Novara. Markerschütternde Schreie gellen durch die Halle, Bambusschwerter knallen auf einander, einen Sekundenbruchteil später auch die Kämpfer in ihren martialisch anmutenden Rüstungen. Bei der Weltmeisterschaft im Kendo, dem japanischen Schwertkampf, schenken sich die Teilnehmer nichts. Wer sich zurückdrängen lässt, riskiert, dem Gegner eine neue Angriffschance zu bieten. Männer und Frauen gleichermaßen kämpften am Pfingstwochenende bei hochsommerlichen Temperaturen im italienischen Novara mit voller Konzentration um ihre jeweiligen Titel, die nur alle drei Jahre zu erringen sind. Dabei kam es vor allem auf Technik und Geschwindigkeit an. Brachiale Kraft führt im Kendo nicht zum Erfolg. Dennoch ging durch Körpereinsatz genug Bambus während der drei Tage zu Bruch.
Schon während der Einzelbewerbe kochten die Emotionen in der stickigen Halle hoch. Trotz mehrfacher Bitten der Organisatoren, die Konzentration der Kämpfer nicht durch Schlachtgesänge und Zwischenrufe zu stören, gab es immer wieder aufbrandenden Jubel und lautstarke Ermutigungen der jeweiligen Landsleute. Japanische Zurückhaltung gegen den europäischen Fangedanken - letzterer siegte dann doch. Dafür konnte Japan erneut seine Dominanz gegenüber den anderen 47 Nationen demonstrieren. Alle Bewerbe (Einzel und Team zu fünf Kämpfern, jeweils nach Männer und Frauen getrennt) gingen an das Geburtsland des Kendo. Die besten Europäer im Teambewerb waren bei den Frauen Deutschland (3. Platz) und Frankreich, die sich im Viertelfinale eine intensive Schlacht mit Korea (letztendlich 2. Platz) lieferten. Bei den Herren hielten die Ungarn als letztes europäisches Land durch (3. Platz ex aequo mit den USA), Platz zwei ging wieder an Korea.
Schwierige Aufbauarbeit
Nicht umsonst als Kampfsport bezeichnet, leitet sich Kendo von den alten Samurai ab. Die moderne Variante, bei der Kämpfer mit einem Bambusschwert, "Shinai" genannt, auf vier Trefferflächen der Rüstung ("Bogu") schlagen müssen, entstand im 19. Jahrhundert in Japan und kam nach dem Zweiten Weltkrieg auch nach Europa. Rund 30.000 Aktive sind hier bei der European Kendo Federation (EKF) registriert, berichtet deren Präsident Alain Ducarme. Der Belgier hat selbst in den 1970er-Jahren mit Kendo begonnen. "Bis wir leistungstechnisch auf einer Stufe mit Japan stehen können, vergehen noch mindestens 15 Jahre", sagt Ducarme. Das liegt auch an der Masse der verfügbaren Sportler. Er schätzt, dass die Zahl der aktiven Kendoka, wie praktizierende Kämpfer bezeichnet werden, in Japan bei einer Million liegt. Europa müsse noch viel mehr Aufbauarbeit leisten.
In dieselbe Kerbe schlägt auch Harald Hofer, Präsident der Austrian Kendo Association (AKA), die rund 300 Mitglieder zählt. "Expansion ist Schwerpunkt meiner Arbeit", sagt der Linzer. Nur mit der nötigen Masse könne man gewisse Dinge erreichen. Von eigenen Trainingshallen, wie sie in Japan üblich sind, sind die heimischen Vereine etwa noch weit entfernt. Die Leistung des österreichischen Nationalteams bei der inzwischen 15. Kendo-Weltmeisterschaft wertet Hofer als "aufsteigend". In Titelnähe gelangten die heimischen Kämpferinnen und Kämpfer allerdings nicht. In der Vorrunde war aufgrund starker Konkurrenz schon Schluss.
Ein Hindernis für die Verbreitung von Kendo ist auch der Sport selbst. Er ist für nicht eingeweihte Zuschauer nur schwer zu begreifen, das Erlernen setzt viel Geduld voraus. Im Gegensatz zu Volkssportarten wie Fußball ist die Lernkurve sehr flach. Und neben dem Erlernen der Techniken und des Körpertrainings versteht sich Kendo auch als Persönlichkeitsschulung, zu der auch gewisse Verhaltensregeln während des Trainings gehören. Die koreanischen Kämpfer halten diese Etikette nicht so hoch, was sich durch unsportliches Verhalten während des Bewerbs zeigte. Wer den Sport ausüben will, sollte auch bereit sein, über Jahre hinweg an sich selbst zu arbeiten. Das sei nicht jedermanns Sache, müssen Ducarme und Hofer beide zugeben. Der österreichische Verbandschef sieht das aber nicht unbedingt als Nachteil. "Kendo ist eine kleine, sehr vertraute Gemeinde. Man kennt sich weltweit."
Dass der japanische Traditionssport in Österreich je beliebter als Ballsportarten werden könnte, ist unwahrscheinlich. Zur Weltmeisterschaft reisten dennoch mehrere heimische Fans in die ausverkaufte Halle in Novara. Auch wenn die Ereignisse sich frei nach dem berühmten Fußball-Zitat entwickelten: "... und am Ende gewinnt Japan." Bis auf eine Ausnahme in der Geschichte des modernen Kendo stimmt das auch. 2006 musste sich Japans Team nur mit einem dritten Platz begnügen, während die Koreaner, die bis dahin seit 1988 immer nur Silber holten, erstmals den Sieg errangen. Dass aber auch für Japanerinnen und Japaner ein Sieg im Kendo nicht selbstverständlich ist, zeigten die tränenreichen Gesichter nach den Finalkämpfen.

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