Millionengeschäft "Power-Balance": Das magische Band

Bunte "Power-Balance"-Armbänder, die wie durch Zauberei Leistungen steigern sollen, erobern die Sportwelt. Die Brüder Josh und Troy Rodarmel machen mit dem Schmäh ein Millionengeschäft.

Millionengeschaeft PowerBalance magische Band
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Millionengeschaeft PowerBalance magische Band
(c) AP (Matt Slocum)

Wie bringt man Millionen Menschen dazu, sechs Gramm Silikon samt zwei schillernden Pickerln um 40Euro zu kaufen? Man erzähle ihnen zuerst eine gute Geschichte. Im Fall der „Power-Balance“-Armbänder geht die so: In dem Hologramm-Sticker steckt eine magische, selbstverständlich hoch geheime Technologie, die energetische Bahnen im Körper aktiviert, den Fluss der Energie harmonisiert, den Körper in Balance bringt und die Leistungsfähigkeit ankurbelt.

Dann suche man ein paar Sportstars und Promis – Shaquille O'Neill, Rubens Barrichello, David Beckham, wären ein heißer Tipp –, die die Geschichte von der magischen Balance glauben (oder das zumindest für die eine oder andere Summe sagen). Man werfe eine enorme Marketingmaschinerie an, das Millionenbusiness läuft.

Business? Darüber spricht Josh Rodarmel nicht so gerne. Der 26-jährige Kalifornier – Marke Surferboy mit blonden Locken, blauen Augen und Baseballkappe – hat die Hologramme vor drei Jahren mit seinem zehn Jahre älteren Bruder Troy erfunden. Er erzählt lieber von „100.000 positiven Testimonials“, „Millionen verkauften Bändern“, „zufriedenen Kunden“, von denen „nicht ein Prozent“ die Geld-zurück-Garantie genutzt habe, so überzeugt habe sie die zauberhafte Wirkung.

Wie das gehen soll? „Das System basiert auf Jahrtausende altem Wissen, alles hängt mit fernöstlicher Philosophie zusammen“, erklärt Rodarmel im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. So genau könne er die „Technologie“, die in dem schillernden Pickerl stecken soll, aber nicht erklären. Angst vor Nachahmern, müsse man verstehen.


Esoterik im Lifestylekostüm. Bei „Power Balance“ ist von Frequenzen, dem Ausgleich positiver und negativer Ladungen, Resonanzen, Harmonie, Balance und Energien die Rede – dem Stoff, aus dem Esoteriker aller Art ihre Geschäfte spinnen. „Power Balance“ hat dieses nebulöse Geschwafel aus der Eso-Ecke geholt, vom Duft nach Räucherstäbchen befreit und in ein sportliches Lifestyle-Image verpackt. Nun schwören Sportler darauf. Selbst jene, die dafür nicht bezahlt werden, berichten von plötzlichen Veränderungen.

Das alles soll von zwei geheimnisvollen „Mylar-Hologrammen“ ausgehen. „Mylar“ ist ein Markenname für „boPET“ (biaxial orientiertes Polyethylenterephthalat) – also eine Kunststoffolie, die man zum Beispiel auch für aromadichte Verpackungen oder bei Rettungsdecken zum Warmhalten von Verletzten verwendet. Im Endeffekt ist das Hologramm nicht viel mehr als schillernder Kunststoff, mit dem Namen „Power Balance“ bedruckt.


Simple Tricks, manipulierte Shows. Was passiert also, wenn man das Band anlegt? Schießt heiße Energie durch die Glieder, schwebt man fortan völlig in Balance durch die Welt? Nein, zeigt der Selbsttest. Die Verkäufer der „Power-Balance“-Bänder freilich kennen gute Tricks, um die Kraft der Bändchen bei Messen oder Verkaufsshows zu demonstrieren: Ein – natürlich völlig ahnungsloser – Proband stellt sich auf ein Bein und streckt beide Arme zur Seite.

Ein „Power-Balance“-Mitarbeiter drückt so lange auf einen der ausgestreckten Arme, bis der Tester das Gleichgewicht verliert. Dann folgt das selbe Spiel nochmals, mit dem Unterschied, dass der Proband das Armband trägt. Und siehe da: Es dauert viel länger, bis er aus der Balance gerät. Im Idealfall hält er dem Druck ganz stand.

Kritiker erklären die vermeintliche Magie mit einem einfachen Effekt: Beim zweiten Mal weiß der Tester, was passieren wird und kann daher die Balance halten. Möglich auch, dass die Verkäufer die Shows manipulieren: Ein YouTube-Video erklärt, dass beim ersten Versuch der Arm senkrecht nach unten gedrückt wird. Beim zweiten Mal drücke der „Power-Balance“-Mitarbeiter in Richtung Körper, der Proband spürt keinen Unterschied, fällt aber nicht um.

