Der Kampf um die Jugend mit Fäusten und Knien

In den USA ist MMA ein Massenspektakel. Auch in Österreich wächst die Lust an der umstrittenen Kampfsportart. Eine Annäherung zeigt: Hier wird nicht zuletzt um Integration gerungen.

Nicolas Löckel und Branimir Radosavljevic (r.) trainieren im MMA Vienna viele Jugendliche. Auch der tschetschenische Star Mairbek Taisumov hat hier seine Basis.
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Nicolas Löckel und Branimir Radosavljevic (r.) trainieren im MMA Vienna viele Jugendliche. Auch der tschetschenische Star Mairbek Taisumov hat hier seine Basis.
Nicolas Löckel und Branimir Radosavljevic (r.) trainieren im MMA Vienna viele Jugendliche. Auch der tschetschenische Star Mairbek Taisumov hat hier seine Basis. – Die Presse

Die Musik dröhnt, die Lichtshow blendet, der Ringsprecher zieht die Namen genregerecht in die Länge. Gegen Ende der dritten Runde schaut es gut für den Österreicher aus: Manuel „Sugar“ Bilic kniet auf seinem Kontrahenten, bearbeitet ihn von oben mit seinen Fäusten. Bis er in einem Kraftakt seinen Körper zusammenrollt, frei ist, aufspringt – und gewonnen hat.

Es war der erste Mixed-Martial-Arts-Kampf des Abends bei der Final Fight Championship im Multiversum Schwechat – und er zeigte das, was viele an der neuen Kampfsportart MMA verstört: dass mit allen Mitteln gearbeitet wird – auch, wenn der Gegner schon auf dem Boden liegt. Er zeigte auch, was dessen Verteidiger sagen: dass man auch dann immer noch Mittel hat.

Das Interesse der Massen hielt sich am Freitagabend freilich in Grenzen – zumindest vor Ort: Dank der Kameras begrüßte der Sprecher auch „Millionen Zuschauer weltweit“. Der Zuspruch wächst schnell. Und auch in Österreich taucht MMA inzwischen in der Populärkultur auf. Etwa in Stefan Ruzowitzkys aktuellem Filmprojekt „Die Hölle“. Darin ist die türkischstämmige, muslimische Heldin im Brotjob Taxifahrerin, daneben trainiert sie MMA. Gut, wenn man von einem Serienkiller verfolgt wird. Das Drehbuch stammt von Martin Ambrosch, der auch „Das finstere Tal“ geschrieben hat.

MMA vereint so ziemlich alles, was man in einem Kampf brauchen kann: Schlagen, Treten und Ringen, grob gesprochen. Konkret setzen sich die Mixed Martial Arts aus den Schlag- und Tritttechniken von Boxen, Kickboxen, Taekwondo, Muay Thai und Karate zusammen. Brazilian Jiu-Jitsu, Ringen, Judo und Sambo steuern Bodenkampf- und Ringtechniken bei. Die Kämpfer selbst kommen meist von einer der genannten Sportarten – und versuchen, ihre Stärken zu nützen und Schwächen auszugleichen. Philosophischen Überbau gibt es (außer Respekt) keinen.

Das reizt nicht nur Profi-Kämpfer. „MMA wird immer populärer, weil die Leute nicht mehr fad ins Fitnesscenter gehen und an den Geräten ihre Muskelgruppen trainieren wollen“, sagt Nicolas Löckel vom Club MMA Vienna. „Da trainieren sie lieber in der gleichen Zeit MMA, werden fit und haben auch noch Spaß dabei.“ 95Prozent würden nie mehr als Sparring betreiben. Zunehmend kämen auch Frauen, die sich „sicherer fühlen“ wollen. „Sie können dann im Ernstfall zumindest reagieren.“

Tatsächlich ist an diesem frühen Nachmittag ein Mädchen mit geflochtenen Haaren die erste, die schon einmal Bandagen wickelt. Später wird sie mit einer Gruppe junger Männer, von denen viele aussehen, als wären sie im Studentensportkurs, kleine Gummi- und große Medizinbälle werfen, im Kreis laufen, Liegestütze schinden, mit bunten Hütchen Abstände trainieren.


Disziplin. Löckel, Typ freundlicher Fitnesstrainer im Kapuzenpulli, kommt selbst eigentlich vom Football – das ruppiger als der Kampfsport sei: „Ich hab mir die Schulter gebrochen, sodass das Schlüsselbein rausgestanden ist, dazu Gehirnerschütterungen ohne Ende.“ Früher hat er in einer Bank gearbeitet, 2009 dann in einer einstigen Bankfiliale in der Favoritenstraße Wiens ersten MMA-Club gegründet. Er schimpft über die FPÖ, die Flüchtlingskrise tut ihm „im Herzen weh“. Er findet aber auch, dass ein paar Meter weiter, jenseits des Gürtels, wo die Favoritenstraße nicht mehr durch Wieden, sondern durch Favoriten führt, eine andere Welt beginnt. Dass Facebook gefährlich ist und dass, hätte er Töchter und nicht nur zwei Söhne, er sie im Kampfsport unterrichten würde.

