Usain Bolt ist ein Marathonläufer im Vergleich zu dir. Er hat 9,58 Sekunden Zeit, um Weltrekord zu laufen – dein Schicksal entscheidet sich in drei Sekunden. Du schwitzt und bist eingepackt in feuerfesten Stoff, musst Helm und Brille tragen. Es ist Sonntagnachmittag und ein paar hundert Millionen Menschen sehen dir über die Schulter. Du bist ein Weltstar ohne Gesicht, du verdienst 40.000 Euro im Jahr und wenn du dich um einen Millimeter verschätzt, bist du in ein paar Minuten ein Link auf Facebook, der „Idiot des Tages“ und sie lachen über dich in den Favelas von São Paulo und in deiner Stammkneipe in Towcester.
Formel-1-Mechaniker kennen den Begriff Burn-out nicht. Sie haben höchstens mal Verbrennungen, wenn – wie zuletzt bei Williams – ein Tank explodiert. Sie denken bei Monaco nicht an Modeschauen und Jachten, sondern an Käfighaltung in engen, nicht artgerechten Boxen. Sie verspüren Angst, Fehler zu machen – so wie er bei McLaren etwa in den letzten eineinhalb Jahren 13 Mal passiert ist: Mal klemmt eine Radmutter, dann gibt der Lollipop-Mann um eine Zehntelsekunde zu früh das „Go“-Signal. Mal vergisst ein Mechaniker nach dem Reinigen der Tankschläuche einfach 1,9 Liter Benzin – deshalb wurde Lewis Hamilton in Barcelona disqualifiziert. McLaren hat das vielleicht schnellste Auto, ist in der WM aber irgendwo. Schuld daran sind die überforderten Mechaniker, sagt man.
Ein kleines Rad. In einer Formel 1, die keiner mehr versteht, weil sie so eng und unberechenbar geworden ist, kann jede noch so läppische Verzögerung beim Boxenstopp die ganze Strategie über den Haufen werfen und Rennen entscheiden, sogar Weltmeisterschaften. 200 Millionen Euro pumpen die großen Teams in eine Saison und am Ende liegt das ganze Schicksal in der Hand eines Mechanikers aus den englischen Midlands und hängt an dessen Hoffnung, dass der Schlagbohrer tunlichst das macht, was er will.
Der Mechanikerjob ist längst ein Hochleistungssport geworden und Red Bull ist nicht zuletzt deshalb Weltmeister, weil man das besonders früh erkannte, Sportchef Helmut Marko Experten der Nascar-Serie als Berater nahm und ein Physiotherapeut in der Fabrik in Milton Keynes aus einem Pool von 45 Leuten die begabtesten für jede Aufgabe herauszufiltern versucht.
Formel-1-Mechaniker sind wie Kinder, die einen Traum leben und oft dafür ihr Leben daheim aufgeben. Meistens scheitern die Ehen, oder sie sind alleinstehend und am Ende einer Saison, wenn sie von Singapur über Indien und Südkorea nach Brasilien kommen, schmeißen sie an der Bar eine Runde, weil es ihre letzte Saison war und sie die Nase voll haben. Und dann sieht man sie wieder in Melbourne im Jahr darauf und sie sagen, sie haben seit Jänner die Tage runtergezählt, wann es endlich wieder losgeht.
Karriere machen die wenigsten – Leute wie Ron Dennis oder Frank Williams, die früher selber schraubten und heute Millionäre sind, gibt es nicht mehr. Die Teamchefs von heute haben Wirtschaft studiert, oder Raumfahrttechnologie.
Mechaniker sind, der Hierarchie entsprechend, als Letzte dran, erst wenn der Dateningenieur alles ausgewertet hat, dürfen sie drauflosschrauben – in klinisch sauberen Boxen, in denen man keimfrei eine Notoperation an Menschen durchführen könnte. Die Böden müssen so sauber sein, damit man jede austretende Flüssigkeit sofort orten und zurechnen kann.
Doch immer öfter ist es auch der Angstschweiß der Mechaniker, der in den Garagen zu riechen ist. Am Start, da nehmen sie kurz den Helm ab, erzählt McLarens Langzeit-Chefmechaniker Peter Vale: „Dieses Gefühl, wenn die Motoren losheulen und du Teil davon bist – unvergleichlich. Ein Moment der Andacht.“ Doch wenn der Pilot zur Box kommt, flackern sie auf, die Gedanken an die Schlagzeilen von den „Boxen-Clowns“ und dann laufen die drei Sekunden, die entscheiden, ob die 70-Stunden-Woche sich bezahlt gemacht hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)
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