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Olympia: Sotschi liefert die große Überraschung

11.02.2012 | 18:22 |  von Eduard Steiner (Sotschi) (Die Presse)

2014 finden die Olympischen Winterspiele im Süden Russlands statt. An diesem Wochenende ist der internationale Skizirkus erstmals zu Gast. Wenn die Russen die Mängel im Service beheben, kann das Projekt gelingen.

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Der Titan Prometheus würde die Welt nicht mehr verstehen. Hier in der Einöde des Kaukasus, wohin ihn laut antiker Mythologie Göttervater Zeus verbannt hat, gibt zwar noch immer die wankelmütige Natur den Ton an und die Sicht auf die mächtige Bergkette frei, wann sie es will. Hier unter den Felsen aber, an den ihn Zeus hat fesseln und einen Adler an seiner Leber fressen lassen, nur weil der Titan den Menschen das Feuer gebracht hat, tummeln sich plötzlich Skiathleten auf der Suche nach der optimalen Spur. Testen mit ihrer Mannschaft Hänge sowie die Beschaffenheit des hiesigen Schnees, der sich aus dem salzigen Dunst des umliegenden Schwarzen Meeres gebildet hat. Und ringen unten in den Luxushotels um den angemessenen Befund.

Nicht nur Prometheus würde das alles schwer fassen. Auch der internationalen Ski-Elite erschloss sich ihr neuer Schauplatz für ein Weltcup-Rennen und die nachfolgenden Olympischen Winterspiele 2014 erst nach und nach. Dass mancher Läufer in den vergangenen Tagen gequengelt hat, weil die Kurssetzung der langen Herrenabfahrt auf dem Kaukasushang Rosa Khutor zu kurvenreich sei, wird auch individuellen Vorlieben zugeschrieben. Dass Bode Miller das Ganze als einen Super-G herabwürdigte, bei dem risikofreudige Abfahrer wie er wieder einmal ans Aufhören dächten, gilt als Ausfluss seiner skandalverliebten Ader. Gewiss, auch die ÖSV-Führung hat den Schweizer Ex-Skirennläufer Bernhard Russi, der die neue Strecke konzipiert hat, bereits ersucht, eine stellenweise neue Streckenführung in Betracht zu ziehen, wie ÖSV-Chef Hans Pum der „Presse am Sonntag“ erzählt hat. Aber ob Miller, Pum oder die anderen Vertreter der Ski-Community – so gut wie alle sind nicht nur vom bisher unbekannten Gelände begeistert. Schier unisono streuen sie den Russen Blumen für ihren Kraftakt und die Organisation. „Sensationell, was hier geschaffen wurde“, begeistert sich Pum. „Einfach Kompliment“, hieß es quer durch alle Mannschaften. Und: „Eine einzige Überraschung.“


Ein Denkmal für Putin. Man hat den Russen ganz offensichtlich nicht zugetraut, würdige Weltcup-Rennen, geschweige denn das olympische Großprojekt 2014 rechtzeitig zu stemmen. Beobachter und Gegner von Premier Wladimir Putin, dem Motor des Projekts, haben ihre Zweifel von Anfang an angemeldet. Die Teilnehmer am Europacup-Testrennen in Rosa Khutor noch vor einem Jahr. Wer freilich die Bautätigkeiten seit der Vergabe der Olympischen Spiele im Sommer 2007 kontinuierlich verfolgt hat, weiß um die gewaltige Leistung. Auf den Berghängen, wo vor viereinhalb Jahren sage und schreibe ein einziger Lift mit Holzsesseln gestanden hat, gleiten heute moderne Gondeln vielfach österreichischer Herkunft über die Schluchten. Wo eben noch vor einem Jahr am Fundament gebastelt wurde, stehen Hotels und zumindest der Rohbau von Stadien aus oftmals türkischer Facharbeit. Und wo im Vorjahr noch die Betonstützen für die Sprungschanzen aus der Erde prangten, wurde dieser Tage die Anlaufspur mit deutscher Keramiktechnologie verlegt, sodass am 18.Februar ein innerrussischer Testwettbewerb stattfinden kann. Alle Objekte müssen die Erdbebenstärke neun aushalten – das Gebiet ist seismisch aktiv.

Vieles ist fertig, vieles auch nicht. Jenseits der Abfahrtsstrecke stapft der Besucher oftmals noch im Morast der Baustellen. Die Flugbahn der Schneeflocken lässt den Wind, den die Gesichtshaut fühlt, auch optisch wahrnehmen. Obwohl die Ohren rot wie der Schutzhelm sind, greifen die Arbeiter nicht selbstverständlich zur Haube. Die Entscheidung, Gummistiefel oder gefütterte Bergschuhe zu tragen, fällt ihnen sichtlich schwer. Die Unterscheidung von Tag und Nacht vermutlich auch. Rund um die Uhr 365 Tage lang sorgen etwa 50.000 Bauarbeiter, darunter 7000 ausländische Gastarbeiter, dafür, dass Russland seine Integration in die Welt auch auf dem Sportsektor vollzieht und eine Visitenkarte schafft, die nicht zuletzt ein Denkmal für Putin ist. Er hat mit seinem Auftreten vor dem Olympischen Komitee die Zuerkennung der Spiele durchgesetzt. Und letztlich hat er danach einige Milliardäre aus den Top Ten des Landes dazu angehalten, Geld für den Aufbau aus dem Nichts lockerzumachen – darunter Oleg Deripaska, den milliardenschweren und gleichzeitig schuldenüberlasteten Anteilseigner der Strabag.

