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Formel-1: Schumachers "Wohnzimmer"

01.09.2012 | 18:14 |  von Markku Datler (Die Presse)

Michael Schumacher und Spa sind unzertrennlich. In den Ardennen begann seine Formel-1-Karriere, dort feierte er auch seinen ersten Sieg, den siebenten WM-Titel und fährt nun den 300. GP.

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Es gibt Rennstrecken, die inspirieren Rennfahrer ungemein. Dort fühlen sie sich auf Anhieb wohl, und im Lauf der Jahre merken sie sich sogar jede Bodenwelle oder jeden Kanaldeckel. Ayrton Senna konnte etwa als sechsfacher Rekordsieger den Stadtkurs von Monte Carlo mit verbundenen Augen absolvieren, und auch Hermann Maier könnte heute noch blind über heikle Streckenabschnitte auf der „Birds of Prey“-Piste in Beaver Creek referieren.

Macht der Formel-1-Tross aber in Spa-Francorchamps Station, gibt es niemanden, der mehr über die Strecke in den Ardennen zu erzählen weiß als Michael Schumacher. Es ist sein Ring, hier fing für den Deutschen Rekordchampion 1991 alles an, in Spa krönte er sich zum siebenten Mal als Weltmeister. In Spa ist er der Hausherr. Es ist sein „Wohnzimmer“, und am Sonntag bestreitet er hier nun auch seinen 300. Grand Prix.


Der Mythos.
Immer dann, wenn der Kerpener in Spa in seinen Rennwagen klettert, geht ihm die Geschichte des Belgiers Bertrand Gachot durch den Kopf. Hätte er 1991 nicht einen Taxifahrer mit einem Reizgasspray attackiert, wäre Schumacher womöglich nie in die Formel 1 gekommen. Gachot saß deshalb am Rennwochenende in Haft, Teamchef Eddie Jordan musste reagieren und es riskieren, einen 22-jährigen „deutschen Nobody“ in sein Cockpit zu setzen. Schumacher nützte seine Chance. Er wurde auf Anhieb Siebenter im Qualifying und schrieb auch im Rennen Schlagzeilen – es war nach knapp 300 Metern mit einer defekten Kupplung vorbei.

Spa, einer von Lütticher Aristokraten ausgetüftelten Strecke im Dreieck von Francorchamps, Malmedy und Stavelot, konnte die Modernisierungswelle in der Formel 1 nichts anhaben. Noch immer ist die Eau-Rouge-Kurve ein magischer Eckpfeiler des knapp sieben Kilometer langen Kurses, und trotz aller Beteuerungen nach deren baulicher „Entschärfung“: Jeder Fahrer nimmt sie immer noch mit Vollgas und dem dementsprechenden Adrenalinschub. Auch Michael Schumacher, der nun – 21 Jahre nach seinem ersten Auftritt – 44 Jahre alt, zweifacher Familienvater und siebenmaliger Champion ist.


Viele Fragezeichen. Michael Schumacher scheint die Zeit ebenfalls nichts anzuhaben. Er gerät zwar ob enttäuschender Auftritte im Mercedes-Team zusehends in die Kritik, er fährt aber nahezu unbekümmert weiter. Ob es der Kampf eines 44-Jährigen gegen sich selbst, die nächste Fahrergeneration oder die Moderne der Formel 1 ist, kann nicht einmal er selbst beantworten. Bei Jordan, Benetton und Ferrari stand er ausnahmslos im Rampenlicht. Seit seinem Comeback 2010 muss er sich mit Mercedes plagen. Sein Mythos verblasst, bislang stand er in 49 Rennen nur ein Mal auf dem Podest – er wurde diese Saison Dritter in Valencia.

