Für sehr viele Österreicher bedeutet ein Felgaufschwung im Turnsaal bereits das Ende. Es ist zu anstrengend. Und auch die Perspektive oberhalb der Eisenstange verheißt weder Ansehen noch Wohlstand. Kunstturnen verlangt vor allem Disziplin, Training, Kraft, Schweiß, Mut, Körperbeherrschung und Vielseitigkeit. Stundenlanges Üben der Programme, endlose Dreh- und Stemmbewegungen, also dynamische Kreisläufe, um bei Wettkämpfen Perfektion zu verkörpern mit einem Kolman-Salto. Wie bitte? Das Element ist ein Doppelsalto rückwärts über die Reckstange mit ganzer Drehung.
Für den 25-jährigen Fabian Leimlehner ist Turnen die Erfüllung. Er fühlt sich in den Geräte-Mehrkampf sogar hineingeboren. Seit seinem sechsten Lebensjahr, animiert durch den Großvater, genießt er „die Faszination dieses Sports“. Ständig erlebe er Neues, laufend kommen Ideen, um Programme zu verbessern. Es ist Akrobatik in Reinkultur. Aber in keinem Zirkuszelt, sondern in einer Sportarena. Dem Applaus folgen anstatt hoher Gagen strenge Benotungen der Technik und Haltung.
Leimlehner besitzt das Geschick, auf Boden, Pauschenpferd, Ringen, Barren, Reck und beim Sprung zu überzeugen. Der in Innsbruck lebende Oberösterreicher ist der erste männliche Turner seit 1960, der Österreich bei den Olympischen Spielen vertreten wird. Er schaffte dank der gelockerten Limits des Österreichischen Olympischen Komitees Anfang Jänner in Londons O2-Arena die Qualifikation für die am 27. Juli beginnenden Sommerspiele und schloss ein seit 52 Jahren klaffendes Loch rund um die fünf Ringe. „Für mich wurde ein Kindheitstraum wahr. Es ist ein Meilenstein. Dafür habe ich auch sehr hart gearbeitet.“
Leimlehner kommt in Österreich in den Genuss kleiner Förderungen. Auch findet er als Sportsoldat die soziale Absicherung. Er steht 30 Stunden pro Woche am Gerät und beziffert seine täglichen Trainingseinheiten mit fünf bis sechs Stunden. Er sagt: „Das Turnen ist für mich wie ein Job und ich habe den besten Arbeitsplatz der Welt.“ Ohne finanzielle Unterstützung müsste er dem Sport den Rücken kehren, das Jus-Studium fortsetzen oder die Ausbildung als Sportmanager auf der Fachhochschule starten. Mehr Geld sei zwar immer erstrebenswert, doch Leimlehner jammert nicht. Für ihn stehe die Freude an der Bewegung im Vordergrund.
Eine dunkle Kehrseite. Dass es in anderen Ländern brutaler abläuft, wenn es darum geht, Turner zu formen, weiß Leimlehner. Immer dann, wenn Olympia ruft, machen Horrorgeschichten aus China oder Nordkorea schnell die Runde. Kleinkinder werden in speziellen Zentren getrimmt, verbogen und systematisch auf den Sieg vorbereitet. Das optimale motorische Lernalter von sechs bis zwölf Jahren wird rücksichtslos unterschritten. Es ist die dunkle Kehrseite der olympischen Anmut.
Das Szenario erinnert auch an den Ursprung des Begriffes Turnen. Er wurde 1810 von Friedrich Ludwig Jahn, einem heute als „Turnvater“ gepriesenen Deutschen, initiiert: Als Möglichkeit, die Jugend „auf den Kampf gegen Napoleon und für die Rettung Preußens“ vorzubereiten. Turnen wurde im deutschsprachigen Raum auch später, in beiden Weltkriegen, als militärische Ausbildung verstanden. In der Gegenwart geht es bei der in der Antike entdeckten Gymnastik zwar noch immer um den Triumph, aber vorwiegend um den in der Medaillenwertung.
Leimlehner und Barbara Gasser – die 22-jährige Vorarlbergerin fährt als erste ÖFT-Turnerin seit 48 Jahren zu Olympia – werden neben der Rhythmischen Gymnastin Caroline Weber (25) in London allerdings nicht die Zeit haben, sich tiefer mit dieser Problematik zu befassen. Der Mehrkampf verlangt geschultes Flugverhalten und perfekte Körperbeherrschung. Dazu kommen Aufregung und Medienrummel, für junge Menschen können angesichts dieser Voraussetzungen schnell alle Träume zerplatzen. Davor ist Leimlehner gewarnt. Denn so sehr er in seinem Sport durch Akribie um Aufsehen ringt, macht er sich auch „das Leben als Chaot oft selbst schwer“. Es soll vor Wettkämpfen schon vorgekommen sein, dass der Sohn eines Mühlviertlers und einer Schweizerin seine Ausrüstung vergessen hatte. Dieser Peinlichkeit wolle er sich bei seinem Olympia-Debüt als 23-facher Staatsmeister dann doch nicht ausliefern.
