Ein Formel-1-Wochenende ohne dröhnende Motoren. Rennen, in denen es in der Boxenstraße nicht nach Benzin riecht. Stattdessen bewundern Zuschauer vorbeisummende Elektroautos. Nachgetankt wird ohnehin nicht mehr, dafür kommen die E-Boliden jede Viertelstunde an die Box und werden an die Steckdose angeschlossen. Was für PS-Fans und „Benzinbrüder“ wie ein schlechter Horrorfilm klingt, erscheint Umweltschützern und so manchem EU-Politiker gar nicht mehr so abwegig. Ab 2014 soll die Formel E der Formel 1 den Kampf „ansummen“.
Publik wurde diese Innovation, die von EU-Kommissar Antonio Tajani und FIA-Präsident Jean Todt vor wenigen Wochen in Paris bereits besprochen worden sein soll, am vergangenen F-1-Wochenende in Spa. Ein Sprecher Tajanis bestätigte einen Bericht der „Financial Times“. Eine E-Serie sei geplant, auf den gleichen Strecken, auf denen die Formel 1 seit Jahrzehnten ihre Runden dreht. Dafür umweltschonend, sparsam – und somit noch steriler als Bernie Ecclestones PS-Zirkus ohnehin schon wirkt.
Elektroautos dominieren die Planungen von Industrie und Politik, der Rennsport könnte somit insofern erneut als dienliches „Versuchskaninchen“ verwendet werden. Wurden ESP, Airbag, Allrad etc. zuerst in der Rallye-WM getestet, ehe es in Alltagsfahrzeuge eingebaut wurde, könnte nun benzinfressenden Ungetümen der Kampf mit simplen Strom-Boliden angesagt werden. Der „grüne Anstrich“, den sich die Formel 1 auf die Chassis geklebt hat in Form von Energierückgewinnungssystemen wie Kers, genügt nicht mehr den Ansprüchen des Autombilweltverbandes.
Diese geplante Formel E schreckte nicht nur Fahrer wie Jenson Button auf, sondern naturgemäß auch Hersteller. Während der Brite noch darüber ätzte, bei der Inbetriebnahme dieser Serie „endlich keine Ohrstöpsel mehr zu brauchen“, schlug etwa Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo ganz andere Töne an. „Als ich davon hörte, dass wir Elektroautos in der Formel 1 haben könnten, dachte ich, das sei ein Witz“, ließ der Italiener in einem Interview mit „CNN“ seinen Bedenken freien Lauf. „Das weckt keine Emotionen und ist kein Sport. Wir müssen nach vorn schauen, ohne unsere Kernpunkte aus den Augen zu verlieren.“
Rennen in Metropolen. Trotz seiner Bedenken könnte die Serie 2014 starten. 240 km/h würden dann als Höchstgeschwindigkeit ausgelobt werden. Batterie halten 15 Minuten, das Rennen dauert eine Stunde und führt aktuelle Boxenstopp-Strategien ad absurdum. Auch gibt es Pläne, wo diese Rennen stattfinden werden. Es sollen mindestens zehn sein, Metropolen wie Hongkong, Shanghai, Peking, Mumbai, Sydney, Kapstadt, Moskau, Mexico City, Los Angeles und Rio de Janeiro sind im Gespräch.
„Dann würden wir die Zuschauer hören und nicht mehr die Zuschauer uns“, sagt Rekordchampion Michael Schumacher und Button pflichtete bei: „Der Sound ist das Erste, was man mitbekommt und auch hören will, wenn man zu einem Rennen fährt. Oder nicht?“
Vorteil Hamilton. Beim Qualifying für den GP von Monza (Start: 14 Uhr, ORF1, RTL) spielten diese Zukunftsvisionen keine Rolle. McLaren setzte sich gegen die Konkurrenz durch, Lewis Hamilton sicherte sich die Poleposition vor Jenson Button. Eine Überraschung gelang auch dem bei Ferrari schwer kritisierten Felipe Massa. Er wurde Dritter und Fernando Alonso nur enttäuschender Zehnter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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