Markus Rogan: „Berühmtheit ist die Droge von heute“

Wie eine Briefmarke Markus Rogans Selbstwertgefühl veränderte, warum Österreichs erfolgreichster Schwimmer vor den Olympischen Sommerspielen in London panische Angst hat und er deshalb seine Familie ignoriert.

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(c) APA

Debrecen/Wien. Als das Mikrofon weitergereicht wird und in seine Hände gelangt, ist er voll in seinem Element. Markus Rogan teilt sich gerne mit, er beantwortet Fragen wie immer mit Begeisterung. Er genießt diese Aufmerksamkeit. Das ist an jenem Freitagvormittag in Wien nicht anders. Der Schwimmverband lädt anlässlich der Europameisterschaft im ungarischen Debrecen, die am Dienstag für Rogan mit dem Rennen über 200 Meter Lagen beginnt, zum PR-Termin. Und Rogan steht wieder im Mittelpunkt des medialen Interesses. „Ich werde das schon vermissen“, sagt der 30-Jährige und lässt den Blick durch den von Journalisten gefüllten Raum schweifen.

Es ist höchstwahrscheinlich, dass Österreichs erfolgreichster Schwimmer nach den Olympischen Spielen seine Badehose endgültig in den Trockner wirft. In London will sich Rogan in Form einer Medaille für vier Jahre Schinderei noch ein letztes Mal selbst „verarzten“. Denn der Stachel der Pekinger Enttäuschung sitzt immer noch tief. 2008 reiste er als amtierender Weltmeister und Topfavorit zu den Spielen, um als Vierter über 200 Meter Rücken die größte Enttäuschung seiner Laufbahn zu erleben. „Damals habe ich mich selbst viel zu geil gefunden“, sagt Rogan heute. Eine ihm zuvor gewidmete Briefmarke und ein zur Verfügung gestellter Luxuswagen trugen ihren Teil dazu bei.

Die Droge des kleinen Mannes

Rogan ist überzeugt davon, als Mensch gereift zu sein und hätte dennoch nichts gegen eine weitere Briefmarke. „Du weißt, dass so etwas deinem Ego schadet, findest es aber trotzdem geil.“ Der Wiener ist eben gerne eine Person des öffentlichen Interesses. Für den Modellathleten mit intellektuellem Charme bräche eine Welt zusammen, würde sich daran irgendwann etwas ändern. Der Drang nach Aufmerksamkeit ist eine regelrechte Sucht, ein ständiges Verlangen. „In den 60er-Jahren gab es Marihuana, in den 80ern Kokain. Die Droge von heute ist Berühmtheit“, erklärt Rogan im Interview mit der „Presse“. Die Droge für den kleinen Mann seien demnach Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter. „Warum diese Dinge funktionieren? Weil wir alle glauben, wir sind wichtig.“

Der Sportler Rogan ist wichtig genug, um nicht darauf angewiesen zu sein, auf Facebook sein Leben mit dem Rest der Welt teilen zu müssen. Der Wahl-Amerikaner hat eines gelernt: „Es geht nie um dich als Person, sondern um dich als Schauspieler. Ich spiele als Schwimmer eine Rolle, wie ein Burgschauspieler.“ Diese Bühne möchte Rogan keinesfalls missen. Am liebsten wäre ihm, der Lichtkegel nach dem Olympiafinale über 200 Meter Lagen am Abend des 2. August wäre nur auf ihn gerichtet.

Zehn Wochen vor seinem vielleicht letzten Rennen schwimmt der 33-fache Medaillengewinner bei Großereignissen der ersehnten Form hinterher. Dementsprechend groß sind seine Sorgen. „Ich habe panische Angst vor dem Start“, fürchtet Rogan den Untergang im Aquatics Centre zu London. Das Warten auf den Startschuss sei für ihn die reinste Tortur. „Ich schlafe schlecht, mir schmeckt das Essen nicht. Ich ignoriere sogar Freunde und Familie.“

„Wir sind Adrenalin-Junkies“

Trotzdem, es ist die Angst vor dem Versagen, die ihn im Becken weiter vorantreibt. Geistig und körperlich sei er dadurch voll da, er spüre sich selbst, sagt er. Und illustriert es. „Wenn man von einem hohen Gebäude herunterblickt, ist man in dieser einen Sekunde voll präsent. Sportler brauchen genau diesen Kitzel. Wir sind Adrenalin-Junkies. Oder warum fährt Marcel Hirscher so schnell mit dem Auto?“

Bei der Europameisterschaft, die für Rogan am Dienstag beginnt, kann er einen Hauch Zuversicht gewinnen. Es warten aber weder Briefmarken noch ein schicker Luxuswagen. Gut so.

Auf einen Blick

Markus Rogan startet heute bei der Schwimm-EM in Debrecen, Ungarn, über 200 Meter Lagen. Er erhofft sich nicht nur den Finaleinzug, sondern auch Aufschlüsse über Form, Wohlbefinden und Konkurrenz. Vor den Olympischen Spielen in London (ab 27. Juli) plagt ihn jedoch die Ungewissheit. Er hat Angst zu versagen.

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