Riversurfen: Auf der grünen Welle

Es muss nicht immer das Meer sein. Surfen kann man nämlich auch auf "stehenden Wellen" in heimischen Flüssen.

Riversurfen gruenen Welle
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Riversurfen gruenen Welle
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Georg Fuchs joggt locker durch den Wald. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich an Fuchs ist nur, dass er dabei einen Neoprenanzug trägt und ein Surfboard in der Hand hält. Und das bei zehn Grad und bewölktem Himmel. Sein Ziel sind die tosenden Fluten der Mur. „Zu kalt? Nein, das gehört dazu“, sagt Fuchs und springt ins kalte Wasser. Er schiebt sich bäuchlings auf sein Board und paddelt auf die einzig sichtbare Welle zu. Mitten im Fluss bricht sie konstant, einem Förderband gleich, immer wieder an derselben Stelle. Und dann steht Fuchs auch schon auf seinem Board und zieht auf der grünlich schimmernden Welle seine Kurven. Riversurfen vom Feinsten.

Die relativ junge Sportart ist seit dem Surfboom der letzten Jahre im Kommen. Surfen auf stehenden Wellen in Flüssen wird eine immer beliebtere Alternative für die Zeit fern vom Meer oder einfach für einen schnellen „After-Work-Surf“. Bleibt aber doch nur die zweitbeste Variante? „Die Frage stellt sich in dem Sinne nicht, da ich den Großteil meiner Surfzeit in Flüssen verbringe und nur eine Woche pro Jahr ans Meer komme“, sagt Peter Bartl, österreichischer Riversurfer und Gewinner des Grazer „murbreak“-Surfcontests. „Beim Riversurfen ist es wesentlich leichter, neue Moves zu lernen und Tricks umzusetzen“, erklärt Bartl.

„Großstadt-Wasserwalzen“. Unebenheiten im Flussbett machen's möglich. Sie kreieren an einigen Orten eine sogenannte „stehende“ Welle. Die berühmteste bricht sich im Eisbach in München, ein Nebenfluss der Isar. Die etwa einen Meter hohe Welle wird bereits seit den 1970er-Jahren als „Großstadt-Wasserwalze“ befahren. Längere Wartezeiten sind die Regel, ein fortgeschrittenes Niveau ist empfehlenswert. Der Einstieg erfolgt, indem man, wie beim Skateboarden, direkt vom Rand in die Welle springt, das Board unter seinen Füßen.

In Österreich treffen sich die Riversurfer vor allem auf der Mur. Aber auch der Inn bei Silz in Tirol oder die Ybbs bei Matzendorf (NÖ) können – abhängig vom Wasserstand – mit einem Surfboard bezwungen werden.

Georg Fuchs hat seine Leidenschaft fürs Riversurfen durch seine Liebe zum Wellenreiten entdeckt und im September 2009 das erste deutschsprachige Magazin für Binnensurfer, den „Surfhund“, gegründet. „Mein Ziel ist die Zusammenführung der versprengten Flusssurf-Communitys und Infos sowie Neuigkeiten über den Sport zu präsentieren“, sagt Fuchs. Die Grazer Riversurf-Community zählt laut dem Flusssurfverein „murbreak“ etwa hundert aktive Sportler und ist auf mehreren Wellen der Mur vertreten.

Ob eine Welle läuft, hängt von verschiedenen Bedingungen ab und ist von Spot zu Spot unterschiedlich. Viele Flusswellen benötigen einen gewissen Pegelstand, damit sie für Surfer interessant werden. Daher verlagert sich die Hauptsaison für diese Wellen ins Frühjahr: Schneeschmelze und Hochwasser läuten die alljährliche Surfsaison ein.

Diese Wasserwalzen bergen jedoch vielfältige, oft unterschätzte Gefahren. Im Wasser schwimmendes Treibgut, Steine und Kehrwasser mit Strudelbildungen können vor allem dem unerfahrenen Surfer zum Verhängnis werden. Auch eine gute Kondition ist wichtig. Oft muss man nämlich in tosenden Wassermassen bestimmte Ausstiegspunkte am Ufer erreichen. Gelingt das nicht, droht man, den Fluss hinuntergerissen zu werden. Daher gilt, wie auch beim Surfen im Meer: Wissen ist Macht. „Du musst einen neuen Spot erst auskundschaften, ihn bei unterschiedlichen Wasserständen betrachten und herausfinden, wann die Welle läuft“, sagt Fuchs.


Unbegrenztes Surfvergnügen. „Du hast viel mehr Zeit auf der Welle, kannst theoretisch unbegrenzt fahren“, erklärt Fuchs seine Motivation. Die Wellen seien zwar wesentlich kleiner und hätten weniger Kraft als im Meer, doch die Turns wären sehr ähnlich. „Sehr viele Elemente des Skateboardens fließen in den Sport mitein. Gute Surfer fahren 360er, eine komplette Drehung um die eigene Achse, springen mit ihren Boards unterschiedliche Stunts und probieren, was ihnen sonst gerade einfällt“, sagt Fuchs. Mittlerweile gibt es auch schon spezielle Boards für das Riversurfen. Fahren könne man jedoch mit jedem Surfboard, auch wenn die Erfahrung gezeigt habe, dass kürzere und etwas dickere Boards besser geeignet sind.

Doch nicht nur stehende Wellen bieten sich zum Surfen an. Auch die einlaufende Flut kann an manchen Stellen auf der Welt gesurft werden. Sogenannte Gezeitenwellen oder Bore entstehen dann, wenn das bei Flut auflaufende Wasser in einen Flusslauf hineinströmt. Je nach Höhenunterschied zwischen Flut und Ebbe sind meterhohe Wellen möglich. So in China am Fluss Qiantang, genannt „silberner Drache“, oder die Welle „Pororoca“, die gut 13 Kilometer den Amazonas durchläuft und bis zu vier Meter Höhe erreicht.

Diese Wellen bieten die Möglichkeit, Rekordstrecken zurückzulegen, wie zum Beispiel 2006, als laut BBC ein Brite in einer Stunde und 16 Minuten mehr als sieben Meilen (circa elf Kilometer) auf der Bore des englischen Flusses Severn ritt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)

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