„Silly Season“: Die Transfergerüchte der Formel 1

Vor dem Grand Prix in Silverstone und der nahenden Sommerpause beginnt in der Formel 1 immer die „silly season“. Gerüchte, Transfers und Kündigungen dominieren, Lobbying übertrumpft den Highspeed.

Schräglage oder optischer Fototrick? Mercedes-Star Lewis Hamilton fuhr in Silverstone zur 67. Pole Position seiner Karriere.
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Schräglage oder optischer Fototrick? Mercedes-Star Lewis Hamilton fuhr in Silverstone zur 67. Pole Position seiner Karriere.
Schräglage oder optischer Fototrick? Mercedes-Star Lewis Hamilton fuhr in Silverstone zur 67. Pole Position seiner Karriere. – APA/AFP/ANDREJ ISAKOVIC


Silverstone ist quasi das Spielberg Großbritanniens. Ein Nest mit knapp 2000 Einwohnern, das seine weltweite Bekanntheit einzig und allein der Rennstrecke verdankt. Zwischen Northampton und Oxford, vom F-1-Tross wegen Staus und beschwerlicher Anreise unbeliebt, drängen Jahr für Jahr die Massen zu diesem Grand Prix. 350.000 Zuschauer (Vergleich: 150.000 in der Steiermark) sollen es im Vorjahr gewesen sein, die Formel 1 zählt auf der Insel zu einem Kulturgut, seit 1950 dreht sie hier ihre Runden. Dass sie ein schwerst defizitäres Unterfangen ist, dem Streckenbetreiber und Veranstalter dennoch Millionenschulden aufbürden, ist die paradoxe Begleiterscheinung.

Ein Minus von 4,6 Millionen Euro bringt selbst Ringchefs und unermüdliche Optimisten wie die beim British Racing Drivers Club irgendwann zum Nachdenken. Sie beendeten dieses finanzielle Hasardspiel und kündigten zur Einstimmung auf den heute startenden England-GP (14 Uhr, ORF eins, Sky, RTL) kurzerhand den bis 2026 laufenden Vertrag. 18 Millionen Euro Mitgliedsbeitrag sind zu viel, zwei weitere Jahre bezahlt man trotzdem noch die Last. Aus Verbundenheit, das ist britischer Humor, aber auch, um Eigentümer Liberty Media ein Angebot zu machen. Die Formel 1 braucht diesen Markt wie einen Bissen Brot. Also kündigt man, um einen besseren Vertrag herauszuholen. Und wenn nicht, ist es auch gut – weil billiger.

In Silverstone erlebt die Formel 1 auch immer den Auftakt der „silly season“. Techniker, Teamchefs, Besitzer und Fahrer begeben sich auf Ausschau, das Personalkarussell beginnt sich zu drehen. Vor allem auf dem Fahrermarkt ist es ein heikles Spiel, denn nicht jedes freie Cockpit ist ein Gewinn. Es ist sowohl eine Preis- als auch eine Motorenfrage. Welches Team hat Chancen, Ferrari oder Mercedes zu fordern? Wer steigt ein, wer aus? Haben Österreicher eine Chance?

Fernando Alonso (35)
McLaren-Honda


Der Spanier, Weltmeister mit Renault 2005 und 2006, ist unglücklich mit seiner Rolle als Schlusslicht dieser Millionenshow. Der Honda-Motor ist eine Pein, McLaren stellte den Asturier bislang mit der kolportierten Gage von 20 Millionen Dollar sowie mit einem Ausflug zum Indy 500 zufrieden.

„Macht doch einfach, was ihr wollt“, funkt Alonso trotzdem zurück. Vier Ausfälle in neun Rennen, zwei mickrige WM-Punkte – Alonsos Abschied scheint damit endgültig besiegelt. Er hat mehrmals betont, zum Finale seiner Karriere noch einmal in einem siegfähigen Auto sitzen zu wollen, McLaren ist es (womöglich selbst mit Mercedes-Motoren) nicht. Seit 24. März 2013 haben nur drei Teams Rennen gewonnen: Mercedes, Ferrari und Red Bull. Bei allen drei Rennställen hat der Asturier aber keine Chance. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er entweder weiterfährt oder die Rennserie wechselt.


Kimi Räikkönen (37)
Ferrari


Der Finne ist ein weiterer Ex-Weltmeister, 2007 lenkte der stille Pilot aus Espoo die Scuderia zu ihrem bislang letzten Titel. Sein Vertrag läuft mit Saisonende aus, in Spielberg stellte ihm Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne die Rute ins Fenster. „Er muss mehr Engagement zeigen“, meinte der Topmanager. Allerdings, Sebastian Vettel schätzt Räikkönen, weil er sich nur um das Rennfahren kümmert und das Rampenlicht meidet.

Bei Ferrari könnte jedoch nur dann ein Cockpit frei werden, wenn die Italiener die Konstrukteurs-WM (letzter Sieg 2008) verpassen. Ist der Titel gewonnen, wird Marchionne – zum Wohlgefallen Vettels – nicht an der Fahrerpaarung rütteln. Ein Karriereende Räikkönens (F-1-Einstieg 2001 bei Sauber) ist auch möglich.

Max Verstappen (19)
Red Bull


Um den Oranje-Youngster kursieren die wildesten Gerüchte. Im Frust ob der verpatzten Saison mit fünf Ausfällen in den vergangenen sieben Grands Prix könnte der 19-Jährige sich dazu entschließen, einen vorzeitigen Ausstieg aus seinem Red-Bull-Vertrag anzustreben – heißt es.

RB-Teamchef Christian Horner bestätigte der „Presse“, dass Verstappen bleibt, „weil er einen gültigen Vertrag hat“.


Sergio Pérez (27)
Force India


Das vierte Jahr für Force India könnte für den Mexikaner das letzte sein. Renault ist seine Option, dort fuhr Jolyon Palmer längst auf das Abstellgleis. Auch Robert Kubica ist ein Kandidat, der 32-Jährige – fuhr von 2006 bis 2010 bei Sauber und Renault, war 2011 nach einem schweren Rallyeunfall außer Gefecht – bestreitet bereits Tests. Pérez' Hoffnung heißt Ferrari, und bei einem Abgang des 27-Jährigen wäre der Platz frei – und auf diesen Sitz spitzt das Gros der Formel 1.

Ob ein Newcomer – der Tiroler Lucas Auer soll in Budapest Anfang August den Young Drivers Test für Force India bestreiten – eine Chance hat? Teamchef Vijay Mallya hat ihn auf der Rechnung. Der DTM-Pilot werde „möglicherweise eine Chance in einem Test bekommen. Und danach sage ich Bescheid.“


Valtteri Bottas (28)
Mercedes


Mit zwei Siegen hat der Finne seine anfangs kritisierte Verpflichtung gerechtfertigt. Er ist WM-Dritter, hat im Duell mit Vettel und Hamilton Chancen. Realer ist, dass sein Vertrag bis 2019 verlängert wird, auch weil Hamilton dessen Ruhe schätzt. Die Mercedes-Juniors Esteban Ocon (Force India) und Pascal Wehrlein (Sauber) hält Toto Wolff für noch nicht reif.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

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