NBA-Finale: Trauerspiel um LeBron James

Er ist der beste Basketballer der Gegenwart. Doch aus dem einst gefeierten Star LeBron James ist in den USA ein Hassobjekt geworden.

Trauerspiel LeBron James
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Trauerspiel LeBron James
LeBron – (c) AP (Mark Ralston)

Heute Nacht muss LeBron James gewinnen, sonst ist er endgültig der Verlierer des Jahres. Der beste Spieler der NBA steht mit seinem Team, den Miami Heat, in der Finalserie gegen die Dallas Mavericks mit dem Rücken zur Wand. Die Texaner mit ihrem deutschen Kapitän Dirk Nowitzki führen 3:2. Es wäre der erste Titel des Provinzklubs. Dallas ist seit Wochen aus dem Häuschen. „The Dallas Morning News“ titelte nach dem 112:103-Sieg am Donnerstag: „Am Rande zum Ruhm.“

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Zu Beginn der Saison hat kaum einer daran gezweifelt, dass Miami Heat die Meisterschaft gewinnt. Der Wechsel von Superstar LeBron James von den Cleveland Cavaliers nach Florida wurde in einer TV-Sondersendung verkündet. In Cleveland lag ihm die Welt zu Füßen. Dort hätten ihm die Fans eine Leistung wie im vierten Finalspiel verziehen, in dem er nur acht Punkte warf und sein schlechtestes Play-off-Spiel absolvierte. Doch LeBron pfiff auf Cleveland, auf die Fans und auf seinen Ruf. Der 2,03-Meter-Mann mit der einzigartigen Sprungkraft will nur eines: endlich einen Titel holen.

Deshalb ging er zu Miami Heat, wo ihm mit Dwyane Wade und Chris Bosh zwei weitere Superstars zur Seite stehen. Dass er seither von Fans und Medien verhöhnt und verspottet wird, ist für den ehrgeizigen 26-Jährigen und seinen Sponsor Nike schlimm genug. Am meisten schmerzt aber, dass der beste Basketballer der Geschichte, Michael Jordan, den Transfer mit Häme strafte. Nie im Traum hätte er daran gedacht, zu seiner Zeit die anderen Ikonen Larry Bird und Magic Johnson anzurufen, um mit ihnen schnell einen Titel zu holen. „Ich habe sie schlagen wollen“, sagt Jordan, der die Chicago Bulls zu sechs Titeln geführt hat.

Dass sich Miami Heat nun ein Starensemble zusammengekauft hat, rüttelt an den Grundfesten der amerikanischen Sportphilosophie. Denn Millionäre sind sie alle, ob im Basketball, Baseball, Football oder Eishockey. Aber die Ligen trachten mit Akribie danach, dass die Superstars halbwegs verteilt sind. Deshalb gibt es eine Gehaltsobergrenze, deshalb existiert ein ausgeklügeltes Transfersystem.

Im europäischen Fußball hat man sich daran gewöhnt, dass Mäzene und Heuschrecken Fantasiesummen in Spieler und Teams investieren. Real Madrid, Chelsea oder Manchester City stehen für den Ausverkauf des Sports. Umso erfreulicher ist es für Sportästheten, dass keines dieser Teams dem FC Barcelona das Wasser reichen kann.

Genauso diebisch wäre wohl die Freude der US-Sportfans, wenn das Team des exzentrischen Milliardärs Mark Cuban in der Nacht auf Montag den großen Coup landet. Der 52-jährige Selfmademan führt den Klub, der einen Marktwert von 450 Millionen Dollar hat, wie ein Familienunternehmen. Mit den Spielern ist er freundschaftlich verbunden. Wenn er seine Jungs von den Referees ungerecht behandelt sieht, kann er ausfällig werden. 1,7 Millionen Dollar Strafe zahlte Cuban im Lauf der Zeit. „Er ist einer der besten Teambesitzer im Profisport“, sagt Mavericks-Urgestein Jason Kidd. Und die Philosophie des Klubs ist auch der Grund, warum sich die New York Knicks bisher vergeblich um Superstar Dirk Nowitzki bemüht haben.


