BRD: "Ärzte haben Anabolika verharmlost"

Der deutsche Sozialwissenschaftler Giselher Spitzer hat in einer Studie die Dopingvergangenheit des westdeutschen Sports offengelegt. Mit der "Presse am Sonntag" spricht er über das Betrugsnetzwerk.

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Giselher Spitzer – (c) Dapd (Berthold Stadler)

Herr Spitzer, können Sie erklären, woher die Motivation für das in Deutschland systemisch betriebene Doping kommt? Aus der Eifersucht auf die DDR und der Angst vor den Olympischen Spielen in München 1972?

Giselher Spitzer: Nein, auf keinen Fall. Wir haben eine erste Phase untersucht, 1950 bis 1968, in der es den Übergang von der präanabolen Phase mit der Leitdroge Metamphetamin (Pervitin) zur anabolen Phase von 1972 bis 1989 gab. Dies war eine zweite Stufe der Dopinggeschichte, denn vorher wurde bereits mit Anabolika experimentiert und sie wurden zunehmend im Hochleistungssport missbraucht. Wir sind der Meinung, dass der politische Systemkonflikt zwar den Druck erhöhte, aber zugleich neue Einnahmen erschloss. Aber er war nicht die Ursache des Dopings.

Was war denn die Ursache?

Die Ursache war das Vorhandensein eines dopingaffinen Sportbereichs, das heißt eine kleine Zahl von deutschen Sportmedizinern hat Doping beforscht oder in der Praxis eingesetzt. Das Systemische sehen wir darin, dass die staatlich finanzierte Zweckforschung an erwachsenen Männern nach Meinung unserer Berliner Forschungsgruppe tatsächlich anwendungsorientiert war. Wir halten den Schluss für zulässig, dass Anabolika und Testosteron dann auch bei den betreuten Sportlern angewendet werden konnten.

Ist es nicht erstaunlich, dass Ärzte die Gesundheitsgefährdung der von ihnen betreuten Sportler in Kauf genommen haben und bis zu den einschlägigen Prozessen gegen die DDR-Dopingstrategen in Deutschland nie Sanktionen bekannt wurden?

Wir haben festgestellt, dass seit Anfang der 1970er die Gefahren der Anabolika für Männer erforscht wurden. Die damals Verantwortlichen um Professor Keul haben dies interessanterweise nicht kommuniziert: Diese Ärzte haben letztlich Anabolika verharmlost. Sonst wäre die Geschichte des Dopings in Deutschland wohl anders verlaufen. Hier liegt ein großes Versagen vor.

Stimmen Sie der These zu, dass ein Gesellschaftsmodell dahintersteckt, bei dem der Einzelne für den Ruhm der Gesellschaft verwendet wird, koste es ihn, was es wolle?

Ursache ist eine Verabsolutierung des Leistungsgedankens. Die Sportförderung in der Bundesrepublik wird von der sportlichen Leistung bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen abhängig gemacht. Stichwort: „Endkampfteilnahme.“ Diese förderpolitische Entscheidung ist bis heute folgenreich – sie wird seit fast 35 Jahren kontrovers diskutiert und ist selbstverständlich ein Betrugsanlass.

An die Person des langjährigen NOK-Präsidenten und ehemaligen NSDAP-Mitglieds Willi Daume, der die Dopingpraktiken offensichtlich kannte und zumindest nicht verhinderte, lässt sich die Frage knüpfen, ob sich gewisse Prinzipien und Organisationsformen der sportlichen Leistungsorganisation vom Dritten Reich in die BRD hinein fortgesetzt haben?

Da muss selbstverständlich Forschung stattfinden, ob es Kontinuität im Denken gab – das ist sogar sehr wichtig, denn die junge Generation der Sportmediziner denkt wohl anders. Wir erforschen jetzt die Zeit seit Gründung des Deutschen Sportbundes und beginnen gerade mit der Phase seit Inkrafttreten des Einigungsvertrages.

Laut ihrer Studie könnte es der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher gewesen sein, der vor den Olympischen Sommerspielen 1972 in München aufgefordert hat, alles zu unternehmen, damit Deutschland nicht gegen die DDR verliert.

Zeitzeugengespräche legen das ohne Namensnennung nahe. Aber wichtiger ist für uns: Die Zeitzeugen nahmen damals offensichtlich an, dass der Geldgeber, das Bundesinstitut für Sportwissenschaften, hinter der sportmedizinischen Forschung mit Dopingsubstanzen stand.

Sie wirbeln mit den Studien viel Staub auf. Sind Sie sicher, dass Sie die Arbeiten in der reinen wissenschaftlichen Form werden veröffentlichen können?

(Lacht) Das ist das erste Mal, dass ein demokratischer Staat versucht, über die eigene Dopinggeschichte Klarheit zu bekommen. Das wird sicher handlungswirksam werden, kann es aber nur, wenn es so schnell wie möglich in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht wird und die interessierte Öffentlichkeit Dokumente und Protokolle selbst nachlesen kann.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband DLV hat laut ihrer Studie Dopingbekämpfung postuliert, aber die Funktionäre, die das ernst nahmen, ausgeschlossen. Ein Exempel der Heuchelei?

„Heuchelei“ ist keine wissenschaftliche Perspektive. Wir wollten den Mechanismus zeigen, inwieweit der DLV in dieser Phase überhaupt eine Anti-Doping-Politik umgesetzt hat und warum er scheiterte. Dazu muss man die bislang völlig unbekannten Details vortragen, ebenso wie für andere öffentlichkeitswirksame Sportarten.

In der vorliegenden Zusammenfassung fehlt die prominenteste Sportart. Haben Sie keine Hinweise auf Doping im Fußball gefunden?

Wir haben auch Hinweise auf Doping im Fußball, das ist in der wissenschaftlichen Studie auch angemessen gewürdigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

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