Tokio. „So viel will man in diesem Moment sagen, aber ich bin in erster Linie nur unendlich dankbar.“ So ist er, der jüngste Doppelweltmeister der Formel-1-Geschichte. Sebastian Vettel ist menschlich. Zumindest, sobald er seinen Boliden entstiegen ist. Am Sonntag begnügte sich der Red-Bull-Pilot nicht ganz freiwillig mit dem dritten Platz, um seinen Titel zu verteidigen. Vettel war aus der Poleposition gestartet, hatte McLaren-Piloten Jenson Butten nach dem Start mit einem wilden Spurwechsel hinter sich gelassen und trotzdem nicht gewonnen. Beim ersten Boxenstopp war Button vorbeigezogen, und beim zweiten auch Ferrari-Pilot Fernando Alonso.
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Auch wenn ihn alle bejubelten, in der Stunde des Triumphs grübelte Vettel darüber nach, warum es mit dem Sieg beim Großen Preis von Japan in Suzuka nichts geworden ist. „Wir waren auf den weichen Reifen leider nicht so schnell wie erhofft“, sagte der 24-jährige Heppenheimer. So ist er auch. Ein bisschen die Sau rauslassen, aber gleich wieder alles unter Kontrolle haben. Wenige Tage nach seinem Triumph in Abu Dhabi im Vorjahr fuhr er bereits zu Reifentests. Und heute, Montag, wird's ebenfalls nichts mit Katerfrühstück. Am Morgen hat Vettel einen PR-Termin bei Nissan.
Vielleicht wird er vor dem Einschlafen noch einmal das Rennen Revue passieren lassen. Überlegen, wo er es verloren hat. Die meisten Beobachter werden ihn von aller Schuld freisprechen. Zumindest, was das Rennen betrifft. Dass sich sein Ausritt im Freitagstraining auf das ganze Set-up ausgewirkt hat, dass der im letzten Augenblick aus England eingeflogene neue Frontflügel doch nicht hundertprozentig gepasst hat, alles Spekulationen.
Doch dieser Tage wird in der Formel 1 mehr spekuliert als gefeiert. Die Rennställe haben die Saison abgehakt. Spätestens nach Vettels neuntem Sieg in Singapur. Ferrari und McLaren testen längst fürs nächste Jahr. Und das eine oder andere Teil soll bereits am Sonntag erprobt worden sein. Vor allem McLaren machte binnen kürzester Zeit in der Entwicklung einen riesigen Schritt. Hatte der Wagen zu Beginn der Saison neben Red Bull noch wie eine Rikscha gewirkt, so könnten Button und Lewis Hamilton in den kommenden Rennen in Korea und Indien schon jene sein, die es zu schlagen gilt. Und auch aus Maranello, wo Ferrari den Wagen für das kommende Jahr baut, werden hinter vorgehaltenen italienischen Händen Wunderdinge erzählt. Mit anderen Worten: So eine einseitige Saison dürfte es so schnell nicht mehr geben.
Der jüngste Dreifachweltmeister: Die rasante Karriere des Sebastian Vettel
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Ja, die Saison war einseitig. Aber im Gegensatz zu Schumachers Zeiten war sie nicht langweilig. Das liegt einerseits daran, dass Vettel mit den Weltmeistern Button, Hamilton und Alonso genügend ernst zu nehmende Konkurrenz hat. Andererseits sorgt das neue Reglement für Spannung, auch wenn der Sieger am Ende Vettel heißt.
Die „Welt am Sonntag“ zählte mit und kommt heuer im Schnitt auf 63 Überholmanöver pro Rennen. 2009 waren es 14. Zu Schumachers Glanzzeiten hatte man als Zuschauer vor dem Fernsehschirm ohnehin das Gefühl, dass neben der Strecke Überholverbotsschilder montiert waren.
