Der Applaus, er kam von Menschen in drei Etagen, als Mark Webber die Red Bull Energy Station betrat. Die Welt, in der er auch in der sechsten Saison manchmal noch ein bisschen wie ein Fremdkörper wirkt: dafür ist er manchmal zu kratzbürstig, zu kauzig; und seine Freundin, seine um ein gutes Jahrzehnt ältere Managerin Ann, entspricht auch nur bedingt der „perfekten Welt“, von der man bei Red Bull so gerne spricht.
Auf der Kappe von Mark Webber steht die Nummer 2, aber gerade hier – wo er einst mit dem Satz „Not bad for a number two driver“ für Aufsehen gesorgt hatte – ist er die Nummer 1. Er hat am Sonntag den Grand Prix von England gewonnen, zum zweiten Mal. Überraschend und doch logisch. Denn trotz Jude Law und Hugh Grant und allen möglichen aus London herbeigeshuttelten Model-Schönheiten ist und bleibt Silverstone ein Rennen der Arbeiter.
Der klassische Spätstarter
Die Kurven tragen noch immer die gleichen Namen wie vor 50 Jahren und die Tribünen sind selten überdacht, und wer ein echter Fan ist, der steht eben stundenlang im Regen, so wie er davor genauso lange im Stau gesessen ist. Am Ende schien aber dann sogar die Sonne. Erst recht für Webber, den Sohn eines Tankstellenpächters aus Australien, der hier jeden Schleichweg zur Strecke kennt: „Ich war 16, als ich in die Gegend gekommen bin, tausende Kilometer von daheim entfernt.“
Mark Webber war seine ganze Karriere immer irgendwie ein bisschen zu spät dran, als er in die Formel 1 kam, war er älter als es Vettel jetzt als Doppelweltmeister ist. Seit Jahren werden seine Verträge nur mehr auf ein Jahr abgeschlossen, weil man sich bei Red Bull nicht mehr sicher ist, ob er es noch bringt – und weil man Platz freihalten will, falls wo ein neuer Vettel angeflogen kommt.
„Es kann sein, dass sich meine Position jetzt verändert hat“, grinst er bescheiden, „und sich meine Chance verbessert hat, hier in der Formel 1 zu bleiben.“ Mark Webber ist einer, der schon oft aufgeben wollte – er dachte an Rücktritt 2006 bei Williams und 2011 bei Red Bull, als ihm Vettel um die Ohren fuhr. Doch die neue Reifengeneration kommt seinem Stil besser entgegen, er kann in der Kurve aggressiver rangehen. „Im Vorjahr war ich manchmal echt schlecht“, gibt er zu.
Seine Leistungskurve bleibt ein Rätsel. Er hat in Monaco gewonnen und nun hier, nach einem großartigen Zielsprint gegen Fernando Alonso. Dazwischen sind aber viele langweilige Rennen auf vierte Plätze und Debakel gegen Vettel. Dann wieder demoliert er den Deutschen in einzelnen Kurven regelrecht oder wie hier im gesamten zweiten Sektor, Runde für Runde.
Turnaround
Plötzlich ist es Webber, der entscheidet, ob Webber bleibt. Das Red-Bull-Nachwuchsprogramm stockt seit Jahren und nach Alguersuari und Buemi sind es nun Ricciardo und Vergne, die bei Toro Rosso nicht die Zeiten fahren, die sie zu ernsthaften Red-Bull-Racing-Kandidaten machen. So kokettiert nun Webber damit, noch einmal die Farben zu wechseln: Er bringt sich bei Ferrari ins Gespräch (dank seiner Freundschaft zu Fernando Alonso), bei McLaren (falls Hamilton weggehen sollte) und wäre auch ein potenzieller Schumacher-Erbe bei Mercedes. So ist es nun Red Bull, das die Verhandlungen beschleunigen muss: Erst Dr. Helmut Marko und nun Christian Horner, beide Alpha-Tiere im Team haben sich für eine weitere Verlängerung ausgesprochen und Sebastian Vettel ist es mehr oder weniger egal. Webber: „Mit einem Teamkollegen kann man sowieso nicht befreundet sein.“
So wie sich das Wetter in Silverstone nach tagelangen Niederschlägen wieder besserte, scheint auch in der Webberschen Karriereplanung wieder die Sonne: „Ich spüre wieder diesen Willen.“ Und den Traum, Weltmeister zu werden. Die Chancen stehen gut. „Seit Valencia spüren wir das Auto besser. Wir haben begonnen, den RB8 zu verstehen“, sagt Mark. Das letzte Aerodynamik-Update von Superhirn Adrian Newey könnte der Joker im WM-Duell sein, mehr als einem das im Regenchaos-Qualifying von Silverstone bewusst geworden ist. Auch die Fahrer wühlen in der Psycho-Trickkiste, selbst die, die sich mögen. Webber: „Alonso ist in der WM nur vorne, weil er nie Pech hatte und immer das bestmögliche Resultat herausholen konnte.“
Ergebnis des Grand Prix von Großbritannien:
1. Mark Webber (AUS) Red Bull 1:25:11,288
2. Fernando Alonso (ESP) Ferrari 3,060
3. Sebastian Vettel (GER) Red Bull 4,834
4. Massa (BRA) Ferrari 9,519 5. Räikkönen (FIN) Lotus 10,314 6. Grosjean (FRA) Lotus 17,101 7. Schumacher (GER) Mercedes 29,153 8. Hamilton (GBR) McLaren 36,463 9. Senna (BRA) Williams 43,347 10. Button (GBR) MCLaren 44,444.
Fahrer-WM: 1. Alonso (129) 2. Webber (116) 3. Vettel (100) 4. Hamilton (92) 5. Räikkönen (83).
Konstrukteurs-WM: 1. Red Bull 216 2. Ferrari 152 3. Lotus 144 4. McLaren 142 5. Mercedes 98.
(APA)
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