Aber ein ganz anderer Aspekt muss einem Rennfahrer doch zu denken geben. Seine größten Konkurrenten in der Formel 1 waren Ayrton Senna, Damon Hill, Jacques Villeneuve, Mika Häkkinen, David Coulthard oder Juan Pablo Montoya. Zuletzt musste er sich gegen Kimi Räikkönen und Fernando Alonso behaupten, und nur noch dieses Duo ist neben ihm auf den Rennstrecken der Gegenwart unterwegs. Und sie lassen ihn oftmals „alt“ aussehen. „Ich zweifle ständig an mir“, sagte er unlängst in einem Interview und ließ hinter seiner Zukunft, die mit einer Unterschrift unter den neuen Vertrag besiegelt sein dürfte, ein Fragezeichen. „Mit dem Alter hat es nichts zu tun. In diesem Jahr kämpfen wir nicht mehr um die WM. Mal schauen.“

Alles gerät aber in Vergessenheit, wenn Schumacher an diesem Sonntag sein 300. Rennen bestreitet. Nur noch sein ehemaliger „Wasserträger“, der Brasilianer Rubens Barrichello, liegt vor ihm. Er hat 322 Rennen in der „Königsklasse“ geschafft, und irgendwie werden Beobachter den Eindruck nicht los, als würde abermals eine „Stallorder“ dazu führen, dass Barrichello wie 2002 in Spielberg die Führung an Schumacher abgeben muss. Formel 1, Industrie und Sponsoren brauchen Typen wie Schumacher, also lassen sie ihn weiterfahren.

„Meine Karriere kreist um Spa“, sagt Schumacher, der Rennen als Selbstbestätigung empfindet und sich damit zufriedengibt, wenn er feststellt, das Optimum aus dem Auto herausgeholt zu haben. Das eine oder andere Highlight, also einen Sieg, „würde ich schon gern noch erleben“, fügt er hinzu. Nur erzwingen könne man nichts, nicht einmal er, der Rekordchampion.

Ewig lockt der Sieg. Der erste Sieg seit seiner Rückkehr würde Vertragsverhandlungen mit Mercedes oder Geldgebern nicht maßgeblich beeinflussen. „Siege kann man nie genug haben, aber es geht hier um beste Perspektiven und nicht um den besten Einzelerfolg“, erklärte Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug der Nachrichtenagentur DPA. Das klang aber keineswegs glaubwürdig, denn es ist ungefähr drei Jahre her, dass Teamchef Ross Brawn bei Schumacher vorfühlte, ob er bei Mercedes einsteigen wolle. Der Brite war an allen sieben WM-Titeln beteiligt und wird dennoch nicht unruhig angesichts der Tatsache, dass sein Rennstall im Vergleich mit Ferrari, Red Bull oder McLaren ins Hintertreffen gerät. Auch, dass Nico Rosberg in China den ersten Sieg der Silberpfeile erringen konnte, ist nur ein schwacher Trost in diesem Spiel. Laut aussprechen will es niemand, aber es ist Faktum: Jeder wartet fieberhaft auf einen Schumacher-Sieg. Er ist überfällig, er wäre befreiend für Team, Fahrer und Bernie Ecclestone. Und wo, wenn nicht in Spa, soll er gelingen...

(c) Die Presse / GK

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Schumi & SPA
300

1991: Er erhält bei Jordan das Cockpit – Aus im Rennen nach 300 Metern.

1992: Schumacher gewinnt in Spa seinen ersten Formel-1-GP.

1994: Der Kerpener siegt – und verliert. Die Bodenplatte des Benetton entspricht nicht dem Reglement.

1995: Schumacher patzt im Qualifying, er wird nur 16. – und gewinnt trotzdem.

1996: Es ist sein „Wohnzimmer“ – er siegt abermals.

1997: Er schafft den Sieges-Hattrick.

1998: Schumacher und Coulthard krachen zusammen. Ferrari-Mitarbeiter halten ihn von der Schlägerei ab.

2001: Schumachers 52. GP-Sieg.

2002: Wieder ist er unschlagbar.

2004: Schumacher fixiert in Spa seinen siebenten WM-Titel.

2011: 20. Jahrestag seines F1-Debüts. Er startet als Letzter, macht 19 Plätze gut und wird Fünfter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

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2 Kommentare

I-Tüpferl Reiter...

...bin ich als F1 Fan:

Bertrand Gachot war Belgier, die Stallorder-Farce mit Barichello passierte 2002 in Spielberg.

Re: I-Tüpferl Reiter...

Danke für den Hinweis, ist korrigiert!

Die Formel-1-Saison 2013