Grund für die Action auf dem Asphalt ist das von Bernie Ecclestone ausgetüftelte Reglement. Ausklappbare Heckflügel und das Kers-System, das den Boliden per Knopfdruck Flügel verleiht, bringen das Publikum auf Touren. Das hat vielleicht nichts mehr mit dem guten alten Automobilsport zu tun, als die Piloten noch Männer waren, Kette rauchten und den Lungenkrebs ohnehin nicht mehr erlebten, aber es lockt die Massen vor die Fernsehschirme.
Reifen sorgen für Spannung
Als Michael Schumacher mit Ferrari alles in den Schlaf fuhr, hatte sein Ferrari-Team einen unbegrenzten Überziehungsrahmen und einen Exklusivvertrag mit dem Reifenhersteller Bridgestone.
Heute gibt es Budgetgrenzen für die Rennställe, heute werden Pirelli-Reifen aufgezogen, die sich innerhalb von 15 Runden in Pudding verwandeln. Heute wird nicht der mit dem meisten Geld, sondern der mit dem besten Team Weltmeister. Red Bull hat ganz einfach die hellsten Köpfe rund um das Supertalent Sebastian Vettel vereint, mit dem Überkopf Adrian Newey, dem Konstrukteur des Red-Bull-Autos. Denn längst entscheiden nicht mehr die PS, sondern macht die Aerodynamik den Unterschied.
Die Formel 1 ist eine große Show geworden – und auf die Tradition wird gepfiffen. Zu Recht gepfiffen. Auch die historischen Rennstrecken werden immer weniger. Man fährt in China, Malaysia, Indien, in der Türkei, in Abu Dhabi, bald wird man in Russland fahren. Klassiker wie San Marino, Magny Cours, Estoril und zum Leidwesen vieler österreichischer Motorsportfans Spielberg wurden aussortiert. Weil sie einst für Rennautos und nicht für Fernsehsender errichtet wurden. Weil sie nicht für die Show geschaffen waren. Weil moderne Rennen auf Designerstrecken stattfinden.
Alles für die Show
Aus Sebastian Vettel kann also zum Glück nie ein Michael Schumacher werden. Nicht nur, weil sich die Formel 1 in nur wenigen Jahren grundlegend verändert hat. Langweiler Schumacher hat dafür gesorgt, dass Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone nie wieder einen siebenfachen Weltmeister zulassen wird. Sollten Vettel und Red Bull nächstes Jahr wieder allen davonfahren, steht eben die nächste Regeländerung ins Haus. Schlimmstenfalls muss Vettel mit der Rikscha fahren.
Ergebnisse: 1. Jenson Button (GBR) McLaren-Mercedes 1:30:53,427 Schnitt: 202,972 km/h
2. Fernando Alonso (ESP) Ferrari +1,160
3. Sebastian Vettel (GER) Red Bull +2,006
4. Mark Webber (AUS) Red Bull +8,071 5. Lewis Hamilton (GBR) McLaren-Mercedes +24,268 6. Michael Schumacher (GER) Mercedes +27,120 7. Felipe Massa (BRA) Ferrari +28,240 8. Sergio Perez (MEX) Sauber +39,377 9. Witali Petrow (RUS) Lotus-Renault +42,607 10. Nico Rosberg (GER) Mercedes +44,322.
WM-Stände (nach 15 von 19 Rennen) Fahrerwertung: 1. Vettel (GER) Red Bull 324 2. Button (GBR) McLaren-Mercedes 210 3. Alonso (ESP) Ferrari 202 4. Webber (AUS) Red Bull 194 5. Hamilton (GBR) McLaren-Mercedes 178.
Konstrukteurs-WM: 1. Red Bull 518 2. McLaren-Mercedes 388 3. Ferrari 292 4. Mercedes 123 5. Lotus-Renault 72 6. Force India 48 7. Sauber 40 8. Toro Rosso 29 9. Williams 5.
Nächstes Rennen: Sonntag (16. Oktober) Grand Prix von Südkorea in Yeongam.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2011)





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