Bei der Anreise zu Ihrer letzten Expedition auf den K2 im Karakorum ist der Jeep, mit dem sie unterwegs waren, während eines Zwischenstopps ins Rollen gekommen und unbemannt abgestürzt. Wird man da abergläubisch und wertet es als Zeichen?
Gerlinde Kaltenbrunner: Die Hinfahrt ist jedes Mal eine Sache, wo ich wirklich angespannt bin, weil ich die Situation nicht selbst in der Hand habe. Das sind gefährliche Straßen; Murenabgänge oder Steinschlag kann es dort immer einmal geben – und ich sitze da hinten drinnen und kann nichts machen. Beim letzten Mal war es echt knapp und schon „g'schwind spannend“. Der Stein, mit dem das Hinterrad des Jeeps unterlegt war, wurde weggespült. Ich habe geglaubt, ich krieg mich nicht, wie ich da den Jeep in der Schlucht liegen gesehen habe, in dem ich gerade noch dringesessen bin. Ich weiß auch nicht, warum ich kurz davor ausgestiegen bin, denn eigentlich wollte ich wegen des Steinschlags im Auto bleiben. Aber ich steigere mich da nicht hinein. Ich denke mir „Pfuh – echt Glück gehabt“. Und Glück brauchst immer.
Sie haben sich ein Jahr davor auf einem 8000er-Gipfel (Dhaulagiri, 8167 Meter) erst im letzten Moment aus einer Lawine befreien können. Zwei Bergsteigerkollegen sind damals verunglückt. Bekommt man da keine Angst, seine „Portion Glück“ irgendwann einmal aufgebraucht zu haben? Oder wäre das hysterisch?
Angst ist zwar kein ständiger Begleiter, aber sie gehört dazu und ist auch wichtig, weil sie einen davor bewahrt, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Wir haben den Jeepunfall spaßhalber als gutes Zeichen gewertet. So nach dem Motto: „Wenn das jetzt gut gegangen ist, kann nichts mehr passieren.“
Aber ist das nicht seltsam? Sie gelten als sehr planende, berechnende Bergsteigerin – und dann ist es purer Zufall, dass nicht gleich bei der Anfahrt etwas Dramatisches passiert.
Ich bereite mich immer sehr intensiv auf den Berg und die Route vor, um die Gefahr zu minimieren. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber immer. Du kannst nicht alles in der Hand haben.
Ist das der Reiz?
Nein. Der Reiz kommt aus etwas ganz anderem. Er kommt aus dem Unterwegssein in einer wilden, ungebändigten, großartigen Natur.
... und davon, als erste Frau auf allen 14 Achttausendern gestanden zu sein?
Ich kann das mit diesem Wettkampf nicht mehr hören. Für mich gibt es keinen. Aber die Leute sehen es ohnehin so, wie sie es wollen.
Aber es braucht zumindest einen Superlativ als Ziel. Es müssen immer die höchsten Berge sein.
Der K2 (8611 Meter, Anm.) ist eh der zweithöchste (lacht).
Aber es könnten ja auch alle 7000er sein, auf die man klettern will. Das interessiert aber überhaupt niemanden.
Doch schon. Wir setzen uns schon mit anderen Bergen auseinander. Aber die ganz hohen haben zum Teil schon einen ganz besonderen Reiz: Die Dimension, die Kraft, die Wucht, die man da vor sich hat an Felsmassiv – die sind gewaltig.
Es heißt, wenn es besonders hart wird, reden Sie mit dem Berg.
Ja, wenn ich alleine bin.
Ist der Berg dann ein Mann oder eine Frau?
Eine spannende Frage. Ganz intuitiv: Der K2 ist für mich männlich. Dagegen sind Annapurna oder Shisha Panga für mich gefühlsmäßig weiblich.
Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Bergsteigen?
Die Herangehensweise ist bei den meisten Frauen – so viele sind es ja nicht, die unterwegs sind – schon eine andere als bei den meisten Männern. Auch wenn man da nichts verallgemeinern darf. Für mich steht jedenfalls das Erlebnis auf dem Berg im Vordergrund. Freilich liegt bei einem schwierigen Aufstieg die volle Konzentration auf dem nächsten Schritt, aber wenn dann einmal der Zeltplatz ausgeschaufelt und das Zelt aufgebaut ist, kommen die Stunden, in denen ich alles ganz bewusst aufnehmen kann. Und das ist es, was es für mich ausmacht: die Freude, das dort erleben zu dürfen.
Männer können das nicht genießen?
