800 Mal Gold der Menschlichkeit

Die Steiermark steht im Zeichen der Special Olympics. Die Vision: gelebte Inklusion statt Leistungsdruck, ein Sportfest der Begegnung zwischen Planai und Buschenschank.

Loipen und Stadion in Ramsau sind bereit, am Fuß des Dachsteins werden die Langläufer und Schneeschuhläufer ihre Goldträume verwirklichen.
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Loipen und Stadion in Ramsau sind bereit, am Fuß des Dachsteins werden die Langläufer und Schneeschuhläufer ihre Goldträume verwirklichen.
Loipen und Stadion in Ramsau sind bereit, am Fuß des Dachsteins werden die Langläufer und Schneeschuhläufer ihre Goldträume verwirklichen. – (c) Martin Huber / EXPA / picturedesk.com

Die Bestzeiten mögen andere sein als bei Marcel Hirscher und Co., Herz, Einsatz und Emotionen sind es mit Sicherheit nicht: 2700 Special-Olympics-Athleten aus 107 Nationen sind von 14. bis 25. März zu Gast in der Steiermark und werden bei den World Winter Games nicht nur Medaillen, sondern auch unvergessliche Eindrücke sammeln – in Graz, vor allem aber in Schladming und in Ramsau, in den Zentren der Wintersportwelt also, dort, wo sonst Hirscher auf Hundertsteljagd geht und nordische Weltmeister gekrönt wurden.

Es heißt, bei den Special Olympics stünde nicht der Leistungsgedanke an erster Stelle, vielmehr Förderung und Inklusion von Sportlern mit intellektueller Beeinträchtigung. Die Herausforderungen in den neun Sportarten aber sind beachtlich, im Super-G (am 19.3.) beträgt die Höhendifferenz bis zu 350 Meter, die Langläufer messen sich unter anderem in einem Zehn-Kilometer-Rennen (18.3.). Nur geht es dabei nicht um die Auslese der Besten, der Leistungsdruck, der den Regelsport beherrscht, spielt in der Steiermark dieses Mal keine Rolle.

Die Regeln aber unterscheiden sich nicht wesentlich, die Einteilung nach Geschlecht, Alter (ab acht Jahre) und Leistungsvermögen garantiert Fairness, Motivation und vor allem Spannung. Eine Gruppe besteht aus drei bis acht Sportlern, in Summe ergibt das rund 800 Siegerehrungen. Highlight darunter: Die Zehn-Kilometer-Langläufer werden am Dachsteingletscher gefeiert, bei der „höchsten Siegerehrung der Welt“. Zu gewinnen gibt es Edelmetall in Gold, Silber und Bronze, die Viert- bis Achtplatzierten werden ebenfalls ausgezeichnet, kein Special-Olympics-Athlet geht mit leeren Händen nach Hause.

Für Österreich sind 322 Sportler am Start, die Gastgeber gelten vor allem im Stocksport als Vorreiter. Die Fußstapfen aber sind groß, bei den Spielen 2013 in Pyeongchang errangen österreichische Sportler insgesamt 65 Medaillen (23, 22, 20).


Dimensionen.
Die Bilder aus Graz, Schladming und Ramsau wird der offizielle Broadcasters ESPN in 190 Länder senden, hierzulande liefert ORF Sport plus abendliche Zusammenfassungen von allen acht Wettkampftagen, zeigt außerdem Livespiele von Floor Hockey und Floorball (ein Mannschaftssport, der Hallenhockey ähnelt). Wenn am Samstag im Planaistadion beim Auftritt von Schlagerstar Helene Fischer und dem Wiener Staatsopernballett das olympische Feuer entzündet wird, sind 15.000 Zuschauer vor Ort, mindestens genau so viele werden bei der Schlussfeier am 24. März in Graz erwartet.

Dort wird mit Schirmherr Arnold Schwarzenegger auch der Mitinitiator der Schladminger Special Olympics von 1993, den ersten Spielen außerhalb der USA, Platz nehmen. Eunice Shriver, Schwester von US-Präsident John F. Kennedy und Schwarzeneggers ehemalige Schwiegermutter, gründetet die Bewegung in den 1960ern, im Andenken an ihre mit Dyslexie diagnostizierte Schwester Rosemary, die lang in einem Heim weggesperrt war. Inzwischen setzt ihr Sohn Tim Shriver die Familientradition fort und wacht über 4,5 Millionen Sportler. Dass nun die Obersteiermark schon zum zweiten Mal die Kulisse für die Special Olympics gibt, ist dem Engagement des langjährigen Schladminger Bürgermeisters, Hermann Kröll, zu verdanken.

Auch nach Krölls Tod im September des Vorjahrs ist die Euphorie nicht verflogen. Doppelt so viele wie die benötigten 3000 freiwilligen Helfer haben sich bei Special Olympics Österreich, dem Veranstalter der Spiele, gemeldet, es gibt unzählige Initiativen, von Unternehmen, Vereinen und Schulen. Sie wollen Begegnungen schaffen, die im Alltag so wohl nicht zustande gekommen wären, außerdem Vorurteile und damit eine der größten Hürden abbauen. Aber nicht nur die Steiermark zeigt sich aufgeschlossen. Auch 70 Rotary Clubs zwischen Bregenzerwald und Burgenland haben ein Host-Programm auf die Beine gestellt, das den einzelnen Delegationen – Wien beherbergt Chile – die österreichische Lebensart näherbringen will.

Neben Gastfreundschaft kommt die Gesundheit der Sportler nicht zu kurz, vom Buschenschank geht es in die „Sehstraße“. Mit dem Healthy-Athletes-Programm steht ein kostenloses medizinisches Vorsorgeangebot für die Teilnehmer bereit, vom Augenscreening bis hin zur Brillenanpassung. Es werden Hörhilfen angefertigt, der Zahnstatus wird erhoben. Hier herrscht Bedarf, hier gilt es zu sensibilisieren, das haben bereits die Untersuchungen im Vorjahr bei den Pre-Games gezeigt.


Illusion Inklusion?
Im Mittelpunkt aber steht in der Steiermark der Spaß am Sport, an der Bewegung. Alles freilich unter der Prämisse der Inklusion, gilt der Sport doch als ideales Feld. Wo lassen sich besser Potenziale erkennen und fördern, womöglich sogar Grenzen überschreiten? Gelebte Inklusion durch gemeinsame Erfolgserlebnisse, so lautet die Vision. Irgendwann aber stößt selbst ein Sportfest wie die Special Olympics an Grenzen, das olympische Zeremoniell bildet zwar einen würdigen Rahmen, in den Wettkämpfen aber bleiben die Behindertensportler unter sich, Anschluss im Regel- oder gar Leistungssport zu finden ist weiterhin schwierig bis utopisch.

Noch gibt es also viel zu tun. Die Steiermark hat nun eine Woche Zeit, die Herzen der Welt zu erobern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2017)

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