Nächster Fehlstart der Olympier

Im olympischen Sport brodelt es nach dem Rücktritt des Ex-Sprinters Frankie Fredericks gewaltig. Die Schweiz bringt sich für eine Bewerbung der Winterspiele 2026 in Position und lässt dabei ganz offensichtlich die internen IOC-Muskeln spielen.

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Ausgesprintet: Am 7. März trat Fredericks von allen Ämtern zurück.
Ausgesprintet: Am 7. März trat Fredericks von allen Ämtern zurück. – (c) REUTERS

Die olympische Welt steht vor historischen Einschnitten. 2017 wird nicht nur der Vergabeprozess des weltgrößten Sportereignisses, der Olympischen Spiele, grundsätzlich überarbeitet. In Lausanne, dem Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), brodelt es auch gewaltig. Die Anzeichen für eine Neustrukturierung des IOC und seines Milliardengeschäfts mit den Spielen mehren sich.

Das verfolgte Reformprogramm Agenda 2020 des deutschen IOC-Präsidenten, Thomas Bach, gilt unter Insidern als krachend gescheitert. Mit einem umfassenden Propaganda-Feldzug und zahlreichen Interviews versucht Bach die Krise schönzureden. Dabei wächst in den eigenen Reihen der Widerstand gegen seine Amtsführung. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und einigen Strafermittlungen, die sich leicht in Richtung IOC verschärfen könnten, muss sich der Olympiakonzern reformieren, um künftig nicht ebenfalls unter Zwangsverwaltung durch Anwaltskanzleien zu gelangen wie 2015 der Fußball-Weltverband Fifa. Die Fifa muss seither monatlich eine zweistellige Millionensumme aufbringen, vor allem um die US-Krisenmanager von Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan und diverse PR-Firmen zu entlohnen.

Budapests Ausstieg aus dem Wettbewerb um die Spiele 2024 markierte einen weiteren Tiefpunkt im Geschäft mit dem Event. Aufgeklärte Bürger haben das Aus erzwungen, und unter den verbleibenden Kandidaten Paris und Los Angeles deutet sich in der französischen Hauptstadt so ernster Widerstand an, dass der noch vor der Entscheidung im September auf der Vollversammlung in Lima größere Wellen schlagen könnte. Unter den potenziellen Kandidatenstädten und Regionen für die Winterspiele 2026, für die sich auch Innsbruck und das Österreichische Olympisches Comité (ÖOC) interessieren, formieren sich in Calgary und Stockholm Oppositionsbewegungen.

In der Schweiz wurde Anfang Februar die Kandidatur von Graubünden durch ein Referendum gestoppt. Dass die Dachorganisation Swiss Olympic nun Anfang der Woche mit Sion quasi den ersten offiziellen Bewerber für 2026 ins Rennen schickte, ist einem Buchungstrick geschuldet: Es bewerben sich vier Westschweizer Kantone mit dem Flaggschiff Sion – und da sich die Bewerbungskosten auf diese vier Kantone verteilen, fallen die Summen in den einstelligen Millionenbereich und müssen nicht, wie in Graubünden, per Volksentscheid genehmigt werden. Irgendwann, 2018 oder 2019, wenn die olympischen Austragungs-, Infrastruktur- und Sicherheitskosten verhandelt werden, die in die Milliarden gehen, werden im Wallis, im Waadtland, Bern und Freiburg aber die Bürger entscheiden.


Ungereimtheiten. Das Beben nimmt kein Ende. Mitte der Woche musste der ehemalige Weltklasse-Sprinter Frankie Fredericks (Namibia) seine Ämter im IOC und im Leichtathletik-Weltverband (Iaaf) ruhen lassen. Fredericks war bis dahin zum Beispiel Chef der Prüfungskommission für die Sommerspiele 2024. Er hat im Oktober 2009, am Tag der Vergabe der Spiele 2016 an Rio de Janeiro, eine dubiose Zahlung des von Interpol mit Haftbefehl gesuchten Senegalesen Papa Massata Diack über knapp 299.300 Dollar auf das Konto seiner Offshore-Firma Yemi Limited auf den Seychellen erhalten. Fredericks hat sich nach Enthüllung des Vorgangs durch „Le Monde“ ausführlich geäußert und bestreitet jedwedes unsauberes Handeln. Der Vorgang ist Teil von Kriminalermittlungen der französischen Justiz. Freitagabend berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass diese Recherchen ausgeweitet werden.

Die Pariser Staatsanwaltschaft beschäftigt sich seit Jahren mit den kriminellen Machenschaften im Iaaf-Reich, das sechzehn Jahre vom Clan des Senegalesen Diack geführt wurde. Er war bis 2015 IOC-Mitglied und zählte stets zu den wichtigsten Verbündeten des deutschen IOC-Supremo. Diack und seinem Sohn Papa Massata drohen aufgrund von Erpressung und Vertuschung von Dopingproben Haftstrafen. Im Fadenkreuz der Ermittler stehen neben den Vergaben der Spiele 2016 und 2020 die offenbar korrupten Entscheidungen über die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau (2013), Peking (2015), London (2017), Doha (2019) und Eugene (2021) sowie die GP-Finals, die 2006 bis 2008 in Stuttgart ausgetragen wurden. Außer Diack senior und Fredericks stehen vier weitere IOC-Mitglieder unter Verdacht, Teil dieser Verschwörung gewesen zu sein.


Schweizer Macht. Interessant aus Sicht Österreichs dürfte die Neubesetzung eines jener Posten sein, die Fredericks abgeben musste: Als Chef der Evaluierungskommission 2024 fungiert nun Patrick Baumann aus der Schweiz, IOC-Mitglied und Generalsekretär des Basketball-Weltverbandes Fiba. Neben dieser Arbeitsgruppe werden zwei weitere IOC-Sonderkommissionen weltweit kritisch begleitet, die sich mit der Aufarbeitung des russischen Staatsdopingsystems und mit dem systematischen Betrug im Dopinglabor 2014 in Sotschi und damit der Neuschreibung des Medaillenspiegels beschäftigen. Die Chefs dieser Kommissionen, der ehemalige Bundesrat Samuel Schmid und das langjährige IOC-Mitglied Denis Oswald, einst schon in der Aufarbeitung der Blutbeutelaffäre 2002 von Salt Lake City federführend, sind ebenfalls Schweizer.

Diese Personalien sind freilich keine Zufälle. IOC-Präsident Bach hat offenbar nicht mehr alles unter Kontrolle, aber über die Kaderplanung in Lausanne bestimmt er noch immer. Der Einfluss der Schweiz im IOC ist gewaltig und sogar gestiegen. Nun präsentiert Swiss Olympic die erste Bewerbung für 2026 – eine abgestimmte Rettungsoffensive mit Sion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2017)

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