Gewiss, der Staat, der mit dem Rohstoffexport blendend verdient, berappt mehr als die Hälfte jener horrenden Summe von 24 Milliarden Euro, mit der Sotschi zu den bisher teuersten Spielen wird. Und vieles finanziert er dadurch, dass er Staatsunternehmen wie Gazprom oder Sberbank, die soeben die Ostholding der österreichischen Volksbank kauft, zu Milliardenopfern zwingt. Allein für die Sicherheit sind russischen Quellen zufolge 1,45 Milliarden Euro veranschlagt, schließlich besteht die Befürchtung, dass islamistische Kräfte aus den nahe liegenden nordkaukasischen Republiken auf einen Sabotageakt sinnen.


Krebsübel Korruption.
Die privaten Investoren freilich, die ihre Schuldigkeit getan haben oder noch tun, beginnen neuerdings zu realisieren, dass sich die Investitionen niemals rechnen werden. Gewiss, Deripaska, der neben dem olympischen Dorf auch den Hafen in der Stadt Sotschi errichtet, plant eine Weiterverwendung als Jachthafen. Warum sich aber viele Olympia-Objekte in Sotschi nur schwer rechnen werden, hat nicht zuletzt mit dem Krebsübel des Landes zu tun, der Korruption. Gerade auch deshalb hat sich das Budget für die Spiele und die Entwicklung der Region seit 2007 verdreifacht, sodass der Rechnungshof Alarm schlägt. „Es ist eine einzige Katastrophe“, meint ein westlicher Unternehmer in Sotschi im Gespräch, „die Preise steigen nahezu täglich. Jeder hält die Hand auf und kassiert mit.“

Auf Initiative von Wladimir Potanin hin, jenem Metallurgie-Milliardär, der die Anlage Rosa Khutor finanziert hat, sind die privaten Geldgeber kürzlich bei der Regierung vorstellig geworden. „Wir verhandeln“, erklärt einer der Investoren, den „Die Presse“ in Sotschi getroffen hat, „alle Varianten einer staatlichen Unterstützung werden diskutiert.“ Nicht zuletzt, dass der Staat die olympischen Objekte nach 2014 auch einfach aufkauft.

Dennoch, am Kaukasus ist das Glas längst mehr als zur Hälfte voll. Vom positiven Drive kündet etwa das sogenannte „Bergstädtchen“, wo unweit der Sprungschanzen zwölf Hotels und 2420 Appartements für das Pressezentrum entstehen und der Verkauf der Immobilien für eine spätere Nutzung auffällig gut läuft. Vor allem Leute aus Moskau würden Anlagemöglichkeiten suchen und hätten ein Drittel der Wohnungen bereits aufgekauft, sagt Maria Sinizina von NBB-Development. „Am besten gehen die Villen zu einem Quadratmeterpreis von 5000 bis 7000 Dollar“, sagt die Immobilienentwicklerin.

Nachhaltigkeit ist am Kaukasus nicht nur das Stichwort der Stunde. Nachhaltigkeit ist die Hoffnung. Allenthalben träumt man davon, dass die Russen das Gebiet, das bei den Adeligen des Zaren beliebt gewesen war, als Urlaubsort neu entdecken. Die Chance dazu bestünde, wenn sich das Service im Dienstleistungssektor ebenfalls so entwickelte wie die Bautätigkeit. Bislang sind oft nur die Preise nach oben geschnellt.

So schnell werden sie unter das jetzige Niveau nicht zurückfallen. Zumindest in der Küstenstadt Sotschi, wo 50 Kilometer von den Skipisten entfernt im subtropischen Klima Mandarinen wachsen und sechs Stadien für die Eislaufwettbewerbe errichtet werden. Ab 2014 werden dort Formel-1-Rennen ausgetragen, 2018 Spiele der Fußballweltmeisterschaft. Und vielleicht auch jede Menge Kongresse und Symposien, die man sich und den Besuchern verspricht.

Auch wenn in Sotschi das Feuer, das er den Menschen gebracht hat, bald als olympische Flamme lodern wird – Prometheus würde die Veränderungen am Kaukasus nicht mehr fassen können. Die internationale Skiwelt aber hat seit diesem Wochenende einen ersten Begriff von ihnen und weiß: „The Russian can.“ Aber eben auf ihre Art.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)

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