In den Straßen von Singapur herrschen strikte Regeln. Zigarettenstummeln dürfen nicht so einfach lieblos weggeworfen werden, wer es trotzdem tut, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Ebenso ist das Anlegen des Sicherheitsgurts Pflicht und die Benützung des Handys während der Fahrt strikt verboten. Wer es missachtet und in der „Stadt der Strafen“ erwischt wird, kann dafür sogar ins Gefängnis wandern. Auch beim seit 2008 ausgetragenen Formel-1-GP stehen „Fines“ an der Tagesordnung – das spektakuläre Nachtrennen darf unter keinen Umständen gestört werden.
Vor dem heutigen Scheinwerfer-GP (Start 13.30 Uhr MESZ, ORF1, RTL) auf dem Marina-Bay-Street-Circuit ist von Ruhe in der Red-Bull- und Lotus-Box aber keine Spur. Vor dem Nachtrennen sorgt weiterhin just die Lichtmaschine für Zündstoff. Bereits sechsmal in dieser Saison streikte der von Magneti Marelli produzierte Generator, der alle elektrischen Geräte an Bord mit Energie versorgen soll. In Valencia und zuletzt in Monza traf es Doppelweltmeister Sebastian Vettel.
Ein Generator um 3000 Euro. Ohne diese Ausfälle, wie zuletzt beim GP von Monza, hätte der Deutsche 33 Punkte mehr auf dem WM-Konto und damit im Kampf gegen Fernando Alonso um die WM-Krone weitaus weniger Sorgen. Just in Singapur kommt diesem Generator große Bedeutung zu: Tropische Hitze und Regen machen Motor und Fahrzeug extrem zu schaffen.
Die Gefahr einer weiteren Panne ist gegeben, denn laut Angaben von Renault war die Ursache dieser Defekte bis zum Start des Qualifyings noch nicht restlos geklärt. Es mutet eigentlich kurios an, dass just in der Formel1, einem Sport, in dem Geld schlichtweg keine Rolle spielt, eine Lichtmaschine, die einen Listenpreis von knapp 3000 Euro aufweist, das pompöse Lichtspiel trübt.
Hinter den Kulissen ist ob der technischen Mängel ein Machtkampf entbrannt. Der Generator ist eines der Puzzleteile, die Red Bull im Vergleich zur Konkurrenz ins Hintertreffen geführt haben. Offenbar scheinen Ferrari oder „McLaren Electronic Systems“ besseres Equipment einzusetzen. Auch haben sie mit Chassis-Änderungen etwaige Nachteile im aerodynamischen Bereich vor Saisonstart kompensiert.
Vorwiegend erregt die Lichtmaschine derzeit Aufsehen im Team von Vettel und Mark Webber – denn die Herstellerfirma beliefert auch die Scuderia. Dieses Detail soll Red-Bull-Chef Didi Mateschitz auf den Plan gerufen haben. „Ich will, dass sich Renault von Zulieferer Magneti Marelli trennt und einen anderen Lieferanten einsetzt“, wird Mateschitz von „Autobild Motorsport“ zitiert.
Renault soll das bislang abgelehnt und in Red Bulls Teamzentrale in Milton Keynes, 87 Kilometer von London entfernt, für rauchende Köpfe gesorgt haben. Die italienische Firma ist sich keiner Schuld bewusst, sagt Chef Robert Galla. „Unsere Teile funktionieren! Wir können nur sagen, dass es wahrscheinlich wegen der außergewöhnlichen mechanischen Belastung, der es ausgesetzt war, kaputtgegangen ist.“
Ein schwacher Trost. McLaren gab zuletzt das Tempo in der Formel 1 vor. Lewis Hamilton gewann in Budapest und in Monza, Jenson Button in Spa-Francorchamps und auf dem Singapur-Kurs muss auch mit Fernando Alonso gerechnet werden. Der Spanier spendete Vettel bei der Ursachenforschung zwar Trost, „er hat doch schließlich das Fahren nicht verlernt“, davon aber hat der Deutsche wenig. „Wir haben ein paar Ideen, es sollte besser werden“, sagt Vettel, den dennoch die Ungewissheit zu irritieren scheint. „Wenn wir wüssten, was der Fehler war, hätten wir ihn doch schon nach dem ersten Mal behoben.“
Millionen Euro
soll das Saisonbudget des Red-Bull-Teams 2012 ausmachen.
Angestellte
arbeiten für das Team, das zuletzt zweimal in Serie die Fahrer- und Konstrukteurs-WM gewonnen hat.
Euro
kostet eine Lichtmaschine, die alle elektrischen Geräte im Rennauto versorgt.
Mal
schied Sebastian Vettel in dieser Saison (Valencia, Monza) wegen einer defekten Lichtmaschine aus.
Punkte
soll der Deutsche damit verloren haben. Er ist vor dem Singapur-GP in der Fahrer-WM Vierter mit 140 Punkten. Alonso führt mit 179 Zählern vor Hamilton (142) und Räikkönen (141).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)
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