So wie ich das verfolge, steht bei den meisten Männern nur der Gipfelerfolg im Mittelpunkt: Unbedingt irgendwie raufkommen zu müssen und dann daheim zu sagen: „Ich hab's geschafft.“ Man merkt das auch in den Basislagern. Die Männer reden viel vom Kämpfen, Erobern und Bezwingen. Es muss immer voll hart und voll extrem sein. Abgesehen davon, dass es ohnehin manchmal sehr anstrengend ist, käme es für mich nie in Frage, auf Zeit auf einen Gipfel zu rennen. Auch tun sich viele Männer immer noch schwer damit, dass sie, wenn ich die Spur getreten habe, das auch erwähnen. Das wird man nie hören oder in Berichten lesen. Es ist auch nicht wichtig, nur auffällig. Die haben offenbar noch ein Problem damit.
Was ist der eigentlich Erfolg am Berg: ganz oben zu stehen oder auch wieder gesund herunterzukommen?
Ziel und Erfolg ist es natürlich, wieder gesund herunterzukommen. Freilich will ich den K2 irgendwann einmal besteigen. Irgendwann wird der mich wohl hinauflassen (lacht). Aber ich habe öfter gelesen, ich sei am K2 „gescheitert“. Für mich ist das kein Scheitern. Freilich kann man sich immer alles schönreden, und die Entscheidung, am K2 so kurz vor dem Ziel zweimal umzukehren, ist mir auch schwergefallen. Aber für mich war das kein Grund für eine tagelange Enttäuschung. Das verstehen die meisten nicht. Aber der Abstieg – es ist langsam finster geworden, es war Vollmond, die eiskalte Luft und der Himmel bummvoll mit Sternen –, das war großartig für mich. Ich habe immer wieder Punkte gehabt, wo ich mich bewusst hingesetzt habe und mir einfach nur gedacht habe: super!
Die Gegenden, in denen Sie unterwegs sind, liegen an einem Knotenpunkt von Weltreligionen, nämlich Buddhismus, Hinduismus und Islam, und gelten auch als permanenter politischer Unruheherd. Ist der Frieden am Berg da nicht anachronistisch?
Wir treffen im Norden Pakistans auf unglaublich viel Freundlichkeit, Gastfreundschaft, Zuvorkommen. Es gibt immer irgendwelche Untergruppen, die radikal sind, was leider dramatische Auswirkungen hat. Beispielsweise ist der Tourismus in Pakistan dadurch am Boden. Trekkingtouren oder kommerzielle Expeditionsgruppen von Agenturen waren zuletzt fast gar keine unterwegs. Für uns Bergsteiger ist das zwar angenehm, aber wenn man sieht, was das für die Einheimischen bedeutet, die sich auf den Tourismus als Einnahmequelle eingestellt haben, ist das schlimm.
Ihre bergsteigerischen Anfänge haben sehr stark mit dem ehemaligen Pfarrer ihrer Heimatgemeinde Spital am Pyhrn zu tun?
Ja, der war selbst Bergsteiger und hat mich sehr geprägt.
Er hat Sie zum Bergsteigen gebracht. Hat er Sie auch zur Kirche gebracht?
Ich habe als Ministrantin meine Pflichten voll erfüllt (lacht). Freilich schaut man als Kind eher auf die Uhr, wann der Gottesdienst aus ist. Nur sind wir danach immer auf die Berge gegangen – das war schon ein Antrieb für den Kirchenbesuch. Aber der Pfarrer hat uns Kindern über die Natur auch Gott näher gebracht.
Ist mittlerweile Distanz zur Kirche, zu Gott beziehungsweise dem Glauben aufgekommen?
Ich bin noch immer ein sehr gläubiger Mensch, aber es hat sich natürlich verändert. Statt eines Gottes in menschlicher Form, wie man sich ihn vielleicht als Kind vorstellt, zeigt er sich mir heute in der Natur. Oben auf dem Berg, in einem Minizelt, diese unendliche Weite, die Gipfel, man sieht die Krümmung der Erde: Dort oben zu sitzen und zu denken: „Pah, der völlige Wahnsinn!“ – das hat etwas Göttliches. Darunter verstehe ich Schöpfung – wo ich mich als Mensch aber auch dazugehörig fühle.
Gehört zu dieser Beziehung „nach oben“ auch ein relativ nüchterner, abgeklärter Umgang mit dem Tod, der typisch ist für Bergsteiger?
Wir haben auf dem Berg viele Freunde verloren. Das hat zu einer gewissen Abgeklärtheit geführt. Aber nicht, dass der Respekt vor dem Tod verloren gegangen ist, sondern einfach, dass man gelernt hat, dass der Tod zum Leben dazugehört.
Wenn der Tod ein Teil vom Leben ist: Was kommt danach?
Ich habe keine Vorstellung, was es danach gibt, aber ich glaube – nein: ich bin überzeugt davon –, dass es etwas gibt. Für mich ist das ein ganz wichtiger Punkt. Mich unterstützt das dabei, mit dem Tod besser umzugehen und ihn zu akzeptieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2009)

Schicksalsberg K2: Der ''König der Berge''
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