Den „Adrenalin-Junkie“, für den er sich hält, wolle Leimlehner nur auf den Geräten ausleben. Seine Stärken sehe er auf dem Reck. Auf dem Barren und den Ringen könne er mit den Besten mithalten. Schwächen gibt er auf dem Seitpferd und dem Boden zu. Alles in allem, schätzt er, habe er „gutes Mehrkampf-Niveau“. Über Platzierungen jedoch verlor er kein Wort. Dafür sei die Konkurrenz zu groß, das Teilnehmerfeld rund um den Chinesen Yang Wei, der 32-Jährige ist dreimaliger Olympiasieger, zu unüberschaubar. Aber überhaupt bei Olympia dabei zu sein, sei schon eine Auszeichnung, befindet Leimlehner. Da er aber mit der Qualifikation nichts mehr zu verlieren habe, wolle er riskieren. „Ich bin ein ehrgeiziger Mensch, ich werde auf dem Reck den Schwierigkeitsgrad erhöhen“, sagt er und verspricht Schrauben und Salti.
Das Essenzielle an diesem Vorhaben jedoch sei es, „nach dem Flug die Stange wieder in Griff zu bekommen“. Der präzise Griff sei die eigentlich wahre hohe Kunst auf dem Reck, meint der 70 Kilogramm schwere Turner. Dass man daneben greift und abstürzt, passiere allerdings auch den Topathleten. Da würden selbst die stärksten Finger nichts mehr nützen. „Die Hände sind zwar durch Reckleder und Magnesium geschützt, sonst würde es dir ja bei den Umdrehungen die Haut wegreißen. Aber je höher die Geschwindigkeit wird, desto mehr wirken sich die Fliehkräfte aus. Biomechanische Messungen ergaben kurz vor dem Abgang ein fünf- bis siebenfaches der Erdbeschleunigung. Das sind bei mir 350 Kilogramm oder noch mehr.“
Um den Anforderungen gewachsen zu sein, schwitzt Fabian Leimlehner mehrmals pro Woche in der Kraftkammer und stemmt Gewichte. Vor den Wettkämpfen achtet er auch penibel auf seine Ernährung. Fettarm, viel Eiweiß, Alkohol ist absolut tabu. Das gilt vor allem für die anstehende EM im Mai in Montpellier und die Sommerspiele in London.
Karriere nach dem Sport. Bei den Sommerspielen könnte sich nicht nur Leimlehners Zukunft entscheiden, sondern auch die vieler anderer. Seit Jahren pflegt der Weltverband eine offizielle Kooperation mit dem „Cirque du Soleil“, verrät ÖFT-Generalsekretär Robert Labner. Bei Europa- und Weltmeisterschaften werden bereits Kontakte geknüpft, pro Jahr gebe es zwei bis drei Castings für die populäre Akrobatikshow. „Für die Karriere nach dem Sport“, sagt Labner. „Turner haben ab einem gewissen Alter sehr wohl Perspektiven.“ Noch wurde zwar kein österreichischer Sportler vom „Cirque“ engagiert, aber irgendwann könne es durchaus passieren, glaubt Labner.
Durch das Olympia-Trio ist dem Turnsport in Österreich heuer mehr Aufmerksamkeit gewiss, vielleicht auch im Schulsport. Die Faszination ist nur einen Felgaufschwung entfernt.
Österreich ist bei den Spielen in London mit zwei Kunstturnern – Fabian Leimlehner (25) und Barbara Gasser (22) – sowie in der Rhythmischen Gymnastik mit Caroline Weber (25) vertreten.
1984
Seit Einführung der Gymnastikbewerbe in Los Angeles nahmen Elisabeth Bergmann-Salzer (25., Seoul 1988) und 1996 in Atlanta Birgit Schielin (24.) und Nina Taborsky (29.) für Österreich teil.
1964
Im Kunstturnen beendet Gasser Österreichs seit Tokio 1964 (Henriette Parzer-Behrendt) anhaltende Olympia-Durststrecke.
1960
Leimlehner ist der erste ÖFT-Kunstturner bei Olympia seit Rom 1960 (Hans Sauter, Johann König, Hermann Klien, Willi Kafel, Gerhard Huber und Anton Hertl).
1904
In St. Louis gewann Julius Lenhart zweimal Gold und einmal Silber. Er ist damit Österreichs erfolgreichster Sommer-Olympionike.

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