Ein Getriebener hinter dem Lenkrad

Der Weltmeister von 2017 ist zugleich die schillerndste Persönlichkeit im Fahrerlager: Lewis Hamilton, 32, aber auf seinen Glamourfaktor zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht.

Der vierte Titel ist eingefahren, Lewis Hamilton aber plant schon für Nummer fünf. „Ich habe es heuer so genossen wie nie zuvor.“
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Der vierte Titel ist eingefahren, Lewis Hamilton aber plant schon für Nummer fünf. „Ich habe es heuer so genossen wie nie zuvor.“
Der vierte Titel ist eingefahren, Lewis Hamilton aber plant schon für Nummer fünf. „Ich habe es heuer so genossen wie nie zuvor.“ – imago/LAT Photographic

Wien/Mexiko-Stadt. Im Vergleich zu den Millionären und ehemaligen Weltmeistern, deren Söhne meist in Formel-1-Boliden am Steuer sitzen, lebten Carmen Lockhart, eine Engländerin, und Anthony Hamilton, ein Auswanderer aus Grenada, in ärmlichen Verhältnissen. Doch war genug da, dass ihr Sohn Lewis mit acht Jahren zum ersten Mal in einem Kart Platz nehmen konnte. Er fuhr gegen Kinder, die bereits ein komfortables Motorhome und die besten Karts besaßen. „Wir hatten eine Schrottkiste. Aber wir haben damit gewonnen. Mit dem gleichen Hunger kämpfe ich heute noch auf der Strecke“, erzählte Lewis Hamilton einmal.

Diesen Hunger hat der mittlerweile 32-Jährige am Sonntag mit seinem vierten Weltmeistertitel in der Formel 1 gestillt. Ob der vorangegangenen neun Saisonsiege reichte dafür ein neunter Platz in Mexiko. Hamilton aber gab bereits die nächstes Ziele aus: „Vier ist eine tolle Zahl, aber jetzt möchte ich Titel Nummer fünf.“

 

Zwischen Ikonen und Idolen

Sein Erfolgsrezept: Der Brite führt sein Rennfahrerleben so, wie es ihm gefällt. Und seine Chefs lassen ihn gewähren, schließlich stimmt die Leistung. „Ich arbeite seit fünf Jahren mit ihm. Auf diesem Level habe ich ihn noch nie gesehen“, staunte Toto Wolff. Der Mercedes-Motorsportchef hat selbst Anteil daran, eine viel zitierte Aussprache in seiner Küche mit Hamilton am Ende der Vorsaison gilt als Geburtsstunde der erfolgreichen Titelmission 2017. Kurz zuvor hatte Hamilton den WM-Titel an seinen missliebigen Stallrivalen Nico Rosberg verloren. Es war der größte Rückschlag seiner Karriere und erst das zweite Mal, dass er sich in einem teaminternen Duell geschlagen geben musste (2011 hatte Jenson Button die Nase vorn), seit er 2007 in die Formel 1 kam und sich 2008 mit 23 Jahren zum bis dahin jüngsten Champion kürte.

Sebastian Vettel sollte ihm diesen Rekord zwei Jahre später abnehmen, die Rivalität mit dem Ferrari-Piloten, der sich heuer in der zweiten Saisonhälfte wie auch sein Team als zu fehleranfällig erwies, wird den Motorsport weiterhin prägen. Für die Formel 1 aber ist ohnehin Hamilton der bessere Weltmeister. Schon Bernie Ecclestone mochte seinen glamourösen Landsmann lieber als den Deutschen Vettel und machte kein Geheimnis daraus. Hamiltons öffentlich betriebener Personenkult, sein Jetset-Leben als postmoderner Bohemien (Jahresgehalt 18,7 Millionen Euro), seine Tattoos, sein Veganismus, seine Freundschaften (und nachgesagten Affären) mit Hollywoodstars, Musikgrößen, Models und Sportstars faszinieren die umworbene jüngere Zielgruppe.

Doch Hamilton auf seinen Glamourfaktor zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Zwar ist er ein brillanter Selbstdarsteller, den Umgang mit den sozialen Medien beherrscht er perfekt, Hochstapler ist er dabei aber keiner. Selbst Nelson Mandela zählte er zu seinen Freunden, nachdem dieser ihn eingeladen und mit ihm eine Woche in Südafrika verbracht hatte. Hamilton sprach später von einer der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens. Seine größte Leidenschaft nach dem Rennsport ist die Musik, er spielt Gitarre, Schlagzeug und Klavier, hat selbst über 100 Lieder geschrieben und auch schon in einem Club in New York gesungen. Er liebäugelt mit Film- und Modeprojekten, seine größte Sorge ist es, sein Potenzial nicht zur Gänze auszuschöpfen.

In der Formel 1 ist Hamilton längst einer der Größten überhaupt: Nach Rennsiegen (62) ist er die Nummer zwei hinter Michael Schumacher (91), seit September 2017 hat niemand mehr Pole Positions eingefahren als der Brite (72), nur Schumacher (7) und Juan Manuel Fangio (5) haben öfter die WM gewonnen. Mit Titel Nummer vier hat Hamilton nun auch sein Idol Ayrton Senna (3) überflügelt. „Ayrton war immer derjenige, zu dem ich aufgesehen habe, bei dem ich das Gefühl hatte, dass wir wesensverwandt sein könnten.“

HAMILTONS REKORDE

Lewis Hamilton, 32, aus Stevenage in Mittelengland, ist zum vierten Mal nach 2008, 2014 und 2015 Formel-1-Weltmeister. Der Mercedes-Star ist der erste Brite mit vier Titeln, er zog mit Alain Prost und Sebastian Vettel gleich. Nur Michael Schumacher (7) und Juan-Manuel Fangio (5) waren öfter Weltmeister.

2017 stehen noch die GP von Brasilien und Abu Dhabi auf dem Programm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2017)

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