Bergsteigen: Nächster Gipfelrekord entlarvt sich als Lüge

13.04.2012 | 13:16 |   (DiePresse.com)

Der Südtiroler Hans Kammerlander verkündete im Jänner 2012 das Wettrennen um die "Seven Second Summits" gewonnen zu haben. Doch vieles deutet darauf hin, dass zwei Gipfelbesteigungen nicht stimmen.

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Am 3. Jänner 2012 ließ sich Hans Kammerlander auf 4852 Meter feiern. Der Bergsteiger aus Südtirol hatte soeben den Mount Tyree in der Antartkis erklommen und das Rennen um die "Seven Second Summits", den Aufstieg auf die zweithöchsten Berge aller sieben Kontinente, für sich entschieden und damit Alpingeschichte geschrieben.

Doch bald kamen in einschlägigen Internetforen Zweifel auf. Stein des Anstoßes waren Fotos auf Kammerlanders Homepage mit denen er die sieben Gipfelbesteigungen belegt. Zwei von ihnen riefen innerhalb der Bergsportgemeinschaft starkes Misstrauen hervor. Schließlich wurde die Story auch von Medien aufgegriffen und ein Bericht der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" brachte den Fall schließlich endgültig ins Rollen.

Gipfelverwechslung in Nordamerika?

Bei der ersten angezweifelten Besteigung handelt es sich um den Mount Logan, einen Berg im Nordwesten Kanadas. Im Mai 2010 bestieg Kammerlander den mit 5959 Meter zweithöchsten Gipfel Nordamerikas. Ein Jahr zuvor hatte der Norweger Petter Bjørstad diesen ebenfalls bezwungen und eine detaillierte Beschreibung des Gipfels auf seine Homepage gestellt: "Der Hauptgipfel ist ein sehr scharfer Grat. Auf dem Gipfel steht eine Eisaxt, die jemand vor vielen Jahren dort oben gelassen hat. Ein Markierungspunkt, der trotz Wind und Wetter noch lange präsent und sichtbar sein wird." Genau diese Axt ist auf Kammerlanders Bildern ebenso wenig wie der scharfe Gipfelgrat zu sehen.

Kammerlander, der in seiner Karriere zwölf Achttausender und viele weitere schwierige Gipfel bestiegen hat, war sich bei der Konfrontation mit diesen Fakten plötzlich selbst nicht mehr sicher. "In Nordamerika ist eine kleine Unklarheit entstanden", gab er zu. "Aber wenn das so ist, dann handelt es sich lediglich um eine Verwechslung, nicht um eine Lüge mit böser Absicht. In diesem Moment war ich mir hundertprozentig sicher, dass das der richtige Punkt ist." Dennoch sind seine Zweifel so groß, dass er zum Mount Logan zurückkehren will, "um alle Fragen zu klären."

Nachlässigkeit statt vorsätzlicher Täuschung

An den Fähigkeiten des Südtirolers zweifelt niemand seiner Alpinkollegen, vielmehr soll es sich um simple Schlampereien handeln. Kammerlander gilt als etwas nachlässig und jemand, der nicht zu viel Zeit mit großen Vorbereitungen verschwende. So rechtfertigte er sich gegenüber Anschuldigungen im Internet mit der Aussage, dass er am Mount Logan nicht mit einen GPS-Gerät, sondern mit einer Militärkarte unterwegs gewesen sei, "auf der die Gipfel zwar eingezeichnet, aber nicht namentlich benannt waren. Das Gipfelplateau des Mount Logan ist rund 8,5 Kilometer lang und besteht aus mehreren Gipfeln, die sich in ihrer Höhe nicht wesentlich unterscheiden. Ich steuerte konsequenterweise den Gipfel an, der uns am höchsten erschien."

Im flächigen, vergletscherten Gipfelplateau des Mount Logan erhebt sich im Westen der Westgipfel, 5925 Meter hoch, etwa zwei Kilometer weiter östlich, der Hauptgipfel, nur 34 Meter höher. "Der Mount Logan hat eine Reihe von Gipfeln mit deutlichen Satteln dazwischen", erklärte Bjørstad eine mögliche Verwechslung, denn "von der Normalroute aus ist der Westgipfel einfacher zu erreichen als der Hauptgipfel. Daher gehen einige Expeditionen nicht auf den Haupt-, sondern auf den Westgipfel."

