich Werth nicht nur den Doping sondern auch Tierquälerei vorwerfen lassen. Denn ein Pferd, dass wegen dieser Gleichgewichtsstörung behandelt werden muss, ist für den Sport untauglich. Außerdem ist Modecate ein Medikament für Menschen mit schweren psychischen Störungen, für Pferde ist es gar nicht zugelassen. Sie sei aber keine Tierquälerin, sagt Werth. Nur ein einziges Mal sei das Medikament an Whisper „ausprobiert worden“. „Ich habe es nur gut gemeint und wollte ihm den Alltag erleichtern“, sagte Werth.

Die Dopingdiskussion so richtig ins Rollen gebracht hat aber der Fall Christian Ahlmann im vergangenen Herbst. Bei Cöster, dem Pferd des Deutschen, und drei weiteren Pferden wurde während den olympischen Sommerspielen in Hong Kong die Substanz Capsaicin nachgewiesen. Ahlmann hatte angegeben, das Mittel Equiblock für eine Rückenbehandlung genutzt zu haben, wurde vom Internationalen Sportgerichtshof aber wegen Doping verurteilt.

Der Stoff Capsaicin ist für die Schärfe in den Chilis verantwortlich. Der Wirkstoff kann, etwa in Wärmepflastern, zur Linderung von Schmerzen zur Anwendung kommen, er kann aber als Dopingmittel eingesetzt werden. Dann nämlich, wenn man die Pferdebeine mit Capsaicin hältigen Mitteln einreibt, um so die Schmerzempfindlichkeit erhöhen. Dann reitet man beim Aufwärmen einen Probesprung absichtlich falsch an. Das Pferd schlägt unweigerlich mit den Beinen am Hindernis an. Es hat große Schmerzen - und wird im Bewerb aus lauter Angst die Beine ganz weiter nach oben ziehen.

Mit High Tech wurde diese Woche in Aachen versucht, solchen Betrügern und Tierquälern auf die Schliche zu kommen. Beim größten und wichtigste Turnier der Welt – quasi dem Wimbledon des Reitsports – wurden erstmals Wärmebild-Kameras eingesetzt, um so Hinweise auf mögliche Manipulationen zu bekommen. Da Capsaicin die Durchblutung fördert, wird der Missbrauch anhand der Kameras sichtbar.

Eine einzigartige Regelung ist für die Doping-Misere mit verantwortlich. Im Reitsport wird zwischen Doping und verbotener Medikation unterschieden. Pferde dürfen medizinisch behandelt werden, im Wettkampf dürfen aber keine Mittel mehr nachweisbar sein. Bei verbotener Medikation sind die Strafen geringer als bei Doping. Da die Abbauzeiten vieler Medikamente unklar sind, müssen sich die Reiter auf die Angaben der Tierärzte verlassen, „wenn ich aber drei Tierärzte um Auskunft bitte, bekomme ich drei verschiedene Antworten“, sagt Hugo Simon.

Der internationale Reitsportverband FEI will in Sachen Doping nun hart durchgreifen. Bis dato kommen Doping-Sünder im Pferdesport mit Sperren von einigen Monaten davon. Die FEI will aber weder vom Konzept der zwei Listen abweichen, noch will sie Trainingskontrollen verpflichtend einführen. Dabei wären gerade im Training Überprüfungen sinnvoll, denn in den meisten Fällen findet der Missbrauch nicht im Stadion, sondern in den Ställen statt.

Hugo Simon wehrt sich gegen die Pauschalverurteilungen. „Natürlich gibt es auch im Reitsport schwarze Schafe. Aber die Wahrheit ist, dass unsere Pferde wie Könige leben.“ Sie würden von den Pflegern gehegt und gepflegt. „Pferde sind ja so teuer“, sagt Simon. Da könne man es sich gar nicht erlauben, Tiere zu verheizen, die mehrere hunderttausend Euro kosten. Simon hat die ewigen Diskussionen satt, er fordert von der FEI endlich konkrete Richtlinien, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. „Doping muss bestraft werden, das ist klar. Aber ich muss einem Pferd helfen können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)

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