„Pseudowissenschaftlicher Unsinn“, schreibt die US-Medizinerin Harriet Hall im Magazin „Skeptiker“ der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“. „Das Marketing ist genial. Wäre ich Betrügerin, ich könnte mir wahrscheinlich nichts Besseres einfallen lassen.“ „Nicht mehr als ein Placebo“, urteilt die australische Konsumentenschutzorganisation „Choice“ und verlieh „Power-Balance“ vor wenigen Monaten einen Negativ-Award. „Bei Tests unter Laborbedingungen hat sich gezeigt, dass die einzige Wirkung ist, dass es Geldtaschen leert“.

Die australische Regierung hat „Power-Balance“ abgemahnt. In Italien und Spanien wurde die Firma wegen irreführender Werbung zu Bußgeldern verurteilt – die Slogans wurden darauf entschärft. Von empirischen Belegen der Kraft ist nun keine Rede mehr.


Raketenhafter Aufstieg. Gutgläubigen Konsumenten scheint die Kritik recht egal zu sein. Mehr als 2,5Millionen Menschen haben Schätzungen nach schon so ein Armband gekauft. Josh Rodarmel will keine Zahlen nennen. Als der US-Sender „CNBC“ die „Power-Balance“-Bänder vergangenen Dezember zum „Sportartikel des Jahres“ kürte, wurde der Umsatz auf 35Millionen Dollar (knapp 26Millionen Euro) für 2010 geschätzt. „Das kommt hin“, sagt Rodarmel. So genau wisse er das selbst aber nicht. 2009 haben die Brüder aus Kalifornien laut „CNBC“ Plastikbänder um 5,6Millionen Dollar verkauft, 2008 lag der Umsatz erst bei 187.000Dollar.

Bei Amazon waren die „Power-Balance“-Produkte (mittlerweile gibt es sie auch als Sticker zum aufkleben oder als Halsketten, bald soll eine Kleiderkollektion kommen) unter den meistverkauften Artikeln des Weihnachtsgeschäftes 2010. Ein traumhafter Aufstieg – noch lukrativer dürften nur die Margen sein. Schließlich kosten die Bänder in der Produktion – in China, wo sonst – Schätzungen nach keinen Dollar.

Auch in Österreich sieht man die Bänder immer öfter. Bei Intersport gibt es sie etwa in jeder vierten Filiale. Seit September wurden dort rund 4500 Bänder zu je 40Euro verkauft.

Dabei haben die Brüder Rodarmel klein angefangen. Die Gründungslegende spielt – wie sich das für eine Start-up-Firma gehört – in der Garage. „2007 haben mein Bruder und ich begonnen, auf dem Boden unserer Garage die ersten Armbänder zu machen. Unser Vater hat damals bei einer Firma gearbeitet, die dieselbe fernöstliche Technik für kompliziertere Systeme verwendet hat, die um 600Dollar verkauft wurden. Wir wollten das so vereinfachen, dass jeder es sich leisten und immer tragen kann“, erzählt Rodarmel.


Wie viel kostet Beckhams Handgelenk?
Dann, ab 2008, wurden die Bänder im kleinen Stil verkauft und, so die Legende, von großen Stars entdeckt. Shaquille O'Neill oder David Beckham waren unter den ersten passionierten Trägern. „Zuerst sah man Beckham auf Fotos mit dem ,Power-Balance‘-Band, später trugen es auch seine Freunde, kurz darauf sah man die ganze Beckham-Familie mit dem Band“, so Rodarmel. Das zeige den schnellen Erfolg.

Wie viel kostet Beckhams Handgelenk als Werbefläche? Nichts, sagt Rodarmel. „Wir sind nicht mit den Bändern zu den Stars gegangen. Wenn uns aufgefallen ist, dass sie jemand trägt, sind wir an sie herangetreten. Wir zahlen nur, wenn wir die Namen und Bilder zu Werbezwecken verwenden.“

Rubens Barrichello oder Lamar Odom gehören mittlerweile zu den zahlreichen „Markenbotschaftern“. Auch Christiano Ronaldo, Kate Middleton oder Robert De Niro wurden schon mit dem Band fotografiert.


Placebo gebe es auch billiger. Schließlich ist nicht nur bei Sportlern Aberglaube weit verbreitet und unbestritten, dass Placebos Leistungen steigern. Auch, wenn diese magischen Kräfte weit billiger zu haben wären. Man frage Julia Mancuso. Die trägt zum Beispiel dieser Tage nach eigenem Bekunden stets dieselbe Unterwäsche zum Rennen. Ein Trick, auf den schon Sebastian Vettel oder David Coulthard schworen. Wenn das kein Beweis ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2011)

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