Veraltete Höhenangaben in Ozeanien?

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Besteigung des zweithöchsten Berges von Ozeanien. Kammerlander erklomm im April 2011 den Puncak Trikora in Indonesien. Doch bereits seit mehreren Jahren wird der Puncak Mandala mit offiziell 4737 Metern als Nummer zwei des Kontinents geführt. SRTM-Messungen (Shuttle Radar Topography Mission) belegen, dass dieser Berg etwa 30 Meter höher ist. Bereits im Jahr 2000 hatte die Nasa vom Spaceshuttle "Endeavour" neue Höheninformationen geliefert - bis dahin lagen bei einigen Bergen in Ozeanien nur ungenaue Höhenangaben vor. Ein dazu befragter Nasa-Experte relativierte dies jedoch: "Durch die Feldmessung könnte der höchste Punkt in beiden Fällen theoretisch auch verpasst worden sein."

Kammerlander beruft sich in diesem Fall auf das indonesische Tourismusministerium, bei dem er seine Informationen angefordert habe. Mit dem Namen Puncak Mandala konfrontiert, sagte er: "Dann war ich da also auch auf dem falschen Gipfel. Aber mit so lächerlichen Sachen spiele ich nicht rum. Deswegen fahre ich da nicht auch noch mal hin." Das Wettrennen um die "Seven Second Summits" scheint somit wieder offen zu sein.

Vermarktungsdruck bei Gipfelbesteigungen

Trotz aller Zweifel tourt Kammerlander aktuell durch Europa und hält weiterhin seine Vorträge. Denn hinter den Gipfelbesteigungen steckt eine beinharte Marketingmaschinerie. Doch die Vermarktung wird zunehmend schwieriger, da die höchsten Berge längst bestiegen sind und somit nur mehr besondere Rekorde von Interesse sind. Die Alpinprofis greifen daher zu allerhand Tricks, um ihre Gipfelbesteigungen öffentlichkeitswirksam zu verpacken - und täuschen mitunter auch. Kammerlanders Konkurrent um die "Seven Second Summits", der Österreicher Christian Stangl, hatte im Sommer 2010 für den Aufreger im Bergsportlager gesorgt.

Stangl hatte behauptet, den 8611 Meter hohen K2-Gipfel erreicht zu haben und präsentierte als Beweis eine Selbstaufnahme auf der hauptsächlich sein Kopf zu sehen war. Die plumpe Fälschung flog bald auf, doch Stangl war sich nicht zu schade nach billigen Ausflüchten zu suchen. "Ich arbeite als Sportler schon seit Jahren mit Visualisierungs-Prozessen und erreichte am K2 einen tranceartigen Bewusstseinszustand. Ich war der Überzeugung, auf dem höchsten Punkt zu stehen", lautete seine wirre Erklärung. In Wahrheit war die Aufnahme unweit des Basislagers entstanden.

(red)

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5 Kommentare
Gast: Fredl99
13.04.2012 21:54
0

""Lügner" ist da nicht angebracht

Wer selber schon man in den Bergen war, weiß vielleicht, dass es nicht immer einfach ist den höchsten Punkt wirklich genau zu Treffen.

Wenn man dort oben steht und zum Nachbargipfel schaut, kommt der einem vielleicht sogar niedriger vor (obwohl er höher ist).

Die von www.bergsteigen.at (in deren Forum hat die Diskussion angefangen) haben das etwas neutraler formuliert ...

Gast: empörterSchreiber
13.04.2012 19:04
2

Mit Stangl vergleichen?

Ist die Presse jetzt die Kronenzeitung, dass sie Kammerlander mit dem Betrüger Stangl auf eine Stufe stellen will?

Das Wort "Lüge" im Titel ist einer Qualitätszeitung völlig unwürdig.

Antworten Gast: sun
13.04.2012 20:30
1

Re: Mit Stangl vergleichen?

die medien haben sich nicht mit befindlichkeiten zu befassen und zeigen daher fakten auf

Gast: b754
13.04.2012 17:49
2

doping und betrug im spitzensport ist die regel nicht die ausnahme


mit stangl nicht zu vergleichen

ich nehm ihm die geschichte ab, dass er es tatsächlich nicht gewusst hat.

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