VALENCIA. Rita Barberá Nolla hat sich ein äußerst ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Bürgermeisterin der 850.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer will Valencia zu der Sportmetropole Spaniens machen. Rund eine Milliarde Euro nahm die Stadtregierung in den vergangenen Jahren in die Hand, um die Stadt herauszuputzen, weitere 500 Millionen Euro flossen in den Umbau des Hafens in eine gigantische Segel-, Freizeit- und Flaniermeile: Alles wurde bereitet für den America's Cup der Segler, der im Vorjahr dem Schweizerischen Syndikat Alinghi den Sieg brachte. Nun aber stockt das Segelunternehmen und die Formel1 des Wassers droht in endlosen Gerichtsverfahren verfangen, erst 2013 wieder in See zu stechen. Ein herber Rückschlag für Rita Barberá Nolla, die mit der nächsten Auflage des Segelklassikers schon im kommenden Jahr gerechnet hatte.
Aber die findige Politikerin hat längst ein weiteres Ass ausgespielt. Sie holte die Formel1 der Automobile um vergleichsweise läppische 26 Millionen Euro pro Jahr mitten in die Hafenstadt – und das, obwohl Bernie Ecclestone Rennen auf europäischem Boden laufend streicht, um in andere Märkte vordringen zu können.
Werften als Kulisse
Am Sonntag (14 Uhr, ORF1) feiert Valencia seine Premiere und verspricht einen spannenden Grand Prix, der zugleich eine Art Testlauf ist: Denn im kommenden Jahr soll in Valencia wie schon heuer in Singapur ein Nacht-Grand-Prix ausgetragen werden. Wie viele andere Strecken auch, stammt der Plan des gut fünf Kilometer langen Rundkurses in Valencia aus der Feder des deutschen Architekten Hermann Tilke. Leerstehende Lagerhallen im Hafenbereich integrierte er als Boxen und neben dem America's-Cup-Gelände mit den hochmodernen Bootswerften dienen die modernen Gebäude der Stadt als Kulisse.
Elf Links- und 14 Rechtskurven erwarten die Fahrer, die sich im Vorfeld nur über Computersimulationen ein Bild von der Strecke machen konnten. Dreimal werden die Boliden Geschwindigkeiten über 300 km/h erreichen, dramatische Momente verspricht auch die Startphase: Die erste Kurve bietet maximal vier Wagen nebeneinander Platz, weshalb viele Experten eine Karambolage befürchten und auch im weiteren Rennverlauf das Safety Car mehrmals auf der Strecke vermuten. Denn der Stadtkurs bietet kaum Auslaufzonen...
15 mm sind ein großes Problem
Während die Teams ohnehin kaum auf Daten zurückgreifen können, aber angesichts der vielen Kurven und der prognostizierten Höchsttemperaturen von jenseits der 40-Grad-Grenze mit einem besonders Reifen verschleißenden Rennen rechnen, bereitet eine Unebenheit in der Strecke besonderes Kopfzerbrechen: Der Kurs führt nämlich über eine Drehbrücke, die sich für den Schifffahrtsverkehr zur Seite schwenken lässt, und auf dieser ist der Fahrbahnbelag um 15 Millimeter höher. Also ergibt sich neben dem Spalt zwischen Land und Brücke auch noch eine nicht unbeträchtliche Höhendifferenz, die vor allem Reifenhersteller Bridgestone auf den Plan rief. Die Reifeningenieure verlangten eine Überprüfung durch den Weltautomobilverband FIA. Die Japaner, die vor elf Jahren in die Formel1 eingestiegen waren, und nun monopolistischer Reifenlieferant für die Königsklasse sind, feiern in Valencia ihren 200. Grand-Prix-Start und wollen sich dieses Jubiläum nicht durch Reifenschäden, die durch diese kleine Stufe möglicherweise am laufenden auftreten könnten, verderben lassen.
Vorentscheidung in der WM?
Der Grand Prix von Valencia, bei dem mehr als 100.000 Zuseher erwartet werden, könnte aber nicht nur Aufschlüsse geben, wer heuer die Weltmeistertitel davon tragen wird. (In der Fahrerwertung führt Lewis Hamilton/McLaren mit 62 Punkten vor Kimi Räikkönen/Ferrari, 57, Felipe Massa/Ferrari, 54 und Robert Kubica/BMW 49, in der Konstrukteurs-WM Ferrari/ 111 vor McLaren/100 und BMW/ 89). Es wird vor allem zeigen, welches Team am flexibelsten ist. Und am besten in der Lage ist, sich auf neue Situationen einzustellen. In der Szene rechnet man damit, dass Ferrari, wo es zuletzt intern eine heftige Schelte gegeben hatte, besser reagieren kann als der direkte Konkurrent McLaren. Allerdings präsentierten sich die Silberpfeile in den vergangenen Rennen als besseres Paket, die als Sieger aus den vergangenen drei Rennen in Silverstone, Hockenheim und Budapest gingen.
■Als Austragungsort des America's Cup der Segler erzielte Valencia größere Bekanntheit in Sportkreisen. Am Sonntag wird erstmals ein Formel-1-Grand-Prix in der Stadt an der Mittelmeerküste ausgetragen. Der Deutsche Hermann Tilke zeichnete die Pläne für die die 5,44 Kilometer lange Strecke.
■In der Fahrer-WM könnte sich der Brite Lewis Hamilton mit einem Sieg von der Konkurrenz etwas absetzen. Der McLaren-Pilot führt mit 62 Punkten vor Kimi Räikkönen/Ferrari, 57, Felipe Massa/Ferrari, 54, und Robert Kubica/BMW, 49. In der Konstrukteurs-WM führt die Scuderia Ferrari/111 vor McLaren/100 und BMW/89.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

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