Österreichs vergessener Superbowl-Sieger

Raimund Wersching, der 1950 in Mondsee geboren wurde, schoss San Francisco 1982 und 1985 zum Titel. Im Interview mit der "Presse" spricht er über Toni Fritsch, seine Distanz zu Österreich und die "Käseköpfe".

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(c) REUTERS (BRIAN SNYDER)

San francisco/Wien. Superbowl und American Football werden in Österreich mit Toni Fritsch assoziiert. Schließlich gewann der Freekicker aus Petronell 1972 mit den Dallas Cowboys die prestigeträchtigste Sporttrophäe Amerikas. Dabei gibt es aber noch einen Österreicher, der den Superbowl gewinnen konnte, von dem aber kaum einer weiß respektive spricht: 1982 und 1985 kickte Raimund Wersching die San Francisco 49ers mit Quarterback-Legende Joe Montana in den siebenten Football-Himmel.

Dass Wersching, der 1950 in Mondsee geboren wurde, in Österreich nahezu vergessen ist, nimmt er niemandem übel. „Als meine Eltern nach Amerika auswanderten, war ich erst zwei Jahre alt“, erzählt Ray, wie ihn die Amerikaner tauften, im Telefonat mit der „Presse“. „Ich spreche auch kaum Deutsch. Zuletzt war ich vor zwanzig Jahren in Österreich. Es war wundervoll.“

 

Die Käseköpfe, richtig getippt

„Wonderful“ war für Wersching auch der XLV.Superbowl. Natürlich hatte er den Sieger, Green Bay, richtig getippt. „Die Käseköpfe haben die besseren Angriffslinien, außerdem hat Pittsburgh schon zu oft gewonnen“, sagt Wersching, der den 31:25-Triumph gegen die Pittsburgh Steelers daheim vor dem Fernseher verfolgt hat. Denn ins Stadion geht er nur noch selten, und selbst einem zweifachen Superbowl-Sieger öffnen sich in Amerika zwar viele, aber in Wahrheit doch nicht alle Türen. „Es gibt jedes Jahr ein Endspiel, jedes Jahr 150 neue Ringe. Der Superbowl ist wie der Worldcup im Fußball. Ihr habt ihn nur alle vier Jahre, unser Endspiel steigt jedes Jahr – und die Siege meiner 49ers sind lange vorbei.“

Hin und wieder wird Wersching noch von Fans auf der Straße erkannt, letztlich kann er aber relativ unbekümmert durch die Straßen von San Francisco spazieren. Ruhm und Bekanntheit seien nur Momentaufnahmen, sagt er. Vor allem in Amerika, das stets nach neuen Stars lechzt und nur absolute Ausnahmekönner in die „Hall of Fame“ einberuft und so kollektiv in Erinnerung behält.

Ray Wersching lebt mit seiner Familie nahe San Francisco, er ist glücklich und hat zwei erwachsene Kinder. Das ist das Wichtigste, sagt er, „dagegen ist Ruhm nichts wert“. Dass er dennoch selbst einmal im Mittelpunkt der Football-Welt gestanden ist, daran kann er sich sehr gut erinnern. „Bei dem Superbowl erreichst du den Höhepunkt deiner Karriere, es gibt nichts Größeres“, sagt Ray. „Der Rummel um deine Person, die vielen Reporter, Kameras und Fans, es ist irre.“ Und dann seien da noch der Glanz der Vince-Lombardi-Trophäe und das Funkeln der von Tiffany gefertigten Ringe. Die Prunkstücke trägt er nur selten, wenn er sie aber an seine Finger steckt, sind ihm ehrfurchtsvolle Blicke seiner Freunde gewiss.

Amerika gilt als das Land der Superlative. Mit dem Prunk der Liga und den milliardenschweren TV-Verträgen veränderten sich auch der Sport und seine Darsteller. Jetzt geht es nur noch um Geld, sagt Ray. „Heute hat ein Spieler nach nur einer Saison für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Das war 1982 noch nicht der Fall. Ich gehe heute noch arbeiten“, sagt der zweifache Superbowl-Sieger stolz. „Was soll's, it's part of the game.“

 

Österreich, das Land der Kicker

Mit Fritsch und ihm wurde noch ein Österreicher in der NFL aktiv: Toni Linhart aus Donawitz – er spielte in den 1970er-Jahren für New Orleans und Baltimore. In der Gegenwart ist Nick Folk von den N.Y. Jets, dessen Vater wie Werschings Eltern in den 1950er-Jahren nach Amerika emigriert ist, der einzige Footballer mit rot-weiß-roten Wurzeln in der NFL.

Ob es purer Zufall ist, dass alle vier Kicker sind? Ray Wersching lacht sehr laut. „Vielleicht kommt es wirklich vom Fußball, Linhart und Fritsch waren doch Profis. Und ich habe als Kind auch gerne den runden Ball getreten. Vielleicht ist Österreich das Land der Kicker.“ Für seinen Kickstil wurde Wersching in Amerika jedenfalls berühmt. Er schaute beim Anlauf immer auf den Boden. Für viele jahrzehntelang ein Rätsel, nein: ein Mythos. Dabei hat alles einen ganz anderen Hintergrund, verrät Wersching. „Ich hätte Brillen tragen müssen, tat es aber nicht. Also habe ich mich immer an den Bodenmarkierungen orientiert...“

Seinen Durchbruch hat er (indirekt) Toni Fritsch zu verdanken. Als Fritsch 1976 in San Diego anheuerte, wurde Wersching sofort zu den 49ers „abgegeben“ – für ihn ein echter Glücksgriff. Als sich Wersching nach Fritsch erkundigt, verhallt sein Lachen jäh. Dass Fritsch 2005 in Wien gestorben ist, wusste er nicht.

Den Kontakt mit seiner alten Heimat will Raimund Wersching nicht mehr abreißen lassen. Der letzte Österreich-Besuch „ist ohnehin schon viel zu lange her“. Als er erfährt, dass heuer im Juli die Football-WM in Wien, Graz und Innsbruck stattfindet, kann er wieder lachen. „Das wäre doch eine tolle Möglichkeit, um nach Österreich zu kommen!“ Der Kontakt zwischen AFBÖ-Präsident Michael Eschlböck und dem Superbowl-Sieger aus Mondsee ist hergestellt. Für beide Seiten ein Elfmeter, pardon: Fieldgoal.

Zur Person

Raimund „Ray“ Wersching wurde am 21. August 1950 in Mondsee geboren. 1952 wanderten seine Eltern nach Amerika aus.
Der Kicker
der Berkeley-University wurde 1973 von den San Diego Chargers engagiert. 1977 wechselte er – nachdem die Chargers Toni Fritsch verpflichteten – zu den San Francisco 49ers.

1982 und 1985 gewann Wersching an der Seite von Football-Legende Joe Montana den Superbowl.

1987 beendete er nach 15 NFL-Saisonen seine Karriere. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2011)

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