Kreuzigung statt Krönung. Für LeBron James sollte es die Krönung seiner Karriere sein. Doch die Saison droht nun „mit einer Kreuzigung zu enden“, schrieb „Sports Illustrated“. Er habe mit seinem egoistischen Wechsel das Gleichgewicht der Kräfte durchbrochen, meinen Kommentatoren. Der Mann, der „Chosen 1“ (Der Auserwählte) auf dem Rücken tätowiert hat, zählt zu den unbeliebtesten Sportlern im Land. Miami Heat gilt als arroganter Klub. Schlechtere Imagewerte hat nur der reiche Baseballklub New York Yankees und hatte Tiger Woods auf dem Höhepunkt seiner Sexaffäre.


Opfer der Selbstgerechtigkeit. Ein Blick zurück zeigt aber, dass das Player-Shopping in der NBA nicht ganz neu ist. Schon in ihren Anfängen musste sich die Liga mit der Konkurrenzserie American Basketball Association messen. Zwischen 1967 und 1976 hatten Größen wie Wilt Chamberlain oft damit gedroht, Klub und Liga zu verlassen, sollten ihre Wechselwünsche nicht erfüllt werden.

In der Saison 1966/67 hatten die Philadelphia 76ers, zu denen Chamberlain gewechselt war, ein wurfstarkes Team zusammengekauft. Chet Walker, Hal Greer und Billy Cunningham verhalfen dem mit einer Körpergröße von 2,16 Meter alles überragenden Chamberlain zu Seriensiegen. Die „Sixers“ gewannen 45 der ersten 49 Saisonspiele. In den Finalspielen der Eastern Conference wurden die Celtics, die zuvor achtmal in Serie alles in Grund und Boden gespielt hatten, mit 4:1 bezwungen. Der Finalsieg über San Francisco war nur noch Formsache.

Und Miami Heat wäre auch nicht das erste Staraufgebot, das scheitert. Weil sich Kobe Bryant und Shaq O'Neal bei den L. A. Lakers über die Führungsrolle nicht einigen konnten und den entscheidenden Wurf stets für sich beanspruchten, endete der kalifornische Traum nach der Finalniederlage 2004 gegen Detroit jäh. O'Neal hatte von Bryants „arrogantem Gehabe“ genug, ging nach Miami – und holte dort 2006 gegen Dallas den Titel.

Diese Einkaufspolitik, frei nach dem Motto „Money never sleeps“, setzte Miami-Heat-Eigner Pat Riley, der auch im hohen Alter mit seiner Gelfrisur an den von Michael Douglas verkörperten Wall-Street-Guru Gordon Gekko erinnert, lediglich fort.

Was für den US-Profisport das Geld, ist für den amerikanischen Sportjournalismus die Selbstgerechtigkeit. LeBron James hat diese Saison beide Seiten der Medaille kennengelernt..

Mavericks Vs. Heat

0:1 – Miami Heat gewinnt das Heimspiel 92:84. Die „Big Three“ LeBron James (24 Punkte), Dwyane Wade (22) und Christ Bosh (19) steuern 63 Punkte bei. Bester Scorer war aber Dirk Nowitzki mit 27 Punkten. Der Kapitän der Dallas Mavericks zog sich allerdings einen Sehnenriss im linken Mittelfinger zu.

1:1 – Sieben Minuten vor Spielende liegt Dallas 15 Punkte zurück. Dank Nowitzki, der eine Schiene um seinen verletzten Mittelfinger trägt, gelingt den Mavericks eine fulminante Aufholjagd. 3,5 Sekunden vor der Sirene erzielt der 33-jährige Würzburger mit der verletzten Hand den Korb zum 95:93.

1:2 – Im ersten Heimspiel setze es für Dallas eine 86:88-Niederlage. Diesmal war Nowitzki mit 34 Punkten gegen die „Big Three“ auf sich allein gestellt. Jason Terry und Shawn Marion konnten nicht mithalten, trafen im Schlussviertel gar nichts.

2:2 Beim 86:83 avancierten LeBron James und Dwyane Wade zu tragischen Figuren. James fand nie ins Spiel, acht Punkte bedeuten für ihn die schlechteste Leistung in einem Play-off-Game. Und Wade war zwar mit 32 Punkten bester Werfer bei Miami, aber statt in letzter Sekunde den Ausgleich zu werfen, ließ er einen Pass fallen.

3:2 – Den Grundstein für den 112:103-Sieg legten die Texaner mit ihren Dreipunktewürfen. 13 von 19 Versuchen fanden das Ziel. 68 Prozent Dreierquote sind sensationell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)

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