Spätestens hier wird klar, dass MMA viel mit der heutigen Zeit zu tun hat. Da geht es um Fitness und Körperkult, Selbstvertrauen und Selbstverteidigung, um Rollenbilder, um kaputte Familien und fehlende Väter, um Spektakel, aber auch viel um hart zu erkämpfende – und manchmal auch gescheiterte – Integration.

„Disziplin ist das Wichtigste“, sagt Branimir Radosavljevic, kurz Brane, breite Oberarme, kurzgeschorene Haare, buschiger Bart. Er wirkt auf den ersten Blick wortkarg, aber erzählt viel, wenn er zu reden beginnt. Was er sagt, ist der Stoff, aus dem Hollywood Filme macht. Von 35 Kindern, die er trainiert, kommen nur sieben aus Österreich. „Mindestens zwölf“, sagt er, seien gemobbt worden. Sie dürfen ihre Peiniger „zum Sparring einladen“ – dieser Spruch hilft. Gesprochen wird Deutsch, „alles andere ist den anderen gegenüber unhöflich, und außerdem: Wohin will man später einmal kommen, wenn man die Sprache nicht kann?“

Wer schlechte Noten bringt, darf nicht mehr trainieren, wer Hilfe braucht (und Willen zeigt), bekommt sie. Brane deutet auf einige Buben – einer muss Schönschreiben üben, einer Mathematik, der dritte muss Zusammenfassungen von „Harry Potter“-Kapiteln liefern. Nicht aufgeben, das lerne man hier. Älteren hilft Brane bei der Jobsuche, geht mit zum Magistrat, vermittelt bei Konflikten, „weil ausländische Eltern oft einfach nicht auf ihre Kinder hören“. Auch dann nicht, wenn die Kinder gar nicht kämpfen wollen. Brane genießt Respekt, weil er Kickboxbundestrainer ist. „Wollt ihr Tschuschen bleiben oder Magister werden?“, fragt er seine Schüler und besteht darauf, dass bei Wettkämpfen die österreichische Fahne geschwenkt wird. „Wir sehen uns als Pädagogen“, sagt er, aber freilich dächten nicht alle Trainer so. Diskussionen über Religion und Politik sind im MMA Vienna verpönt, diskrete Ausübung der Religion erlaubt. Hinten in der Küche liegt ein Gebetsteppich, den sich wenig später einer der Trainer in Richtung Mekka ausrichtet.


Tschetschenischer Held. Gläubiger Moslem und Held der Kinder ist Mairbek Taisumov. Der Tschetschene trainiert im MMA Vienna – wenn er in Wien ist und nicht wie jetzt in Thailand, wo er sich gerade auf einen Kampf Mitte April in Zagreb vorbereitet. Taisumov ist der einzige österreichische Kämpfer, der in der UFC mitmischt, und das explizit aus Wien heraus. UFC, das ist die Ultimate Fighting Championship, die Königsklasse aus dem MMA-Mutterland USA. Taisumov ist auch einer jener Namen, die immer wieder fallen, wenn im Internet über die auffällige Stärke und Brutalität der Tschetschenen gemutmaßt wird. Von einem wehrhaften Kaukasusvolk ist da die Rede, von der traumatischen Kriegsvergangenheit, von Kindern, die inmitten von Gewalt aufgewachsen sind, aber auch von einer Tradition des Kampfsports, speziell Ringen sei dort wie Fußball hier.

Jenseits des Atlantiks, in den USA, ist MMA, das aus dem wirklich regellosen Free Fight entstanden ist, inzwischen ein Multimillionendollarmarkt. Es ist die schnellstwachsende Zuschauersportart, mit „pay per view“ wird ein Vermögen gemacht, wenn die „modernen Gladiatoren“ (Löckel) zu sehen sind. Der Sport ist längst im Mainstream angekommen. Bestsellerautor Nicholas Sparks („The Notebook“) lässt in seinem neuesten Roman seinen geläuterten Bad-Boy-Helden bei MMA-Kämpfen Aggressionen abbauen; Ronda Rousey, Judo-Olympiamedaillengewinnerin und weibliches MMA-Idol, durfte auf der Couch von Ellen DeGeneres Schwäche zeigen und weinen, als sie schilderte, wie sie im November ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit einen Titelkampf verlor. Rousey, blond, mit lackierten Fingernägeln, ist der bestbezahlte Star der UFC (sie verdient mehr als alle Männer) und war nach NBA-Star Lamar Odom und Transgender-Ikone Caitlyn Jenner 2015 die meistgesuchte Person auf Google.

Auch in Österreich wächst die Fangemeinde dieser Sportart. Geschätzte 5000 Leute trainieren in knapp 30 Klubs, darunter (auch) Polizisten, Soldaten, Justizwachebeamte, Türsteher und Leute aus der Rotlichtszene, Biker oder Rechte. Immerhin: Er lasse keine Neonazis gegen Salafisten antreten, sagt ein deutscher Veranstalter.

