Wien. „Er war schon immer ein großes Talent. Aber am Sonntag ist ihm der Knopf so richtig aufgegangen“, sagte Ronnie Leitgeb über Jürgen Melzer. 24 Stunden zuvor hatte sein jüngster Schützling mit dem Triumph bei der Tennistrophy sein Meisterstück abgeliefert. Marin Cilic hatte dem Niederösterreicher im Finale in der Wiener Stadthalle nicht viel entgegenzusetzen. Nicht etwa, weil der Weltranglistendreizehnte aus Kroatien schlecht gespielt hätte. Sondern weil Melzer ihn schlicht ausgespielt hat.
Nach 92 Minuten hatte Melzer seinen dritten Matchball (6:4, 6:3) verwertet. Der 28-Jährige riss die Hände in die Höhe. Er bejubelte den zweiten Turniersieg seiner Karriere, den ersten vor heimischen Publikum. Und er bedankte sich bei seinem Team: Trainer Joakim Nyström, Physiotherapeut Jan Velthuis, seinen Eltern und seiner Freundin Mirna Jukic. „Alle Leute, die bei mir in der Box gesessen sind, wissen, wie viel sie mir bedeuten und wie wichtig sie in meinem Leben sind. Ronnie ist nicht in der Box gesessen, hat aber auch einen großen Anteil daran.“
Leitgeb sieht sich im Team Melzer als Koordinator. „Ich vergleiche das gerne mit dem Fußball. Wenn Joakim der Trainer ist, dann bin ich der Sportdirektor“, sagte Leitgeb zu „Presse“. Erst seit Anfang Juli arbeiten Leitgeb und Melzer zusammen. Dass die Kooperation so schnell so erfolgreich sein würde, hat auch Leitgeb etwas überrascht.
Melzers stabiles Umfeld ist für Leitgeb der Schlüssel zum Erfolg. „Er hat mit mir und Joakim zwei Betreuer, die wissen, dass Großes im Tennis möglich ist“, erklärte Leitgeb. Nyström war ein Top-Ten-Spieler, und Leitgeb coachte Thomas Muster zur Nummer eins der Welt, mit Nikolaj Dawydenko hat er die aktuelle Nummer sechs unter seinen Fittichen. „Da sieht Jürgen, dass der Erfolg nicht so weit weg ist, wenn man hart arbeitet.“
Alles soll verbessert werden
Belohnt wurde Melzer für die harte Arbeit am Sonntag erst einmal mit 86.000 Euro Preisgeld und einem Sprung in der Weltrangliste von Platz 35 auf 28. Für kommendes Jahr ist eine weitere Verbesserung eingeplant. „Das Ziel sind die Top 20, dann sehen wir weiter“, sagte Leitgeb.
Zuerst ist Melzer aber einmal auf Urlaub. Ab dem 30. November wird es wieder ernst. Dann startet das Wintertraining. „Und erst ab da beginnt die Zusammenarbeit zwischen mir und Jürgen wirklich“, erläuterte Leitgeb. Er und Nyström würden ein genaues Trainingskonzept erarbeiten, die Vorbereitungszeit werde auf völlig neue Beine gestellt. Alle Bereich sollen verbessert werden, „aber vor allem beim Aufschlag sehe ich bei Jürgen noch viel Potenzial“.
Parallelen zu Thomas Muster sieht Leitgeb übrigens auch. Beide sind Linkshänder. Und „so, wie Musters Karriere und seine Triumphe auf Eigeninitiativen beruht haben, basieren auch Jürgens Erfolge auf Eigeninitiativen“. Leitgeb glaubt nicht daran, dass der Österreichische Tennisverband in Zukunft neue, bessere Wege in der Nachwuchsarbeit beschreiten wird: „Würde der Verband aus Jürgens Erfolgen etwas mitnehmen wollen, hätte er das schon aus der Skoff/Muster-Zeit tun müssen.“
■Ronnie Leitgeb wurde am 13. Mai 1959 in Mödling geboren. Seit Juli 2009 ist der Tennis- und ausgebildete Mentaltrainer Jürgen Melzers Manager.
■ Seine größten Erfolge feierte Leitgeb als Trainer von Thomas Muster. Unter seiner Führung gewann Muster die French Open 1995 und war für fünf Wochen die Nummer eins der Tenniswelt. Er betreute den Steirer bis zu seinem Karriereende 1999. Derzeit ist Leitgeb außerdem Trainer des Weltranglistensechsten Nikolaj Dawydenko (RUS).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)

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