Wien. Wagga Wagga. Vertraut klingende Worte seit dem Fußball-WM-Song von Shakira – wenngleich die Kolumbianerin das Wortpaar mit hartem „k“ betonte und mit dem anknüpfenden Refrain „This Time for Africa“ die Charts stürmte. „This Time for Australia“ hieß es Mitte April für Österreichs Bogenschützen, die in Wagga Wagga, im Südosten von Down Under, mit präzisen Pfeilschüssen ihre eigene Hitliste anführten. Und statt Platin – wie Shakiras „Waka Waka“ – räumten die rot-weiß-roten Schützen bei der World Bowhunter Competition der International Field Archery Assocation (IFAA) viermal Gold und fünfmal Silber ab.
Österreich bietet weltweit die akkuratesten Sportler mit Pfeil und Bogen – etwa in der traditionellen Klasse, der Langbogen-Gattung, oder im 3D-Geländebereich, wo unter anderem im Waldparcours auf Tierattrappen aus Schaumstoff gezielt wird. Im olympischen Scheibenschießen hingegen verschwimmen beim Blick auf die Elite die Konturen, die Weltklasse ist in weite Ferne gerückt.
„Es müssten schon Weihnachten und Ostern zusammenfallen“, schätzte Herwig Haunschmid die Chance ein, dass beim olympischen Bogenschießen 2012 ein Österreicher seine Pfeile aus 70 Metern in Richtung Zielscheibe loslassen könnte. Haunschmid, einer der vier Goldmedaillengewinner von Wagga Wagga, hat Recht behalten.
Keine Spitzenplätze bei WM
Denn bei der WM in Turin, die am Sonntag zu Ende gegangen ist, hätte Hermann Haberl, amtierender Staatsmeister mit dem olympischen Recurvebogen, schon über sich hinauswachsen müssen. Der Oberösterreicher rangierte in hinteren Regionen des Klassements. Besser, jedoch ohne Top-Platzierung, klassierten sich die anderen fünf WM-Teilnehmer aus Österreich, die in Turin mit technisch ausgefuchstem, aber nicht-olympischem Compoundbogen ans Werk gingen.
So beliebt die Disziplinen im Geländeparcours hierzulande sind, so sehr steht die Gattung, die seit 1972 wieder das olympische Programm schmückt, im Schatten des heimischen Schützeninteresses. Im Vergleich zu den Top-Nationen klaffe im olympischen Bogenschießen ein riesengroßes Loch, sagt Haunschmid. In China oder Südkorea feuern Athleten im Training an die 700 Schuss pro Tag ab. Nicht einmal annähernd kommen da eifrige österreichische Schützen heran, die an intensiven Tagen 200 Mal die Sehne samt Pfeil strapazieren.
Von Akademien und großen Trainingszentren wie in Asien könne Österreich nur träumen, bestätigt Trudy Medwed, seit 2002 Präsidentin des Österreichischen Bogensportverbandes (ÖBSV).
Die 69-Jährige, früher selbst als Schützin aktiv, spricht andererseits die weitläufigen Strukturen im rot-weiß-roten Bogensport an. Immerhin zählt der ÖBSV 165 Vereine, allein ein Drittel davon stellen die Landesverbände in Ober- und Niederösterreich. Medwed, auch Vorstandsmitglied bei FITA, dem zweiten Weltverband der Bogenschützen, denkt in Bezug auf Olympia schon an die Spiele in Rio 2016. Von der nun begonnenen, systematischen Jugendförderung in der olympischen Sportart könne man vielleicht schon in Brasilien profitieren, sagt Medwed.
Ein Schütze, der weiß, wie man erfolgreich durch die Qualifikationsmühle für Olympia kommt, ist der Oberösterreicher Robert Placereano. Die ehemalige Nummer 38 der Weltrangliste qualifizierte sich für die Spiele in Atlanta 1996 – konnte jedoch wegen Versäumnissen bei der Anmeldung nicht antreten. Der Verband hätte es damals vermasselt, so der heute 41-Jährige, aber „mehr möchte ich dazu nicht sagen“.
Das olympische Scheibenschießen war seine Spezialdisziplin, doch nach diesem Rückschlag stellte Placereano den mit Stabilisatoren versehenen Recurvebogen mit Visiereinrichtung ins Eck und wechselte zur instinktiven Bogenklasse. Dort gibt es keine Hilfsmittel, weder akustische Auszugsmarkierungen beim Spannen noch Zielhilfen. „Nur du und der Wald – das hat etwas Ursprüngliches“, sagt Placereano.
Er vergleicht die instinktive Klasse mit Holzbogen mit einer kleinen „Nostalgiereise“, zurück zu den Wurzeln des Menschen. Unrecht hat der Weltmeister von 2006 in der Holzbogen-Gattung damit freilich nicht. Das Bogenschießen zählt zu den ältesten Jagdformen, seit mehr als 15.000 Jahren wird mit Pfeil und Bogen geschossen. Davon zeugen etwa in Spanien entdeckte Höhlenmalereien.
Hightech gegen Holzbogen
Beim modernen Leistungssport prallen je nach Disziplin Welten und Philosophien aneinander. Während bei Olympia ausschließlich der an den Wurfarmenden zurückgeschwungene Recurvebogen mit technischem Schnickschnack wie Dämpfer zugelassen ist, treten im Gelände Schützen mit selbst gebautem, traditionellem Holzbogen an – ein sogenannter Selfbow ohne aufgemotzten Griff, ohne Pfeilauflage, ohne Schussfenster.
„Viele Schützen sind mit urzeitlichen Bögen genauso treffsicher wie andere mit High-Tech-Bögen“, sagt Selfbow-Weltmeister Placereano.
Die FITA-Weltmeisterschaft in Turin, die am Sonntag zu Ende ging, war die erste Chance, sich für die Sommerspiele 2012 in London zu qualifizieren. Die österreichischen Athleten verpassten das Ziel klar.
Die Weltmeisterschaft im 3-D-Bogenschießen wird vom 31.August bis 3.September in Donnersbach, in der Region Schladming-Dachstein, ausgetragen. Rund 300 Bogenschützen aus bis zu 80 Nationen werden in der Steiermark am Start sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2011)

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