Denn auch unter Muslimen gilt der „gläubige Kämpfer“ als Idol, und Jihadisten fischen in diesem Milieu. Nicht umsonst haben sich mehrere Kampfsportler unter dem Titel „Not in God's Name“ zusammengetan, um ein Zeichen gegen den Jihadismus zu setzen. Bekannt ist der Fall des deutschen Thaiboxers Valdet Gashi, der das Trainingszentrum MMA Sunna gegründet und sich dann dem IS angeschlossen hat – und gestorben ist. Auch österreichische Jihadisten wie Mirsad Omerovic, der gerade in Graz vor Gericht steht, ließen sich im Kampfsport schulen.


Barbarei.Wie brutal MMA wirklich ist, darüber scheiden sich die Geister. In Deutschland wurde die Debatte schon geführt. „Schere, Stein, Papier mit Fäusten und Griffen“ nennt es ein Autor der „Zeit“. Expliziter Kritiker der neuen Form des Kampfsports ist der Kabarettist und ehemalige Boxkommentator Werner Schneyder. Er hat 2009 in einem viel zitierten „FAZ“-Interview ein Verbot gefordert. Sechs Jahre später ist er der gleichen Meinung. „Wie denn nicht? Es handelt sich um ein „sportsoziologisches Faktum, dass es bei Männern ein Bedürfnis gibt, sich körperlich zu messen, auch mit Gewalt. Die Zivilisation hat es mit sich gebracht, dass man diese Gewalt kanalisiert.“ So seien Ringen, Judo und Boxen mit ihren Regeln – und durch die Aufteilung der Techniken – entstanden. „Durch Wiedervereinigung aller Techniken die Brutalität zu potenzieren ist ein inhumaner Gedanke, ein Rückfall in die Barbarei.“

Dass Kämpfer angeblich selten außerhalb des Rings oder Octagons zuschlagen, lässt er nur bedingt gelten. „Auch viele Boxer haben sich ins Gefängnis geprügelt. Hans Orsolics ist x-mal in den Häfen gegangen.“ Auch den Einfluss auf Zuschauer müsse man bedenken. „Nachdem man Wimbledon gesehen hat, spielt man auch die ersten zehn Minuten besser Tennis. Und wenn sich zwei Burschen im Prater ansaufen, und einer kriegt auf den anderen eine Wut, ruft er die Brutalität ab, die er bei den Martial Arts gesehen hat.“

Intensiv mit dem Thema Gewalt beschäftigt hat sich Fritz Treiber. Treiber ist Mikrobiologe an der Uni Graz und arbeitet eigentlich in deren Geschmackslabor. Privat ist er Vizepräsident der Austrian MMA Federation, trainiert Anfänger – und hat in den vergangenen Jahren an MMA-Sportlern Untersuchungen zum sogenannten Kämpfergen angestellt. Im Schnitt tragen 70 Prozent der Bevölkerung dieses Gen in einer friedlichen, 30 Prozent in einer Gewaltvariante, die Menschen eher zu Aggressionen neigen lässt. Treibers Ergebnisse sind noch nicht publiziert, liegen aber bereits vor. Seine Erkenntnis: „Bei den Kämpfern ist das Verhältnis genau umgekehrt.“ Wie man dieses Ergebnis interpretiere, stehe auf einem anderen Blatt. „Da muss man das Umfeld auf jeden Fall miteinbeziehen.“

Apropos Umfeld: Auch Treiber beobachtet, dass MMA-Kämpfer zu gut 70 Prozent ausländische Wurzeln haben und aus „ganz anderen, patriarchalischen Kulturen kommen, in denen der Kampf und die Kämpfer noch angesehen sind. Es ist etwas, mit dem man Status erreichen kann.“ Umgekehrt könne man mit diesem Status auch Einfluss nehmen. Als Trainer sei auch er eine Autoritätsperson. „Ich bin älter und kann mehr.“ So entstehe Vertrauen, mit der Zeit kämen die jungen Männer auch mit Fragen zu ihm. „So wird man auch zum Kulturvermittler. Im Kreis setzen geht da nicht.“ Und ja, es sei schon vorgekommen, dass tschetschenische Sportler „Allahu Akbar!“ gerufen hätten. Dass das nicht geht, habe dann die tschetschenische Community geklärt. „Da braucht es“, sagt er, „eine starke Hand.“

Der Sport

MMA (Mixed Martial Arts) steht für eine Kombination verschiedener Kampfsportarten, darunter klassisches Kick- und Thaiboxen, Brazilian Jiu-Jitsu, Judo und Ringen. Dabei darf auch im Bodenkampf geschlagen und zum Teil getreten werden. Beendet wird der Kampf durch Abklopfen, K.o., Punktsieg oder Abbruch durch den Schiedsrichter.

In der Antike maß man sich einst bereits in Pankration, um den besten Kämpfer bzw. Kampfstil zu ermitteln.

Das moderne MMAentstand aus tatsächlich regellosem Free Fighting in den USA. Gekämpft wird in einem achteckigen Käfig, der die Kämpfer am Herausfallen hindern soll, daher auch der Name Cage Fighting.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)

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