Bernie Ecclestone und Jean Todt, die beiden mächtigsten Männer der Formel 1, könnten sich auf Augenhöhe begegnen: Bernie Ecclestone ist 158 cm groß, Todt 159. Bloß: Sie wollen sich möglichst wenig sehen, und wenn es denn sein muss, dann nach ihren eigenen Regeln. In Istanbul gab es etwa vor Jahren ein diplomatisches Desaster, weil Todts Adjudanten betonten, dass der Präsident des Internationalen Automobilverbandes (FIA) darauf Wert lege, im selben Stock des Streckengebäudes zu residieren wie Ecclestone und in einem gleich großen Büro. Nur dass es kein gleich großes Büro gab. Man muss sich vertraut machen mit diesen kleinen Scharmützeln, um kursierende Verschwörungstheorien interpretieren zu können.
Todts Vorgänger war Max Mosley, ein Freund Ecclestones. Gemeinsam hatten die beiden die Formel 1 nach Belieben regiert. Als Mosley nach diversen Affären zurücktrat, kam Ex-Ferrari-Teamchef Todt ans Ruder. Der kalte Krieg zwischen dem englischen und dem französischen Alphatier war unvermeidlich. Und in einer der öffentlicheren Runden dieses Duells kommt nun das österreichische Weltmeisterteam ins Spiel. Red Bull gilt als Ecclestone-Team. Immer wieder sieht man Bernie Ecclestone mit Sebastian Vettel scherzen, Dietrich Mateschitz, der wie Ecclestone oft mit Harti Weirathers Agentur zusammenarbeitet, gilt als Partner mit Handschlagqualität. Das mag Ecclestone: Wenn er Geld zu verteilen hat, wird Red Bull großzügig bedacht.
Doch die Macht im Daily Business, sie liegt bei der FIA, der obersten Behörde. „Ferrari International Assistance“ wird sie im Umfeld von Mateschitz genannt, denn bei Red Bull fühlt man sich verfolgt: Immer wieder würde die FIA im Zweifel gegen Red Bull und für Ferrari entscheiden. Zuletzt in Hockenheim, als Vettel für sein Überholmanöver gegen Jenson Button eine Zeitstrafe ausfasste und auf Platz fünf zurückfiel. „So was ist wie eine Todesstrafe bei Hühnerdiebstahl“, sagte Red Bulls Motorsportdirektor Helmut Marko, selbst Jurist. Kimi Räikkönen etwa sei bei einer ähnlichen Situation 2009 in Spa nicht bestraft worden – als er bei Ferrari fuhr.
Die neutralen Meinungen sind geteilt: Sogar McLaren-Geschäftsführer Jonathan Noble hält die Methoden der FIA gegen Red Bull für „ungewöhlich“. Am Sonntag hat Red Bull aber einen guten Draht zum Renn-Steward der FIA: Danny Sullivan arbeitete einst selbst für den Konzern aus Fuschl.
Am Freitag war McLaren-Pilot Lewis Hamilton in beiden Trainings der Schnellste. Michael Schumacher überstand bei regennasser Strecke einen frontalen Aufprall seines Mercedes in einen Reifenstapel unbeschadet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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