Otto Wanz: Vor ihm war kein Telefonbuch sicher

Nachruf. Otto Wanz ist tot, die Ringerlegende verstarb am Donnerstag im 75. Lebensjahr. Er bewegte den Heumarkt, suchte die stärksten Männer – sein „Roller“ war legendär.

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Graz/Wien. „Big“ Otto Wanz ist tot. Österreichs Wrestling-Ikone verstarb am Donnerstag im 75. Lebensjahr nach kurzer, schwerer Krankheit. Der gebürtige Grazer machte Catchen in Österreich populär, seine „Strongman“-Bewerbe waren spektakulär. Wanz war ein Unikat, der Koloss blickte grimmig, doch erst sein Lachen ließ Wände wackeln. Er war Cafetier, Schauspieler, Sänger – und Catcher, dessen „Rollen“ gefürchtet und so beliebt waren auf dem Heumarkt.

Bis zum Sommer 1997 war das von „Big“ Otto organisierte Heumarkt-Event Treffpunkt für skurrile Typen, heillos die Fassung verlierende Großmütter, Konzerthaus-Flüchtlinge oder Manager. Seine glühenden „Ohrenreiber“ waren Kult, sein gewaltiger Schwitzkasten sorgte allein beim Anblick für rote Köpfe. Der Steirer hatte das Catchen Mitte der 1960er-Jahren entdeckt, nachdem sein Olympiatraum als Boxer geplatzt war.

Das zum Zerreißen gespannte "Milde-Sorte"-Trikot

Wanz, der in seinen besten Zeiten über 200 Kilogramm auf die Waage brachte und für Gegner mit seinem „Roller“ fürwahr zur maximalen Belastungsprobe avancierte, lernte die Basics in den USA kennen. Der gelernte Automechaniker trat für die „American Wrestling Association“ (AWA) auf, wurde deren Champion als erster Europäer. Er begeisterte in Gamsbart, Lederhose oder später in Wien im zum Zerreißen gespannten, roten „Milde-Sorte“-Trikot. Er stemmte dabei jede Strapaz – natürlich gewann der „Hausherr“ auch jeden Fight. Er „slammte“ sogar, das ist der Fachjargon für krachende Würfe auf die Matte, Legenden wie Hulk Hogan oder André the Giant.

Ein „Strongman“-Bewerb aber sollte sein Leben verändern. 1982 avancierte er in London zum stärksten Mann Europas, Wanz zerriss mit spielerischer Leichtigkeit serienweise Telefonbücher. Der 1,89 Meter große Steirer mit rauchiger Stimme schaffte sogar 20 in nur 30 Sekunden. Dieses Geschick wurde fortan seine lukrative Haupteinnahmequelle in TV-Shows oder Bierzeltauftritten.

Ein Telefonbuch-Selbstversuch, Ottos klärender Rat

„Du musst ihnen den Rücken brechen“, erklärte Wanz schließlich dem Chronisten im Mai 1998 nach einer der unzähligen, gescheiterten Heumarkt-Renaissancen seine Technik. Das zu Dokumentationszwecken ins Restaurant mitgebrachte Exemplar zerriss „Big“ Otto wie ein Blatt Papier. Dann knurrte er grinsend: „Und jetzt setz dich her, bestell' und iss.“

In Amerikas Catch-Szene hatte Wanz die besten, tiefsten Kontakte. Sogar Vince McMahon vom Branchenprimus WWE wusste, wer „Big“ Otto war und Catcher wussten seinen Handschlag sehr zu schätzen. Als er 1985 bei der „Catch Wrestling Association“ (CWA) einstieg, die ihre Kämpfe in Wien, Graz und Bremen veranstaltete, kam Bewegung in das europäische Business. Wanz unternahm alles, um Werbung zu machen, damit im Sommer täglich 5000 Zuschauer zum Heumarkt pilgerten. Er ließ dafür 1989 seine Catcher sogar singen: „Young, strong & healthy“ landete in den Top 10 von Ö3.

Bis 1990 stieg Wanz noch in den Ring, trat später in der Josefstadt (Shakespeare) auf und blieb mit Anrufen für Kraft-Events in Kontakt. Dass er das Catchen auf dem Heumarkt, sein „Kind“, für das jährlich ein US-Star eingeflogen wurde, „der Steuern und Wiener Intrigen“ wegen 1997 beenden musste, war seine härteste Niederlage. Doch auch diese Show mit Klischees, Muskeln und Akrobatik exakt nach Drehbuch hat ihre Grenzen. „Big“ Otto Wanz aber hat seine Gegner immer so richtig verdroschen.

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